Die Gemeinden fühlen sich mit einer Herkulesaufgabe konfrontiert
Mehr Platz für Asylsuchende
Der Kanton hat die Asylquote nach nur einem halben Jahr weiter angehoben. Viele Gemeinden müssen nun für neuen Wohnraum und zusätzliche Fachkräfte für Schutzsuchende sorgen.
Im Jahr 2023 wurden insgesamt knapp 28’000 neue Asylgesuche in der Schweiz gestellt. Rund 15’000 Gesuche sind beim Staatssekretariat für Migration (SEM) zurzeit hängig.
Den Druck spüren nun auch die Gemeinden: Erst im Juni 2023 wurde die Asyl-Aufnahmequote von 0,9 auf 1,3 Prozent angepasst. Nun hebt der Kanton Zürich die Zahl ab nächstem Sommer noch einmal an: auf 1,6 Prozent.
Somit müssen die Gemeinden ab 1. Juli also mehr Schutzsuchende unterbringen als bisher: Pro 1000 Einwohner sollen neu 16 Asylsuchende einen Wohnraum zugeteilt bekommen. Noch vor einem halben Jahr waren es 13 Schutzsuchende, vor einem Jahr 9 pro 1000 Einwohner. Der im Herbst von der Redaktion veröffentlichte Asylquote-Report zeigte auf, welche Gemeinden in der Region mit Herausforderungen zu kämpfen haben. Wie gehen sie mit der neuen Situation um?
In Uster wird der Wohnraum knapp
«Ich mache mir schon Sorgen. Der Wohnungsmarkt ist sowieso schon belastet», sagt Petra Bättig (FDP). Die Ustermer Stadträtin und Vorsteherin der Abteilung Soziales verweist auf ein weiteres Problem: «Zusätzlich müssen geeignete Fachkräfte gefunden werden.»
Eben habe Uster alle Stellen mit Menschen, die sich um die Asylsuchenden kümmerten, besetzen können, und schon komme eine Erhöhung der Zahl der Schutzsuchenden. Es sei sehr schnell gegangen. «Wir als Stadt wollen den Wohnungsmarkt nicht weiter belasten. Wir suchen jetzt weitere Speziallösungen, wie Zwischennutzungen.»
Eine elegante Möglichkeit fand die Stadt Uster im letzten Sommer: Bättig sprach damals von einer glücklichen Fügung. Uster konnte von der Stadt Zürich das ehemalige Alterszentrum Rosengarten mieten – und nutzt es seit Oktober 2023 als Asylzentrum.

Zusätzlich gibt es in Uster den Modulbau der Stiftung Wagerenhof mit 60 Plätzen. Aber nun kommt auch die Stadt Uster an ihre Grenzen. Sie soll mit ihren 37’000 Einwohnerinnen und Einwohnern neu insgesamt 590 Menschen unterbringen können – das sind rund 100 Asylsuchende mehr als noch vor einem halben Jahr.
«Die unterirdische Zivilschutzanlage Gschwader könnte allenfalls als Notunterkunft dienen», sagt Bättig. Als längerfristige Lösung wolle die Stadt das aber nicht, da es zu teuer wäre. Die Menschen müssten dort auf engem Raum zusammenleben, und es bräuchte ein externes Catering.
Gossau fühlt sich im Stich gelassen
Auch Jörg Kündig (FDP) macht sich Sorgen. «Mit der Erhöhung der Aufnahmequote hat sich meine Befürchtung nun bewahrheitet», sagt der Gemeindepräsident von Gossau. Es werde enorm schwierig, die eigentliche Herkulesaufgabe zu bewältigen.
«Es entsteht zudem das Gefühl, insbesondere vom Bund allein gelassen zu werden, welcher über Unterbringungsreserven verfügt und über 15’000 unerledigte Asylgesuche vor sich herschiebt», sagt er. «Die Zuweisung an Kanton und Gemeinden ist zu einfach. Der Bund ist gefordert, seine Verantwortung wahrzunehmen und die Kantone und Gemeinden maximal zu unterstützen.»
Auch Wohnbaracken sind für ihn eine Möglichkeit, um kurzfristig weiteren Wohnraum zu schaffen.

