Jetzt trimmt Martin Neukom die Zürcher KVA auf grün
Abfall und Recycling
Weniger Güsel, mehr Kreislaufwirtschaft und mehr Kontrolle durch den Kanton: Der Zürcher Baudirektor nimmt die Kehrichtverwertungsanlagen (KVA) in die Pflicht. Ein Standort darf sich freuen.
Der Baggerfahrer hievt mit seinem schweren Gerät den Sperrmüll in den Trichter, die breiten Förderbänder rattern und bringen das brennbare Material in einem Mordstempo zehn Meter hinauf zu den Sortierungsanlagen.
Das Material passiert grosse Magnete, wird durchgeschüttelt, geschreddert, und am Ende kommen aus einer Presse zum Teil fixfertige Ballen raus mit Rohstoffen wie Karton oder Papier, welche von der Industrie wiederverwendet werden können.


Wir stehen in einer riesigen, lauten Halle in Volketswil, wo die Kreislaufwirtschaft fast schon bildlich – und voll automatisiert – funktioniert. Die Firma Schneider Umweltservice, welche an zehn Standorten 600 Muldentransporte am Tag verarbeitet, betreibt hier eine moderne Sortieranlage.
«Es ist eins zu eins, was der Kanton will», sagt Geschäftsführer Rico Sommerhalder. Hier wird sogenannter Sekundärstoff aus dem Gewerbeabfall herausgeholt. Der gewonnene Rohstoff geht unter anderem an Zementfabriken, Kartonverarbeiter oder Kunststoffverwerter. Und wenn die Gemeinden wie zum Beispiel an Ostern vier Tage lang keinen Haushaltgüsel an die Kehrichtverwertungsanlagen (KVA) liefern, springt die Firma Schneider ein – die Öfen dürfen nicht einfach stillstehen.

Das Unternehmen hat das Recyceln in der DNA. Eine alte Mulde hat als Balkon am grossen Gebäude, das aus später leicht wiederverwertbarem Material gebaut wurde, «ein zweites Leben» gekriegt, wie Sommerhalder sagt.
KVA sollen weniger CO₂ ausstossen
Was der Kanton will, hat am Freitag Balthasar Thalmann erläutert. Der stellvertretende Chef des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) ist kurzfristig für den krankheitsbedingt abwesenden Baudirektor Martin Neukom (Grüne) eingesprungen, um die aktualisierte Abfall- und Ressourcenstrategie des Kantons für die nächsten fünf Jahre zu erläutern.
Das Motto ist nicht neu, soll aber intensiviert zum Zug kommen: Abfälle vermeiden und noch mehr sortieren, nutzen und recyceln. Kurz: die Kreislaufwirtschaft leben, die seit kurzem in der Kantonsverfassung verankert ist. Ziel ist unter anderem, das von KVA und Abwasserreinigungsanlagen emittierte CO₂ – es sind 9 Prozent der Gesamtemissionen – bis 2040 um 85 Prozent zu senken.

