Gelbe Karte für Kunstrasen – oder etwa für den Stadtrat?
Eine Sitzung mit Biss
In Illnau-Effretikon beschäftigt in der letzten Parlamentssitzung ein Thema besonders: der sanierungsbedürftige Fussballplatz beim Sportzentrum.
«Wir wollen nicht demonstrieren oder protestieren. Wir wollen die Parlamentarier bloss begrüssen», sagte Rainer Bierbrodt, Präsident des Fussballclubs Effretikon (FCE), mit einem versöhnlichen Lächeln.
Vor dem Stadthaussaal versammelten sich am Donnerstagabend vor der letzten Parlamentssitzung dieses Jahrs um die 120 Mitglieder des FCE. Mit einem Transparent, auf dem «Liidäschaft in Blau & Wiis» stand, empfingen die Fussballerinnen und Fussballer die Mitglieder des Parlaments: friedlich, jubelnd, klatschend.
Mit dieser Aktion wollte der FCE seinem Anliegen Gehör verschaffen. Denn das Parlament diskutierte über ein Geschäft, das den Fussballclub direkt betrifft.
Mehr Kapazität für den FC
Der dritte Fussballplatz beim Sportzentrum Effretikon ist 44 Jahre alt und sanierungsbedürftig. Der Stadtrat beantragte statt einer Sanierung eine Umrüstung zu einem Kunstrasenplatz. Dieser sollte nicht nur die weitere Nutzung des Platzes garantieren, sondern auch die Kapazität des Klubs steigern.
Fussballplätze im Sportzentrum Effretikon
Das Sportzentrum Effretikon hat drei Fussballplätze. Platz 1 ist 1984 erstellt worden und weist einen naturnahen Bodenaufbau auf – nicht ganz dasselbe wie ein Naturrasen. 2022 wurde er für 330’000 Franken saniert. Der Fussballplatz 2 ist aus Kunstrasen, der 2013 für knappe 3,15 Millionen Franken erstellt wurde. Der dritte Fussballplatz besteht aus Naturrasen und wurde 1980 erstellt.
Der FCE zählt heute 790 aktive Mitglieder in 35 Teams. Die Tendenz ist grundsätzlich steigend – 2023 zeigte sich ein Zuwachs von 40 Spielerinnen und Spielern. Vor allem beim Frauenfussball ist die Nachfrage im Zusammenhang mit der Frauen-EM gestiegen. Allerdings hat der FCE aus Platzgründen ein Aufnahmestopp der Mitglieder veranlasst.
Dem Klub fehlen etwa 300 Trainings- und Spielstunden im Jahr, die in der Winterzeit oder bei schlechtem Wetter nicht durchgeführt werden können. Auf matschigen oder gefrorenen Wiesen lässt es sich nun mal sehr schlecht spielen. Mit dem Kunstrasen würden sich diese Ausfälle vermeiden lassen.
Das Ziel ist es, den Kunstrasenplatz im Jahr 2025 zu erstellen. Der Stadtrat beantragte für das Projekt einen Objektkredit von 1,7 Millionen Franken. Der FCE würde dabei nicht tatenlos zuschauen, sondern sich mit 100’000 Franken beteiligen. Auch eine Stiftung würde sich mit derselben Summe beteiligen.
Eine Subvention vom kantonalen Sportamt in Höhe von 300’000 Franken rundet die Drittfinanzierung ab. So würde Illnau-Effretikon effektiv 1,2 Millionen Franken zahlen.
RPK empfiehlt Rückweisung
«Sport ist Leistung. Sport ist Kameradschaft. Man lernt, wie man verliert, man lernt, wie man gewinnt. Sport ist also eine Lebensschule», begann Arie Bruinink, Parlamentarier der Grünen und Mitglied der Rechnungsprüfungskommission (RPK), sein Referat zum Fussballplatz Nummer 3.

Eine emotionale Rede, die den Fussballerinnen und Fussballern auf der Tribüne wahrscheinlich das Herz höherschlagen liess. Eine Zustimmung erhielt der Kunstrasenplatz nicht. Die RPK empfahl das Geschäft zur Rückweisung. Was der Kommission äusserst wichtig zu erwähnen war: «Es ist nicht so, dass wir gegen den Platz sind.»
