Aatalbrücke stösst auf rekordhohes Interesse
Bauprojekt wird ausgearbeitet
Die Seegräbner nehmen ein «Sozialprojekt» der besonderen Art in Angriff: Eine Brücke samt Lift soll künftig die Ortsteile miteinander verbinden.
984 Stimmberechtigte zählt das kleine Seegräben aktuell. 227 davon brachten den Buechwäidsaal am Dienstagabend fast zum Platzen. Grund für den Andrang zur Gemeindeversammlung war der Projektierungskredit von 220'000 Franken für den Bau einer Fuss- und Radwegbrücke übers Aatal.
Ein Viertel aller Stimmberechtigten
Gemeindepräsident Marco Pezzatti (FDP) freute sich über den Grossaufmarsch: «Dass fast ein Viertel der Stimmberechtigten an eine Gemeindeversammlung kommt, hat wohl kaum ein Gemeindepräsident vor mir erlebt und wird wohl auch kaum einer danach erleben.»
Pezzatti, der auch als Tiefbau- und Planungsvorstand fungiert, übernahm die Vorstellung des Grossprojekts selbst. Anstoss für das besondere Vorhaben war der Umstand, dass sich die Gemeinde Seegräben aus verschiedenen Ortsteilen, den beiden «Bergdörfern» Sack und Dorf sowie dazwischen Aathal – unten im Tal – zusammensetzt.
Die Verbindung zwischen den «Bergdörfern»
So wurde schon vor fünf Jahren die Suche nach einer besseren Verbindung zwischen den «Bergdörfern» in Angriff genommen. In einem mehrjährigen Prozess wurde das nun vorliegende Vorprojekt erarbeitet. Gegenüber früheren Versionen wurde die Brückenlage verschoben, eine filigranere Gestaltung vorgesehen und der geplante Liftturm, der zum Bahnhof hinunterführt, abgespeckt. Auf die ursprünglich vorgesehene Aussentreppe wird verzichtet.

Und so sieht das aktuelle Vorprojekt eine 285 Meter lange, 40 Meter hohe und 3 Meter breite Fuss- und Radwegbrücke vor. Gerechnet wird mit Gesamtkosten von 6,9 bis 7,5 Millionen Franken. Ein gewaltiger Betrag für eine so kleine Gemeinde. «Für den Gemeinderat war es daher wesentlich, dass das Projekt ins Agglomerationsprogramm 4. Generation aufgenommen wurde», meinte der Gemeindepräsident. Mit diesem werden diverse Verkehrsprojekte in der ganzen Schweiz unterstützt.
Bund zahlt mit
Just am Dienstag hat das neu zusammengesetzte Parlament in Bern auch einen Beitrag von 2,12 Millionen Franken ans Vorhaben bestätigt. Damit verbleiben immer noch 4,8 bis 5,3 Millionen, die Seegräben selbst tragen muss. «Wenn wir von Ihnen heute mit dem Projektierungskredit grünes Licht erhalten, muss das Ganze hinderschi und fürschi gerechnet werden, damit wir wirklich ganz stabile Aussagen haben», betonte Pezzatti.
Und er gab sich zuversichtlich, dass für die Brücke noch weitere «Sponsoren» gefunden werden: «Ich gehe davon aus, dass wir zusätzliche Finanzierer haben werden.»
Für die eigene Bevölkerung
In der anschliessenden Diskussion gab es nicht weniger als 17 Wortmeldungen. Die Vertreter der FDP und der SVP signalisierten ihre Unterstützung für den Projektierungskredit. Sie hoben vor allem den Nutzen für die eigene Bevölkerung, von den Schulkindern über die Pendler bis zu den Senioren, hervor.
Einerseits sei mit einer solchen Brücke der Austausch zwischen den Dorfteilen viel einfacher und mit Blick auf den Verkehr unten im Aatal auch sicherer möglich. Andererseits sei durch den Lift von der Brücke zum Bahnhof hinunter die Anbindung an den öffentlichen Verkehr viel besser. Es gelte, die Planung voranzutreiben, um die finanzielle Tragbarkeit abzuklären.

Neben finanziellen Bedenken befürchten die Gegner vor allem zusätzlichen Ausflugsverkehr. Der Autoverkehr im Sack durch Parkplatzsuchende, die danach zu Fuss über die Brücke wollten, werde zunehmen. Pezzatti hielt fest, dass flankierende Massnahmen geprüft würden, um solchen Szenarien vorzubeugen. Dazu gehört auch die Festlegung einer Freihaltezone bei der Grossweid, damit dort niemand auf die Idee kommt, einen Parkplatz zu erstellen.
Auch mehrere Junge beteiligten sich an der rund einstündigen Diskussion. Während die einen meinten, sie würden den Anstieg vom Tal unten auch weiterhin zu Fuss bewältigen können, hatte ein anderer die Lacher auf seiner Seite. Er monierte, dass die steile Strecke seine Freundin vom Besuch bei ihm abhalte. Mit Lift und Brücke stünde dem dann nichts mehr im Weg.
«Eine Frage der Solidarität»
Viel Applaus erhielt ein Votant aus dem Ortsteil Aretshalde, der vom Brückenprojekt keinen Nutzen zieht: «Das hier ist nicht ein Verkehrs-, sondern ein soziales und ökologisches Projekt.» Es bringe die Leute zusammen. «Ein Ja ist auch eine Frage der Solidarität.» An diese appellierte auch ein Rollstuhlfahrer.
Mit 157 Ja- gegen 57 Nein-Stimmen – die übrigen enthielten sich ihrer Stimme – wurde der Projektierungskredit sehr deutlich gutgeheissen. Ende 2025 soll dann an der Urne über den Baukredit abgestimmt werden. Findet auch dieser das nötige Mehr, könnte 2027 die grosse Brücke übers Aatal eingeweiht werden.
Einstimmig fürs Budget
Ohne Diskussion und einstimmig passierte das Seegräbner Budget 2024. Bei einem Gesamtaufwand von knapp 9,3 Millionen Franken wird ein Aufwandüberschuss von rund 300'000 Franken vorgesehen. Gleichwohl wird der Steuerfuss auf dem bisherigen Niveau von 113 Prozent bleiben.
Finanzvorstand Patrik Jenal (SVP) wies darauf hin, dass in der Investitionsrechnung von gut 1,5 Millionen Franken auch die Sanierung der Brücke Gstalderstrasse vorgesehen sei. Diese Strasse vom Aatal hinauf in den Sack wird während einiger Zeit gesperrt werden. Den Grossteil der Investitionen wird die Strassen- und Kanalisationssanierung in der Grossweid im Sack oben ausmachen – jenem Quartier, das mit Blick auf die Fussgängerbrücke verkehrsberuhigt werden soll.