Die Abfallmenge pro Kopf nimmt im Kanton Zürich bereits heute stetig ab. Die Menge Haushaltkehricht sank von rund 700 Kilogramm im Jahr 2006 auf weniger als 500 Kilo im Jahr 2022. Auch musste in den letzten Jahren immer weniger auf Deponien gebracht werden. Dieser Trend soll verstärkt werden. Dass es in den Nullerjahren weniger Deponiegut gab als heute, lag nicht an weniger (Bau-)Abfall – im Gegenteil – , sondern daran, dass es im Kanton weniger Deponien gab und der Schutt ausserkantonal entsorgt wurde.
Pro Kopf gerechnet, ist nicht der Haushaltkehricht der grösste Posten. Er macht nur rund 21 Prozent der Abfälle aus. Mit 64 Prozent oder 1500 Kilo den Löwenanteil liefert die Bauindustrie, wobei der Aushub und das Ausbruchgut nicht einmal mitgerechnet sind. 13 Prozent (300 Kilo) sind Sonderabfälle wie Farben, Lacke oder Medikamente, der Rest ist Klärschlamm.
Pro Kopf nimmt die Abfallmenge also ab, doch die Gesamtmenge nimmt infolge des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums und trotz Vermeidungskampagnen zu. Allerdings weniger stark als noch vor fünf Jahren prognostiziert, wie Thalmann sagte.
KVA Horgen bleibt – und erhält Lob
Im Jahr 2035 haben die Zürcher KVA statt 830’000 Tonnen Verbrennungsmaterial «nur» noch 790’000 Tonnen zu erwarten. Die fünf KVA sind stark in der kantonalen Abfallplanung eingebunden. Dass es fünf bleiben, war die Überraschung des Tages.
Denn die kleinste KVA, jene in Horgen, erhält neu eine unbefristete Bewilligung. Sie sollte eigentlich längst geschlossen sein. Doch die Abbruchfrist wurde immer wieder verlängert, laut aktuellem Richtplan bis 2033. Die Unsicherheit sorgte für Unmut in der Zürichseegemeinde, zumal das Fernwärmenetz mit 2500 Haushalten an der KVA hängt.
Warum dieser Schwenk? Awel-Stv.-Chef Thalmann sagte, man habe in der Vergangenheit der kleinen, eher unökologischen Anlage wenig Chancen gegeben, zumal die Dietiker KVA vergrössert wird und den Horgner Güsel verbrennen sollte.
Doch die KVA-Verantwortlichen haben reagiert und grüne, innovative Projekte lanciert. So will Horgen die erste Schweizer KVA sein, die CO₂ ausscheidet. Die KVA arbeite heute günstig und effizient. Die Erhaltung der Horgner Anlage muss allerdings noch vom Kantonsrat mit einem neuen Richtplaneintrag abgesegnet werden.
Kanton erhält mehr Macht
Dass wegen Horgen Überkapazitäten geschaffen werden, ist unwahrscheinlich. Wie die neue KVA-Planung zeigt, sollten die Bedürfnisse zumindest bis 2035 ziemlich genau abgedeckt werden. Dann aber kommt es zu Lücken, weil in Zürich eine Ofenlinie erneuert wird. In dieser Zeit werde man mit ausserkantonalen KVA zusammenarbeiten, sagte Thalmann.
Ab 2038 – wenn Zürich wieder auf Vollbetrieb ist – drohen aber tatsächlich Überkapazitäten. Deshalb hat Baudirektor Neukom dem Kanton ein neues Instrument in die Hand gegeben. Er kann die KVA per Verfügung zwingen, ihre Verbrennungskapazität zu drosseln.
Dass die Kezo Hinwil ihre neue, aber kleinere Anlage um drei Jahre verzögert baut (2031 statt 2028), kommt der kantonalen Planung entgegen. So entsteht keine Verbrennungslücke, während Stadtwerk Winterthur die zweite Ofenlinie ersetzt. Zudem sollte der grösste Player, das Stadtzürcher Hagenholz, seinen dritten Ofen genau beim Winterthurer Umbaustart in Betrieb setzen.
Siloballen und Gas für die Fernwärme
In dieser dreijährigen Ersatzbauzeit hat Winterthur aber ein Problem. Die Stadt baut ihr Fernwärmenetz aus, während nur einer von zwei Verbrennungsöfen Energie liefern kann. Diese Lücke werde mit Gas überbrückt, hiess es am Freitag. Im Winter liefert auch im stets grösser werdenden Stadtzürcher Fernwärmenetz fossiles Gas einen beträchtlichen Anteil der Energie.
Um dies zu vermeiden, haben KVA wie jene in Winterthur und Dietikon angefangen, Abfall zu lagern statt zu verbrennen. Der Güsel wird im Sommer, wenn weniger Wärme und Strom benötigt wird, in Siloballen gewickelt und gelagert. Im Winter greift man darauf zurück und verbrennt es.
Derzeit wird nur die Hälfte des Dampfpotenzials der KVA für Strom und Wärme genutzt. Ziel des Kantons ist es, diese Energie bedeutend besser auszuschöpfen.
Viel Fernwärmepotenzial in Hinwil
In Hinwil, wo es in der Umgebung ebenfalls grosse Fernwärmevorhaben gibt, droht keine Lücke. Denn im Oberland verpufft heute viel Abwärme in der Luft. «In Hinwil gibt es noch viel Potenzial für Fernwärme», sagte Balthasar Thalmann.
Dass die Kezo Hinwil ihre Kapazität senkt und die Limeco Dietikon die ihrige erhöht, bedeutet nicht, dass die Gemeinden ihren Siedlungsabfall in eine andere KVA bringen müssen als heute.

Der Haushaltkehricht macht nur etwa die Hälfte des angelieferten Abfalls aus. Dieser ist streng staatlich geregelt. Die andere Hälfte, der sogenannte Marktkehricht, ist frei. Hinwil wird künftig also fast nur noch Haushaltabfall verbrennen, Dietikon dafür bedeutend mehr Industriekehricht.