Kritik am «ungenügenden» Antrag des Stadtrats
Die «gelbe Karte», wie Bruinink die Rückweisung nannte, gab es aus zwei Gründen. Zum einen wegen der finanziellen Lage der Stadt. Wobei diesem Argument nicht ganz alle zustimmten, wie etwa Dominik Mühlebach (SP) – für den ehemaligen FCE-Spieler spiele das Geld keine Rolle. Zum anderen wegen des «ungenügend vorbereiteten Geschäfts» des Stadtrats.
Dem Stadtrat, oder genauer gesagt der zuständigen Stadträtin Rosmarie Quadranti (Die Mitte), wurde vorgeworfen, Fragen nach wiederholtem Male nicht zu beantworten, sodass die RPK gar kein Urteil fällen konnte. So habe die RPK darauf hingewiesen, den Antrag nochmals genauer zu erarbeiten und ihn zu einem späteren Zeitpunkt dem Parlament vorzulegen.
Bruinink bemängelte das Fehlen konkreter Angaben. Wie etwa die Auslastung der drei verschiedenen Felder und eine fundierte Prognose dazu, eine Variantenanalyse und eine Prognose, ob es überhaupt genügend Trainer haben wird.
«Wir bedauern, dass der Antrag mit Mängeln behaftet ist, deshalb können wir dem Antrag noch nicht, mit Betonung auf noch, zustimmen», sagt Mühlebach, SP- und RPK-Mitglied.
Ein Déjà-vu ?
Einige Parlamentarier unterstützten die Rückweisung. Innerhalb der einzelnen Fraktionen war man sich aber nicht immer einig. «Mit der Rückweisung will die RPK sich vor einem Entscheid drücken», sagt Kilian Meier (Die Mitte). Er habe den Antrag nicht als «schlechter als sonst» gefunden, witzelt er. So sei es für ihn eine Überraschung gewesen, dass die RPK einstimmig für eine Rückweisung war.
Auf den zweiten Blick habe aber auch er gesehen, dass Informationen fehlten. Trotzdem empfand Meier den Antrag als in Ordnung. «Man kann ja beispielsweise auch einfach im Internet nachschauen, wie die Plätze belegt sind, oder sonst redet man einfach miteinander.» Über die Notwendigkeit des Platzes hegt er keine Zweifel.
Auch Stefan Eichenberger (FDP) sah es anders als die RPK: «Ich habe ein Déjà-vu. Schon vor 14 Jahren setzte ich mich für den Kunstrasenplatz im Sportzentrum ein.» Damals habe es schon mehrere Rückweisungen gegeben. «Das machte das Projekt nicht günstiger, sondern nur komplizierter.»
Möglicher Fehler zugegeben
Bei den verschiedenen Plädoyers zeigten sich auch die Rückweisungsbefürworter verständnisvoll und vom Kunstrasen nicht abgeneigt. Und neben der finanziellen Lage – und den Mängeln im Antrag – gab es kaum Einwände.
Die Diskussion schien kein Ende zu finden, und die Parlamentarier verloren sich irgendwann in Detailfragen und bezogen sich nicht mehr auf das Geschäft, sondern auf den «mangelnden Antrag» und wie man was besser hätte formulieren können.
Dann trat Stadträtin Rosmarie Quadranti (Die Mitte) ans Rednerpult. Mit einer Präsentation, die die ungelösten Fragen beantwortete, wollte sie die Parlamentarierinnen und Parlamentarier vom Kunstrasenplatz überzeugen. Ein souveräner Auftritt wohlgemerkt. «Wenn ich Fehler gemacht habe, dann tut es mir leid. Aber ich werde versuchen, Euch umzustimmen.»
Das Parlament zog sich danach für eine Beratungspause zurück. Die RPK schlug einen Kompromiss vor: Der Antrag soll nochmals überarbeitet und bei der nächstmöglichen Sitzung wieder thematisiert werden. Dieser wurde angenommen. Der FC Effretikon muss sich deshalb noch etwas gedulden.
