Deshalb kommt es zum Marschhalt bei der Töss-Umgestaltung in Wila
Revitalisierungsprojekt sistiert
Die Pläne des Kantons, die Töss bei Wila naturnah zu gestalten, stossen seit Tag eins auf Widerstand. Nun hat er das Projekt vorerst auf Eis gelegt – zur Freude der Gegner. Die Gemeinde hofft derweil, dass das nicht der Anfang vom Ende ist.
Lange war es ruhig um die ambitionierten Pläne des Kantons, die Töss in Wila umzugestalten. Nun kommt das Projekt vorläufig zum Stillstand. Der Kanton hat beschlossen, die Pläne vorerst nicht weiterzuverfolgen.
Zuletzt hatte das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) Ende 2022 die Variante präsentiert, die es weiterverfolgen will. Der Damm und die Verbauungen sollten einem naturnahen Flusslauf weichen. Die Töss selbst sollte mehr Platz erhalten – und so die Möglichkeit, mehr Wasser abzuleiten.
Bei den Plänen hatte sich das Amt an der kleinsten der drei denkbaren Varianten orientiert, die zuvor erarbeitet worden waren.
Massgebend für den Planungsstopp war die Lösungsfindung zwischen Kanton und Grundeigentümern, die sich schwierig gestaltet. «Eine Weiterführung der Planung des Wasserbauprojekts ist nicht sinnvoll, bevor die Grundbesitzverhältnisse entlang der Töss in Wila geklärt sind», teilt das Amt mit.
Für die Neugestaltung des Flusslaufs benötigt der Kanton nämlich Land im Gebiet Schochen, das aktuell Privaten gehört. Bisherige Zeichen deuteten aber darauf hin, dass nicht alle Eigentümer ihr Land abtreten wollen.
Es braucht Überzeugungsarbeit
Wo liegt der Knackpunkt? Laut Gemeindepräsident Simon Mösch (Die Mitte) dürfte ein Grund der Landpreis sein. Er ist nach oben limitiert, weil die Flächen in der Reservezone liegen. «Es lohnt sich schlicht nicht, dieses Land zu verkaufen», erklärt Mösch. «Entsprechend muss da viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit der Mehrwert auch für die Grundeigentümer erkennbar ist.»
Gleichzeitig gelte es auch, die Interessen der Landwirte, die die Flächen bewirtschafteten, zu wahren. «Es ist ein Zielkonflikt, und da braucht es viel Sensibilität und einen offenen Lösungsfindungsprozess», sagt Mösch. Dabei müssten die Interessen aller Anspruchsgruppen berücksichtigt werden.

Wie eine gute Lösung für alle aussehe, lasse sich noch nicht sagen. Klar ist: «Es muss eine raumplanerische Verbesserung für das ganze Gebiet sein, welche auch unabhängig von der Revitalisierung für alle Beteiligten Sinn macht.» Sie müsse auch unabhängig vom Töss-Projekt einen Mehrwert für die Gemeinde bieten.
Angst vor Touristenflut
Die Entscheidung aus Zürich, das Projekt vorderhand nicht weiterzuverfolgen, kommt nicht allzu überraschend. Denn der Widerstand gegen das Töss-Projekt hat schon lange Bestand. Ende 2021 reichte ein Komitee aus Landbesitzern, -bewirtschaftern und Anwohnern eine Petition mit 126 Unterschriften ein.
Mit dieser wollten sie die ablehnende Haltung einiger Bürger gegenüber dem Projekt darlegen. Kernanliegen der Gegner war und ist der Verlust von Land, denn es handelt sich in Teilen um landwirtschaftliches Nutzland.
Hinzu kommt die befürchtete Zunahme des Tourismus, wenn die Töss dereinst naturnah gestaltet wäre. «Wir haben schon jetzt genügend Touristen. Ein Anstieg würde die Belastung erhöhen und die Grundstücke entwerten», sagt Marcel Johler, dessen Grundstück ebenfalls betroffen wäre. Er hat die Petition damals gemeinsam mit Edi Weber und Martin Furrer, dem Präsidenten der SVP Wila, eingereicht.
An der ablehnenden Haltung hat sich seither nicht viel verändert – ungeachtet der Tatsache, dass der Kanton die am wenigsten invasive Variante der Umgestaltung vorantreiben wollte. «Die Problematik bleibt die gleiche.»

