Welche Armee braucht die Schweiz?
Ein Abend zur Sicherheitspolitik in Gossau
Die Geschichte wiederholt sich nicht. Und dennoch kann man in der heutigen Weltlage Parallelen zur Vorkriegszeit nicht wegdiskutieren. Ein Diskussionsabend in der Altrüti in Gossau zeigte dies in aufrüttelnder Weise.
Genauso wenig, wie sich die Geschichte wiederholt, sagt sie die Zukunft voraus. Wenn sich heute das Bundesparlament um höhere Ausgaben für die Armee zankt, dann fühlt sich Michael Olsansky in eine längst vergangene Zeit versetzt. Der Militärhistoriker ist Dozent an der ETH-Militärakademie und bildet künftige Berufsoffiziere aus. Am Donnerstagabend führte er auf Einladung der SVP Gossau die rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer zwar über 80 Jahre zurück; aber fast bei jedem Satz kam man nicht umhin, auch an die jetzige Zeit zu denken.
Olsanskys Referat war nicht das einzige, das das Publikum zu hören bekam. Auch der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (parteilos) sprach zum Thema «Krieg in Europa – eine starke Landesverteidigung, aus Liebe zur Heimat!». Und der Organisator des Abends, der Gossauer SVP-Kantonsrat Daniel Wäfler, führte die abschliessende Diskussion, zu der sich auch Nationalrätin Nina Fehr Düsel (SVP) gesellte. Es war ein Abend, der zum Nachdenken anregte.
Erst spät begann es, den Menschen zu dämmern
Wie war das mit der Geschichte? «Der Zweite Weltkrieg kam für die Schweiz zu früh», sagte Olsansky, ein schweizweit bekannter Kenner seines Fachs, der zwar heute im Thurgau wohnt, aber die ersten drei Lebensjahre im Oberland lebte. In den 1930er Jahren war es ein bisschen so wie in den 1990er Jahren. Die Schweiz wähnt sich im Frieden, die Armee ist, was sie ist. Niemand denkt, dass man sie wieder einmal benötigen könnte.
Erst als die Situation in Deutschland langsam anders wurde, begann es den Schweizerinnen und Schweizern zu dämmern. Da zieht ein weltpolitisches Gewitter auf. Unter Bundesrat Rudolf Minger begann man, wieder in die Armee zu investieren.
Ein Glückskauf von den Deutschen
«Aber viel zu spät», wie Olsansky zeigte. Mit Wehranleihen gelang es, Geld aufzutreiben, aber der Rüstungsmarkt war schon besetzt. Niemand verkaufte der Schweiz Waffen oder Flugzeuge, bis man – «mit viel Glück» - den Deutschen (!) dann doch ein paar Kampfflugzeuge abluchsen konnte. «Sonst wäre die Schweiz im Zweiten Weltkrieg ohne Luftverteidigung dagestanden», sagte der Historiker.


Und heute? Ist vieles ähnlich, wie auch Mario Fehr meinte. «Die Lage ist unsicherer geworden.» Wie fundamental wichtig die Sicherheit im eigenen Land ist, zeige sich heute an den aktuellen Brennpunkten in der Ukraine, im Libanon, und an gravierenden terroristischen Ereignissen in der letzten Zeit. Es sei die wichtigste Aufgabe des Bunds, die Sicherheit des Lands zu garantieren. Und in der Bevölkerung zeige sich allmählich ein Umdenken. Langsam spüre man wieder die Unterstützung für eine funktionsfähige Armee. Auch in der Politik.
«Beendet das Trauerspiel»
Eine Armee, die keine funktionierende und moderne Ausrüstung habe, sei wertlos, sagte Fehr: «Beendet das Trauerspiel und rüstet die Armee richtig aus», rief er in den Saal und Richtung Bern. Immerhin soll nun der Finanzrahmen für die Armee leicht aufgestockt werden, wie in der Herbstsession beschlossen wurde.
Aber die Budgetdebatte folgt erst noch. Erst dann wird sich weisen, wie ernst es dem Parlament ist. Und wie das Ganze finanziert werden soll, steht noch in den Sternen. «Wieso nicht die alte Idee einer Armeeanleihe?», fragte sich Militärhistoriker Olsansky.
Die Diskussion zusammen mit Nina Fehr Düsel drehte sich auch um das Thema Neutralität, die zwar wichtig und richtig sei, aber die eine bewaffnete Neutralität sei. «Dafür müssen wir zuerst einmal sorgen», sagte Mario Fehr. Bisher sei man damit gut gefahren, betonte Nina Fehr Düsel.
Es reicht nicht, einfach Waffen zu kaufen
Es beginnt in den Köpfen der Menschen langsam zu dämmern, dass die Lage rund um die Schweiz nicht mehr so friedlich ist. Dass man sich wappnen muss. Aber wofür? Olsansky: «Wir müssen uns überlegen, was passiert, wenn Russland die Ukraine besiegt.» Was folgt danach? Was bedeutet das für die Schweiz? Es reiche nicht, einfach Waffen zu kaufen. Die Armee muss auch fähig sein, diese Waffen zu bedienen. Und das gehe nicht von heute auf morgen.
