Mit der Oberlandautobahn auf Stimmenfang für den Autobahnausbau
Obwohl es um andere Projekte geht
Der mögliche Ausbau der Schweizer Autobahnen beschäftigt die Bevölkerung anlässlich der Abstimmung vom 24. November. Nun dient Wetzikon als negatives Beispiel für das Ja-Komitee.
Am Montagabend besuchte das Komitee Ja zur Sicherung der Nationalstrassen die Stadt Wetzikon. Die acht Personen – darunter Präsidenten von mehreren Vereinen und Verbänden, ein Stadtrat sowie eine Nationalrätin – weibelten im Rahmen eines Mediengesprächs für ein Ja bei der Abstimmung um den Ausbau der Autobahnen.
Worum geht es?
Am 24. November befindet die Schweizer Stimmbevölkerung über den Ausbau der Autobahnen. Da sich der Verkehr auf den Nationalstrassen seit 1990 mehr als verdoppelt hat, kommt es an verschiedenen Stellen regelmässig zu Stau. Nun will der Bund das Autobahnnetz an sechs neuralgischen Punkten ausbauen – an drei Orten handelt es sich um ein Tunnelprojekt. Der Ständerat und der Nationalrat haben dem Vorhaben des Bundesamts für Strassen (Astra) bereits zugestimmt. Jedoch wurde gegen den Entscheid das Referendum ergriffen, weshalb nun die Stimmbevölkerung das letzte Wort hat. (jgu)
Der hohe Besuch im Oberland überrascht ein wenig. Denn eigentlich stimmt die Bevölkerung nicht über ein Projekt in der Region ab. Im Fokus der Abstimmungsvorlage stehen die Kantone Genf, Waadt, Bern, Basel, Schaffhausen und St. Gallen.
In Wetzikon besuchte die Delegation die Rapperswilerstrasse zu Hauptverkehrszeiten. Das hohe Verkehrsaufkommen in der Stadt steht für das Komitee exemplarisch dafür, wie wichtig der Autobahnausbau ist.
Mitten im Epizentrum
«Hier in Wetzikon sind wir im Epizentrum des Oberlands», begrüsste Horst Meier, Präsident des Vereins Zusammenschluss Oberlandstrasse, die Medienschaffenden. Weil im Oberland eine Autobahn fehle, weiche der Verkehr auf die verfügbaren Strassen aus. Das werde gerade zu den Hauptverkehrszeiten an der Rapperswilerstrasse sichtbar.
Zwischen der Autokolonne bahnte sich die Personengruppe einen Weg auf die andere Strassenseite. Zwischen dem Bahnhof Wetzikon und der Rapperswilerstrasse sprach der Wetziker Stadtrat Stefan Lenz (FDP) über die Eigenheiten der Strasse. «Gut 28’000 Autos passieren jeden Tag Wetzikon. Das sind mehr, als durch den Gotthard fahren.»
In der Stadt herrschte beim Verkehr reges Treiben, wie auch die Frequentierung des Bahnhofs zeigte. Dort steigen täglich bis zu 50’000 Personen ein und aus. In Wetzikon arbeiten zudem gut 14’500 Menschen. «Wir sind keine Schlafstadt», kommentierte Lenz die Zahlen. «Mitarbeitende wollen an ihre Arbeitsplätze und am Abend wieder nach Hause.» Das Gewerbe muss zudem zu seinen Kunden gelangen können und umgekehrt. Ein funktionierendes Strassennetz hat deshalb für Wetzikon einen hohen Stellenwert.
Wetzikon als Ausweichroute
Wie der Stadtrat erklärte, handelt es sich bei der Hälfte des Verkehrs um sogenannten Quell- und Zielverkehr, die anderen 50 Prozent sind Durchgangsverkehr. Gäbe es nun eine Oberlandautobahn, würde sich Letzterer stark reduzieren.
Beim zuständigen Bundesamt für Strassen (Astra) ist seit Jahren bereits eine Oberlandautobahn in Planung, welche Uster mit Hinwil verbinden würde. Bis voraussichtlich im Jahr 2026 sind allerdings noch mehrere Varianten der Routenführung in Prüfung – und bis zur Realisierung muss mit einem Zeithorizont bis 2040 gerechnet werden. «Wir warten schon sehnlichst darauf», meinte etwa Stadtrat Lenz.
Die Tatsache, dass im Oberland immer noch keine Oberlandautobahn steht, bezeichnete die Rütner Nationalrätin Yvonne Bürgin (Die Mitte) als «die grösste Fehlplanung». Denn nun weiche der Verkehr einfach auf die umliegenden Strassen aus, wie in Wetzikon auch sichtbar werde.
Falls der Ausbau der Nationalstrassen in der Abstimmung vom 24. November beim Volk keine Zustimmung findet, befürchtet das Komitee, dass Szenarien wie in Wetzikon auch in anderen Städten Realität werden.
Auswirkungen auf mehreren Ebenen
Grundsätzlich sprechen aus Sicht des Ja-Komitees viele Argumente für die Autobahnen. Gemäss Peter Goetschi, dem Zentralpräsidenten des Touring Clubs Schweiz (TCS), gehören die Autobahnen zu den sichersten Strassen in der Schweiz. Gerade mal 14 Prozent der Unfälle ereignen sich auf Nationalstrassen. Zudem sind die meisten Unfälle auf Autobahnen Auffahrunfälle. «Weniger Stau heisst deshalb auch weniger Auffahrunfälle», sagte Goetschi.
Urs Furrer, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, wies zudem auf die Relevanz der Nationalstrassen für die Lebensmittelindustrie hin. Bei rund einem Drittel der transportierten Güter des täglichen Gebrauchs handle es sich um Lebensmittel oder deren Rohstoffe. Weil Transportunternehmen mittlerweile Stauzuschläge von 6 bis 9 Prozent verlangten, würden die Lebensmittel teurer.
Migros und Coop widersprechen dieser Aussage, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Der Grossteil der Lebensmittel werde per Schienenverkehr in die grossen Zentren gefahren, wo letztlich Lastwagen die Güter bis zu den Filialen transportierten. Die Produkte würden durch die Stauzuschläge aber kaum verteuert.
Schwerer Stand für die Oberlandautobahn
Die Abstimmung hat gemäss Nationalrätin Bürgin denn auch Konsequenzen für die geplante Oberlandautobahn. «Ein Nein an der Urne ist auch als Nein für die nächsten Schritte zu verstehen.» Für das Komitee geht es bei der Abstimmung um die grundsätzliche Haltung, ob die Bevölkerung Autobahnen unterstützt.
Faktisch gesehen wäre das Projekt «Oberlandautobahn» auch bei einem Nein noch nicht begraben. Allerdings sei eine Kettenreaktion zu erwarten, dass künftig jeder Autobahnausbau abgelehnt werde. «Dieselben Kräfte, die sich gegen die aktuelle Vorlage gestellt haben, könnten sich auch gegen die Oberlandautobahn stellen», sagte Bürgin.
Nun hofft das Ja-Komitee, im Oberland auf Zustimmung für den Autobahnausbau zu treffen. Mitte September besuchte bereits Astra-Direktor Jürg Röthlisberger die Region. Am Montag folgte die Delegation des Komitees. Und nächste Woche besucht gar Bundesrat Albert Rösti (SVP) eine Podiumsdiskussion in Uster.
