Wie das Bauvisier einer 5G-Antenne in Wildberg zum Dorfknatsch führt
Chronik eines Konflikts
Gemeindepräsident Dölf Conrad interveniert bei der Sunrise, um eine 5G-Antenne auf dem Gebäude einer dorfbekannten Familie zu verhindern. Doch das Vorgehen wirft viele Fragen auf.
Das Thema 5G lässt schnell die Wogen hochgehen. Wildberg ist dabei keine Ausnahme. Das Tohuwabohu, das dort seit dem Sommer 2021 herrscht, hat aber nur vordergründig mit angeblicher Strahlenbelastung zu tun.
Die Sache ist kompliziert: Es geht um einen angeblichen «Dorfkönig», eine namhafte Entschädigung für eine Antenne und das fragliche Vorgehen der Gemeinde – insbesondere des Gemeindepräsidenten.
Alles beginnt mit einem Bauvisier. Im Sommer 2021 steht es auf einem Hausdach im Wildberger Zentrum. Ein Baugesuch ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht. Schnell macht im Dorf die Neuigkeit die Runde, dass die Sunrise auf dem Haus eine 5G-Antenne bauen will.
Einem Bürger stösst das sauer auf. Nicht etwa wegen der geplanten Antenne, sondern wegen der Hauseigentümerin – der Schwester eines Wildberger Unternehmers.
Besagter Bürger startet eine Sammelaktion und überreicht Ende Mai 31 Unterschriften an die Gemeinde mit der Erklärung: «Wir sind nicht gegen 5G-Antennen, aber nicht auf den Gebäuden der Geschwister.»
So zitiert es zumindest Gemeindepräsident Dölf Conrad (SVP) im April 2023 in einer Antwort an den Bezirksrat Pfäffikon. Das Schreiben im Rahmen einer Aufsichtsbeschwerde liegt uns vor.
Gemeindepräsident will keine Antenne beim «Dorfkönig»
Für Conrad war sofort klar: Er muss etwas unternehmen. «Sofort nach Erhalt des Unterschriftenbogens habe ich mit Sunrise Schweiz Verbindung aufgenommen», legt er in der Antwort auf die Aufsichtsbeschwerde dar. Zuerst habe man ihn abserviert.
Der Gemeindepräsident gibt aber nicht auf. Erst nach «mehrmaliger intensiver Intervention» vonseiten Conrads erklärt sich die Sunrise bereit, das Projekt nochmals aufzurollen, und schafft es offenbar, sich aus der Abmachung mit der Eigentümerin des Privathauses zu lösen.
Die Bedingung der Telekomfirma: Die Gemeinde muss einen Alternativstandort bieten. Conrad hat anscheinend sofort eine Lösung parat: das alte Gemeindehaus, das der Gemeinde gehört.
Im Schreiben an den Bezirksrat begründet er diesen Vorschlag nicht nur mit dem technischen Potenzial des Standorts, der identisch zum ursprünglich vorgesehenen Haus ist.
Für ihn geht es auch um etwas anderes: «Der finanzielle Benefit geht an die Gemeinde und nicht an einen ‹Dorfkönig›.» Er erläutert, dass es für viele Bürger ein absolutes «No-Go» war, dass besagte Schwester des Unternehmers ihr Haus für eine 5G-Antenne zur Verfügung stellte, «mutmasslich aus finanziellen Interessen».
Auf unsere Nachfrage, weshalb er sich zum sofortigen Handeln veranlasst gesehen habe, erklärt Conrad: «Wenn so viele Anwohner in kürzester Zeit ein derartiges Anliegen unterzeichnen, bedeutet das für den Gemeinderat klar, dass Handlungsbedarf besteht.»
Entschädigung soll allen zugutekommen
Die Geschichte mit dem «Dorfkönig» will er nicht noch einmal aufrollen. Man habe den Konflikt in friedlicher Aussprache beigelegt, betont er. Und überhaupt sei die Titulierung als «Dorfkönig» positiv gemeint gewesen, gehöre der Unternehmer doch zu den prominenteren Wildbergern.