Egg setzt auf Wohncontainer
Egg baut zwei mobile Wohncontainer mit je zwölf Plätzen. «Das haben wir aber schon geplant, bevor die neue Quote bekannt gegeben wurde», sagt Gemeindepräsident Tobias Bolliger (FDP). Das Gute daran sei, dass man diese Provisorien je nach Bedarf aufstocken könne. In Egg komme es zusätzlich darauf an, wie der Kanton das Durchgangs- und Rückführungszentrum Obere Halden bewirtschafte. Die Gemeinde Egg muss deshalb 100 Asylsuchende weniger aufnehmen.
Wetzikon und Illnau-Effretikon suchen bestehende Immobilien
Die Stadt Wetzikon mit ihren rund 26’000 Einwohnerinnen und Einwohnern muss neu 416 Asylplätze zur Verfügung stellen – hier sind es knapp 80 Plätze mehr als noch vor einem halben Jahr. Man sei an der stetigen Planung dran, neue Möglichkeiten für die Unterbringung zu evaluieren.
«Die Abteilung Soziales sucht in Zusammenarbeit mit der Abteilung Immobilien laufend geeigneten Wohnraum und mietet diesen, wenn immer möglich, an», sagt Remo Vogel (Die Mitte), der Wetziker Stadtrat für Gesellschaft und Soziales.
Im letzten Jahr hat die Stadt 42 Wohnungen gefunden, darunter auch leer stehende Einfamilienhäuser. Häufig handelt es sich dabei aber um befristete Wohnmöglichkeiten, und zwei Liegenschaften werden voraussichtlich im Frühling 2024 zur Verfügung stehen.
Auch in Illnau-Effretikon versucht man mit temporären Lösungen auszukommen: Die Gemeinde sei laufend auf der Suche nach neuem Wohnraum in Altbauten oder als Zwischennutzung. Aktuell konnte kurzfristig zur neuen Asylquote noch keine Auskunft gegeben werden.
Fehraltorf setzt auf Zivilschutzanlagen
Die Gemeinde Fehraltorf konnte bis letzten September erst 58 Asylsuchende aufnehmen. Das liegt sogar unter der alten Aufnahmequote, die in Fehraltorf bei 61 lag. Die Gemeinde müsste aktuell 110 Personen Schutz bieten, wie Gemeindeschreiber Marcel Wehrli sagt.
Ausserdem läuft der befristete Mietvertrag für eine 5½-Zimmer-Wohnung Ende Februar aus, da der Wohnblock dann abgerissen wird. Die jetzigen Bewohner würden in einer gemeindeeigenen Unterkunft untergebracht, so Wehrli.
«Eine weitere Unterbringung von zusätzlichen Asylsuchenden muss voraussichtlich in den Zivilschutzanlagen erfolgen.» Per Ende Februar 2024 liege der Aufnahmebestand in Fehraltorf bei 75 Personen. «Bis Ende Mai 2024 wird der Bestand auf 90 Personen steigen.»
Turbenthal macht sich Sorgen um Schule
In Turbenthal habe man schon mit einer Erhöhung der Quote gerechnet, sagt Gemeinderätin Katrin Ruzicka (parteilos). «Man weiss einfach nie, wann es so weit ist», sagt die Sozialvorsteherin der Zentrumsgemeinde im Tösstal. Turbenthal zählt aktuell 5100 Einwohnerinnen und Einwohner. Das heisst, die Gemeinde dürfte neu rund 80 Asylsuchende aufnehmen müssen.
Thema sei nicht nur die Suche nach geeignetem Wohnraum. «Vor allem die Schulen sind gefordert, wenn sie plötzlich neue Kinder aufnehmen sollen.» So müsse eine Gemeinde auch an Fachkräfte für die Betreuung von Schulkindern denken. Man müsse da flexibel sein, man wisse nie, wie lange die Kinder betreut werden sollten. «Manchmal bleiben sie ein Jahr, manchmal nur einen Monat», sagt Ruzicka. Für eine Gemeinde sei das eine grosse Variable, die mit Planungsunsicherheit verbunden sei.
