Debatte um Pistenverlängerung spaltet die Region
Pistenausbau am Flughafen Zürich
Wer soll den Fluglärm im Oberland tragen – die dicht besiedelten Gemeinden südlich des Flughafens oder die ländlichen Orte im Osten? Der Abstimmungskampf ist lanciert – und keiner will Verlierer sein.
Am 3. März stimmt die Zürcher Bevölkerung über die Pistenverlängerungen beim Flughafen Zürich ab. Nachdem im Anschluss an eine zähe Debatte das Behördenreferendum ergriffen worden war, kam auch ein Volksreferendum zustande.
Es geht um Sicherheit, Pünktlichkeit und – für die umliegenden Gemeinden – vor allem um eines: Fluglärm.
Denn während die Gemeinden im Süden des Flughafens künftig weniger Lärm ausgesetzt sind, wird er im Fall eines Jas im Osten zunehmen.
Hintergrund ist, dass bei schwierigen Wind- und Wetterverhältnissen heute über Süden angeflogen wird – statt wie üblich über Osten. Nach einer Pistenverlängerung soll das nicht mehr nötig sein.
Das sogenannte Ostkonzept könnte folglich öfter zur Anwendung kommen. Die unterschiedlichen Ausgangslagen spalten die Region.
Die Gewinner
Gewinner einer Pistenverlängerung wären die Gemeinden im Süden des Flughafens. Da das Betriebskonzept mit den Anflügen aus Osten mit der längeren Piste 28 zuverlässiger würde, könnte künftig vermehrt auf Landungen von Süden her verzichtet werden.
Die Lärmbelastung nehme stark ab, heisst es vonseiten der Befürworter, die sich auf die Berichte der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) beziehen.
Die Behördenorganisation Fluglärmforum Süd, der sich die Oberländer Gemeinden Uster, Greifensee, Egg und Maur sowie Dübendorf, Fällanden, Volketswil und Wangen-Brüttisellen angeschlossen haben, befürwortet die Pistenverlängerung grundsätzlich.
«Wenn die Pistenverlängerungen den Flughafen darin unterstützen, die gesetzlich geregelte Nachtruhe besser einzuhalten, und die Kapazitäten damit nicht ausgebaut werden, profitiert die Bevölkerung dereinst davon», sagt Präsident Sascha Ullmann.
Wichtig sei, dass in der Debatte Fakten im Vordergrund stünden. «Damit sich die Bevölkerung eine gut abgestützte Meinung bilden kann.» Einzelne Vertreter der Süd-Gemeinden treten an Veranstaltungen auf, das Fluglärmforum plant aber keine eigenen Aktionen.
Neben dem Fluglärmforum Süd hat auch der Verein Flugschneise Süd – Nein (VFSN) die Ja-Parole gefasst. «Wir mobilisieren auf allen möglichen Wegen», sagt Präsident Edi Rosenstein. Die Gruppierung aus Fällanden organisiert mehrere Info-Veranstaltungen, etwa am 31. Januar auf der Forch.
Fokus auf Süden statt auf Solidarität
Laut ihrer Website fahren sie nach dem Grundsatz: «Möglichst wenige Menschen mit möglichst wenig Fluglärm belasten». Der Fokus liegt beim VFSN aber klar auf der Entlastung des Südens – anders als etwa bei der Behördenorganisation Region Ost. Sie ist das Pendant zum Fluglärmforum Süd und plädiert für «Solidarität unter den Himmelsrichtungen».
«Dies hängt mit der Bevölkerungsdichte in den überflogenen Gebieten zusammen», erklärt VFSN-Präsident Rosenstein. Das Vereinsziel laute nämlich, Überflüge von zivilen Flugzeugen in der südlichen Region des Flughafens zu verhindern.
Fast deckungsgleich argumentiert das Pro-Komitee, das sich aus verschiedenen Parteien und Verbänden zusammensetzt: «Die verlängerten Pisten ermöglichen es, dass Starts und Landungen über weniger dicht besiedeltem Gebiet erfolgen. Damit sind weniger Menschen von Fluglärm betroffen.» Die Empa hingegen geht in ihren Berichten insgesamt von etwas mehr Lärmbetroffenen aus.
Die Verlierer
Obwohl im Osten mehr Lärm droht, hält sich der Widerstand in den betroffenen Gemeinden aktuell noch in Grenzen. Die meisten planen bisher keinen Abstimmungskampf. Im Gemeinderat Zell wurde das Thema erst am Donnerstagabend diskutiert, in Turbenthal will man via Mitteilung an die Bevölkerung die ablehnende Haltung kundtun.
Dass es vonseiten der Gemeinden eher ruhig ist, dürfte auch daran liegen, dass viele Gemeinden Mitglied der Behördenorganisation Region Ost sind.
Kräfte bündeln
«Um die Kräfte zu bündeln, ist die Region Ost dem Komitee ‹Nein zum Pistenausbau› beigetreten, dem 15 Organisationen angehören», erklärt Cornelia Bachmann von der Geschäftsstelle des Vereins.
Es gehe vor allem um sachliche Information und darum, sich mit den Auswirkungen eines Ausbaus zu befassen. «‹Aufheizen› ist nicht das Ziel der Behördenorganisation.»
Daraus abzuleiten, dass das Thema nicht bewegt, wäre aber falsch, wie Georg Brunner, der Turbenthaler alt Gemeindepräsident und Präsident von Fair in Air, bestätigt. «Ich erhalte sehr viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung.»
Der Verein bereitet sich zurzeit auf die heisse Phase vor – mit Plakaten, Flyern und Podien, etwa am 31. Januar im Engelburgsaal in Rikon und am 6. Februar in Effretikon.
Brunner bedauert, dass der VFSN die Ja-Parole gefasst hat. «Das ist die letzte Möglichkeit für die Bevölkerung, dem Flughafen Grenzen zu setzen», betont er. «In dieser Sache sollte es nicht ‹Süd gegen Ost›, sondern vielmehr ‹alle gegen den Flughafen› heissen.»
Die Gemeinsamkeiten
Allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz: Der Kampf gegen den Fluglärm bringt die Bürgerbewegungen auch dazu, Allianzen zu schmieden. So etwa bei der kantonalen Nachtruhe-Initiative.
Sowohl Fair in Air als auch der VFSN sammeln parallel zum Abstimmungskampf Unterschriften dafür. Die Sammelfrist läuft noch bis Ende März.
Das Begehren, lanciert von der Bürgerbewegung Fluglärmsolidarität aus Nürensdorf, fordert die strikte Einhaltung der Nachtruhe am Flughafen. Stein des Anstosses sind Flüge nach 23 Uhr, die oft zu Verletzungen ebendieser führen. Die Initianten verorten die Nachtruhestörungen nicht bei der Pistenlänge, sondern bei der Vergabe der Start- und Landeslots.
Dennoch: Für Edi Rosenstein ist das Engagement für die Initiative eine Ergänzung zum Kampf für eine Pistenverlängerung. «Die Initiative könnte relativ kurzfristig eine Verbesserung der Nachtruhe erzielen, wogegen die Umsetzung der Pistenverlängerung noch rund zehn Jahre dauern dürfte.»
Georg Brunner hofft derweil, Interessierte nicht nur für die Initiative zu begeistern, sondern auch gleich für ein Nein an der Urne. «Wenn Kunden im Laden Unterschriftenbögen mitnehmen, verweisen wir jeweils auch auf die kommende Abstimmung.»