Und auch besagter Bürger will sich nicht weiter zur Auseinandersetzung äussern: Die Sache sei für ihn erledigt.
Dass von der Entschädigung für eine Antenne die ganze Gemeinde profitieren soll, sieht Conrad nach wie vor gleich. Sie richtet sich laut Sunrise-Sprecher Willy-Andreas Heckmann nach den ortsüblichen Preisen des Mietmarkts und wird «bilateral mit dem Immobilieneigentümer vereinbart».
Zahlen nennt die Netzbetreiberin nicht, laut einem Bericht von SRF dürfte es aber um einen Betrag in der Grössenordnung von 100’000 Franken gehen, hochgerechnet auf die Betriebsjahre.
Conrad macht deutlich: «Es ist wie bei so vielem – niemand will in den sauren Apfel beissen. Aber wenn es um einen derart hohen Betrag geht, entscheidet man sich plötzlich anders.» Der Gemeinderat habe deshalb gesagt: «Wenn es eine Antenne gibt, sollen alle profitieren.»
Streit um Alternativstandort
Auf den ersten Blick scheint es Dölf Conrad also gelungen zu sein, das Antennenprojekt auf dem Privathaus zu verhindern. Die Sunrise reagiert und projektiert eine 5G-Antenne auf dem alten Gemeindehaus.
Und Anfang 2022 steht erneut ein Baugespann auf einem Dach – schon wieder ohne Baugesuch.
Das wiederum überrascht die Nachbarn – unter anderem die Milchgenossenschaft Wildberg-Ehrikon, der die alte Käserei gleich nebenan gehört. Sie fordert Einsicht in den Gemeinderatsbeschluss, mit dem das Hausdach der Sunrise zur Verfügung gestellt wird.
Doch dieser liegt zu dem Zeitpunkt gar noch nicht vor. In der Folge geht die eingangs erwähnte Aufsichtsbeschwerde beim Bezirksrat ein.
Im Schreiben an den Bezirksrat nimmt der Gemeindepräsident auch Stellung zum fehlenden Beschluss für den Antennenstandort auf dem alten Gemeindehaus. Conrad erläutert, dass er und Immobilienvorsteher Thomas Kupper (parteilos) keinen Anlass für einen formalen Beschluss gesehen hätten, bevor ein Baugesuch vorliege und weitere Details bezüglich Machbarkeit abgeklärt seien. Und stellt gleichzeitig klar, dass er Rücksprache mit dem Gemeinderat genommen habe.
Dass das Bauvisier plötzlich auf dem Haus steht, überrascht aber auch das Gremium. Weder wurde es über die Errichtung informiert, noch hat es die Erlaubnis dazu erteilt.
Initiative für Antennenverbot scheitert
Die Aufsichtsbeschwerde scheint sodann keinen weiteren Einfluss auf das Baubewilligungsverfahren zu haben, der Bezirksrat ergreift keine Massnahmen. Die Sunrise reicht ihr Gesuch im Dezember 2022 ein. Im Mai 2023 erfolgt die öffentliche Ausschreibung, bevor im September der Gemeinderat den Bau der Antenne bewilligt.
Dies, obwohl das alte Gemeindehaus im kommunalen Inventar schützenswerter Bauten und Anlagen verzeichnet ist. «Durch die Erstellung der Mobilfunkanlage auf dem Dach werden der Situationswert und die geschichtliche Prägung nicht beeinflusst», kommt der Gemeinderat in der Baubewilligung zum Schluss. In den Augen der Gemeinde kann Sunrise den Bau an die Hand nehmen.