Es sei verwerflich, wenn man den Leuten Land wegnehme, die das Projekt gar nicht wollten. «Meinetwegen kann der Kanton die Töss so viel umgraben, wie er will», sagt Johler. «Solange der Fluss im jetzigen Perimeter bleibt, haben wir nichts gegen eine Renaturierung.»
Entsprechend erfreut zeigen sich die Gegner über den Marschhalt. «Obwohl wir nicht wissen, wie lange diese Sistierung dauert, ist das eine sehr gute Nachricht», betont Johler. «Aber natürlich wäre uns noch lieber, wenn das Projekt ganz eingestellt würde.»
Sistierung soll Sistierung bleiben
Anders sieht das der Gemeinderat. «Wir sind überzeugt, dass es zu einem respektvollen Umgang mit Steuergeld gehört, dass diese Sistierung wirklich eine Sistierung bleibt, anstatt dass diese in ein paar Jahren komplett abgeschrieben wird und es dann in zehn Jahren wieder von vorne losgeht», sagt Mösch.
Der Gemeinderat habe sich im ganzen Projekt mit sehr grossem Aufwand dafür eingesetzt, dass die Wilemer Interessen berücksichtigt würden. «Im letzten Dezember haben wir uns hinter den aktuellen Stand des Projekts gestellt, da die Interessen entsprechend im Projekt umgesetzt wurden.»
Die Gegner um Marcel Johler hoffen derweil, dass der Widerstand in Wila Signalwirkung für ähnliche Projekte im Tösstal hat. «Vielleicht hat das dem Kanton gezeigt, dass man mit so einem Projekt nicht einfach durchmarschieren kann.»
Hier erkennt auch Simon Mösch Nachholbedarf. «Die Grundlage jeder Lösungsfindung muss das Verständnis sein für die persönliche Situation des anderen.» Andernfalls seien Einigungen mit den Betroffenen sehr schwierig.
Huebbach-Projekt auf Kurs
Einen weiteren Grund für die Sistierung des Projekts verortet der Kanton beim kommunalen Hochwasserschutzprojekt zum Huebbach. Dieser soll mehr Platz erhalten, denn er könnte dem Dorf im Fall eines Jahrhundertereignisses gefährlich werden.
Nachdem sich die Wilemer Bevölkerung in einer Online-Umfrage im letzten September für einen Vollausbau des Bachs und damit gegen eine Bachumlegung ausgesprochen hatte, entfällt für den Kanton der Koordinationsbedarf zwischen den grossen Töss-Plänen und dem kleineren kommunalen Projekt – und mit ihm auch die Synergien.

«Dies erleichterte den Entscheid, die Projektierung des Hochwasserschutz- und Revitalisierungsprojekts an der Töss vorderhand ruhen zu lassen», schreibt das Awel. Für die Gemeinde hat die Sistierung kaum einen Einfluss auf das Huebbach-Projekt. Man habe vorausschauend geplant und sei vom Ist-Zustand ausgegangen, «da wir keine zusätzlichen Verzögerungen für den Huebbach riskieren wollten».
In der zweiten Jahreshälfte will der Gemeinderat den Baukredit beantragen und darüber abstimmen lassen. Im besten Fall würde die Umsetzung dann bereits im kommenden Jahr erfolgen.
Vorher braucht es allerdings auch hier Gespräche mit Landeigentümern. «Aber wir sind zuversichtlich, dass wir mit allen eine gute Lösung finden und dieses wichtige Projekt noch in dieser Legislatur umsetzen können.»