Wenn das Tägernauer Holz der Elefant im Raum ist
Vortrag in Grüningen
Um die geplante Abfallschlackendeponie im Tägernauer Holz ist es jüngst stiller geworden. Nun hat die IG DepoNie das emotionale Thema mit einem Expertenvortrag wieder ins Bewusstsein gerufen – ohne das Kind beim Namen zu nennen.
Was ist ein Wald? Würde man die Grüninger fragen, würde das Tägernauer Holz wohl das eine oder andere Mal erwähnt. Schon bei der Dorfeinfahrt von Wetzikon her begrüsst die Autofahrer ein gelber DepoNie-Sticker auf der Tafel zum Parkleitsystem. Und auch auf der anschliessenden Suche nach einem freien Feld trifft man den Aufkleber auf so mancher Heckscheibe an.
Sechs Hektaren will die staatliche ZAV Recycling AG im besagten Staatswald auf Grüninger und Gossauer Gemeindegebiet roden, um 750'000 Kubikmeter Restschlacke aus der kantonalen Kehrichtverbrennung zu deponieren. Ein Vorhaben, das hier auf grossen Widerstand stösst.

Seit Jahren beschäftigt das Thema denn auch die lokale Bevölkerung, die Politik und zuweilen gar die Gerichte. Aktuell liegt der Gestaltungsplan zur Vorprüfung bei den zuständigen Stellen des Kantons. Die Vermutung ist also naheliegend, dass mit dem Expertenvortrag, den die IG DepoNie organisiert hat, zum nächsten Schwung im Ringen um das Tägernauer Holz angesetzt werden soll.
Positiv – aber nicht selbstverständlich
Was ist ein Wald? Die Leitfrage der Veranstaltung hat in diesem Kontext eine etwas grössere Bedeutung als andernorts. Wohl auch deshalb haben sich an diesem Mittwochabend stattliche 70 Personen im Grüninger Kirchgemeindesaal eingefunden, um den beiden Wissenschaftlern Jörg Luster und Frank Krumm von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft zuzuhören.
Entsprechend bedeutungsschwer klingen denn auch die einleitenden Worte der IG-Sprecherin Susanna Jenny. «Der Wald ist für jeden und jede eine durch und durch positive Sache, wir alle verbinden nur Schönes mit ihm», sagt die ehemalige Gemeindepräsidentin von Grüningen. Und: «Wie wir überall lesen können, ist er nicht selbstverständlich.»
Die Begriffe Deponie oder Tägernauer Holz? Sie fehlen.

Anschliessend referieren die eingeladenen Experten ausführlich über den Wald. Jörg Luster bezieht sich dabei vornehmlich auf den Boden als «unentbehrliches und nicht erneuerbares Gut». Er verweist unter anderem auf seine Funktion als Kohlenstoff-, Nährstoff- und Wasserspeicher, seine Rolle bei der Filterung des Trinkwassers, seine Bedeutung für die Biodiversität, die Wichtigkeit seiner Vielfalt.
Zwei weitere essenzielle Feststellungen: Der gute Waldboden entsteht über Tausende von Jahren. Und: Er ist durch den Klimawandel gefährdet.
In einer eingeschobenen Fragerunde meldet sich der Wetziker Kantonsrat Benjamin Walder (Grüne) zu Wort. Er will wissen, ob der Experte Daten zur Bodenqualität auf aufgeschütteten Deponien habe. Luster verneint: «Da müsste man allenfalls beim Kanton nachfragen.»
Immerhin, zum ersten Mal ist das Wort Deponie gefallen.
Ein Dilemma, das Bauchweh macht
Im zweiten Teil beschäftigt sich Frank Krumm mit der Entwicklung des Walds. Während der Anteil der Waldflächen hierzulande lange rückläufig war, nimmt er seit gut 150 Jahren wieder zu – auch weil die Schweiz einst wegen zahlreicher Flutkatastrophen das strengste Waldgesetz der Welt erlassen hat.

Dennoch zeichnet Krumm ein wenig erquickendes Bild. Die Erderwärmung erhöht die Mortalität bei den Fichten und Buchen. Davon profitiert hingegen die Borkenkäferpopulation, die sich immer mehr in den subalpinen Bereich ausbreitet. Wegen der starken Durchforstung der Wälder fehlt es ausserdem an Totholz und deformierten Bäumen, die als Lebensraum für viele Organismen und Tiere überlebenswichtig sind.
«Eigentlich braucht es mehr Schutzgebiete und weniger Produktivitätsflächen», schlussfolgert Krumm. Um sogleich das Dilemma aufzuzeigen, dass mit dem Netto-Null-Ziel des Bunds mehr eigenes Holz verbaut und weniger importiert werden soll.
Die Zukunft will der Wissenschaftler aber nicht ausschliesslich schwarzsehen. Das suggerieren immerhin seine finalen Worte: «Der Wald wir nicht sterben, aber er wird sich verändern.»
Einzig das Tägernauer Holz – es bleibt auch jetzt noch aussen vor.
Den Zweck erfüllt
So drängt sich die Frage auf, wie viel Sinn ein DepoNie-Anlass ohne eine Nennung der Deponie und ihres geplanten Standorts macht. «Man hatte uns schon im Vorfeld darüber informiert, dass Herr Luster und Herr Krumm nicht darüber sprechen werden, weil sich ihr Institut nicht politisch positionieren möchte», erklärt IG-Sprecherin Susanna Jenny während des abschliessenden Apéros.

Auch ohne den Elefanten im Raum zu benennen, habe die Veranstaltung ihren Zweck erfüllt. Der IG sei es darum gegangen, über Informationen die positiven Emotionen zum Thema Wald zu wecken. Schliesslich habe sie zuletzt mehrfach Leute getroffen, die glaubten, dass das Deponievorhaben bereits beschlossene Sache sei.
Obschon der Gestaltungsplan längst eingereicht ist und sich die lokalen Kantonsräte von der nächsten Hürde – der Gesamtschau über die kantonalen Deponien – wenig erhoffen, zeigt sich Jenny immer noch optimistisch.
Ihre Haltung ist klar: «Der Abend hat bestätigt, dass es ein Verbrechen ist, für diese Deponie den Wald zu opfern.»