Dem will Cornelia Lehmann, die Betreiberin des Käseladens im Dorf, zuvorkommen. Sie reicht im Frühjahr 2023 eine Initiative ein, mit der sie Antennen in der Kernzone von Wildberg, Ehrikon und Schalchen ganz verbieten will. Im Dezember darauf kommt das Geschäft vor die Gemeindeversammlung.
Es folgt eine emotionale Debatte. Doch das Resultat ist am Schluss deutlich. Die Wildberger wollen kein generelles Antennenverbot in der Kernzone und folgen damit dem Gemeinderat, der sich für den Netzausbau in Wildberg starkmacht – auch um die Standortattraktivität zu erhöhen.
Ein generelles Bauverbot für Antennen in der Kernzone ist nach der Gemeindeversammlung vorerst vom Tisch. Die Antenne auf dem alten Gemeindehaus ist es in der Zwischenzeit auch – aber aus anderen Gründen.
Gericht tadelt Gemeinde
Die Milchgenossenschaft, Käseladenbetreiberin Cornelia Lehmann und der eingangs erwähnte Unternehmer haben gegen die Baubewilligung der Gemeinde Rekurs eingelegt – und erhalten im Mai vom Baurekursgericht recht. Das Urteil ist in der Zwischenzeit rechtskräftig.
Es kommt zum Schluss, dass die Gemeinde die Schutzwürdigkeit des alten Gemeindehauses nicht genügend abgeklärt hat. Die Antenne wäre für das Gericht ein grosser Eingriff in das geschützte Gebäude.
Zudem kritisiert es das Vorgehen der Gemeinde. Sie hätte nämlich Alternativstandorte prüfen und sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob der vorgesehene Standort für den angestrebten Zweck des Bauvorhabens tatsächlich notwendig ist. Damit ist das eigenmächtige Vorpreschen des Gemeindepräsidenten infrage gestellt.
Conrad betont hingegen, der Gemeinderat habe das alte Gemeindehaus vor allem aus technischen Gründen als Alternativstandort vorgeschlagen. «Sunrise hat sich schliesslich bei der ursprünglichen Standortwahl auch etwas überlegt.»
Das Gebäude als Standort zu bewilligen, sei kein Schnellschuss gewesen – und doch habe ein gewisser Zeitdruck bestanden, zumal das ursprüngliche Projekt der Sunrise bereits weit fortgeschritten gewesen sei.
Dass keine alternativen Standorte geprüft wurden, will Conrad nicht so stehen lassen: «Erste Abklärungen gab es etwa beim Primarschulhaus», sagt er. Diese seien aber verworfen worden. «Dort wäre Widerstand absehbar gewesen, und der Standort wäre sowieso zu weit vom Zentrum entfernt.»
Denn für effiziente Sendeleistung und somit minimale Strahlenbelastung müsse eine Antenne so nah wie möglich bei der Mehrheit der Nutzer sein.
Kommt die Antenne doch noch?
Die Folge: Über drei Jahre, nachdem das erste Bauvisier auf einem Haus im Dorf aufgetaucht ist, steht immer noch keine neue Antenne in Wildberg.
«Jetzt sind wir wieder auf Feld eins», sagt Conrad. Er könne sich gut vorstellen, dass die Sunrise sich jetzt «kein Bein mehr ausreisst», um den 5G-Empfang in Wildberg zu verbessern. Und er geht sogar noch weiter: «Der Ball liegt jetzt bei Sunrise, und die Leidtragenden sind schliesslich die Wildberger mit einer nicht aufdatierten Sende- und Empfangsleistung.»
Sprecher Heckmann hingegen sagt: «Sunrise sieht noch immer Bedarf einer verbesserten Mobilfunkversorgung der Gemeinde Wildberg. Aktuell werden entsprechende Möglichkeiten geprüft – allfällige Lösungen werden im Dialog mit der Gemeinde diskutiert.»
Befürworter können also nach wie vor auf eine Antenne in Wildberg hoffen. Ob dann mit weniger Tohuwabohu, wird sich zeigen.
