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Wie weiter mit der AHV? Eine Frage spaltet die Gesellschaft

An einer Podiumsdiskussion wurde über die Zukunft der AHV debattiert. Einig war man sich nur in einem Punkt: Etwas muss sich ändern. Aber wie?

Die vier Podiumsteilnehmer vertraten ihre unterschiedliche Lösungsansätze (von links): Stefan Brupbacher, Matthias Müller, ZO-Chefredaktor und Moderator Michael Kaspar, Bruna Campanello und Leandra Columberg.

Foto: Karin Sigg

Wie weiter mit der AHV? Eine Frage spaltet die Gesellschaft

Podiumsdiskussion in Rüti

«Haben wir noch Aussicht auf eine gute Rente?» Viele Menschen mitten im Arbeitsleben stellen sich diese Frage. Auch im Löwen-Saal in Rüti brachte sie die Köpfe zum Rauchen.

Die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt, sodass Ruheständler länger eine AHV-Rente beziehen. Zudem werden in den nächsten Jahren viele Menschen pensioniert. Auch die jüngeren aus der Generation der «Babyboomer», die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden. Sie stellten 2022 noch 14,7 Prozent der Erwerbstätigen.

Oder einfach gesagt: Wir nehmen mehr aus dem AHV-Geldtopf, als wir einzahlen. «2022 konnten gerade mal 74 Prozent der AHV-Einnahmen durch Versicherungsbeiträge gedeckt werden», resümierte Reto Inglin (FDP) bei seiner Begrüssung zur Diskussionsrunde, zu der die FDP Rüti die Öffentlichkeit am Freitag eingeladen hatte. «Allein mit den Versicherungsbeiträgen kann die AHV schon längst nicht mehr existieren.»

Im Rütner «Löwen»-Saal war die Spannung förmlich greifbar, als sich die vier Gesprächsteilnehmer hitzige Wortgefechte lieferten und ihre unterschiedlichen Lösungsansätze vertraten.

Lösungsvorschlag «Renteninitiative» …

Das Lager der Freisinnigen setzte sich wortstark für die Renteninitiative der Jungfreisinnigen ein. Die Idee: Bis 2033 soll das Rentenalter schrittweise bis 66 erhöht werden. Und bis ins Jahr 2050 würde das Rentenalter bei 67,5 liegen.

«Damit sind wir immer noch weit unter dem europäischen Durchschnitt von 70 Jahren», sagte Matthias Müller, Präsident der Jungfreisinnigen. Er forderte seine Generation dazu auf, Verantwortung zu übernehmen: «Wir diskutieren hier nicht zum Vergnügen – wir haben keine Wahl, wenn wir unsere Rente sichern wollen.» Es sei eine mathematische Tatsache, dass die AHV auf einem brüchigen Fundament stehe.

Stefan Brupbacher (FDP), der Direktor des Verbands der Schweizer Tech-Industrie Swissmem, ergänzte diese Lösung um einen weiteren Faktor: «Der Fachkräftemangel ist aktuell ein grosses Problem. Wenn erfahrene Mitarbeiter länger arbeiten können, wäre das eine Entlastung für viele Arbeitgeber.» Mit Bogenkarrieren – also weniger Lohn durch niedrigeres Pensum oder Verantwortung – würde man die überbordenden Sozialkosten verhindern.

… vs. Lösungsvorschlag 13. AHV-Rente

Einen anderen Ansatz brachte das Lager der Linken vor: «Die Frage ist nicht das Rentenalter, sondern die Höhe der Rente», brachte es Bruna Campanello (Geschäftsleitung Unia) auf den Punkt. Durch die erhöhten Preise der Konsumgüter, der Krankenkassen und der Mieten bleibe für Rentner heutzutage kaum mehr etwas übrig zum Leben.

Die Zustimmung vieler älterer Zuschauer bekräftigte die Gewerkschafterin in ihren Ausführungen. «Wer sein Leben lang gearbeitet hat, soll in Würde alt werden können.» In vielen Branchen sei ein höheres Rentenalter schlicht nicht zumutbar.

Mit der Initiative «Für ein besseres Leben im Alter» fordert der Schweizerische Gewerkschaftsbund, dass alle Anspruch auf eine 13. AHV-Rente haben. Wie die Finanzierung für diese zusätzlichen Kosten sichergestellt werden soll, wurde rege diskutiert auf dem Podium. Die Befürworter erwähnten einige Lösungsansätze, liessen sich aber nicht konkret in die Karten schauen.

«Seit dem Bestehen der AHV wird sie totgeredet», warf Campanello ein. Die Linke sieht die finanzielle Lage der AHV entspannter. «In der heutigen Generation arbeiten viele Frauen länger und mit höheren Pensen als früher», so die Dübendorfer Kantonsrätin Leandra Columberg (SP/Juso). Die Produktivität steige, jeder Rappen mehr Lohn in der AHV-Kasse würde auch mehr Rente geben. «Bis 2050 kann noch vieles passieren.»

Die rund 30 Zuschauer verfolgten die Diskussion aufmerksam. Kaum war die Fragerunde eröffnet, schossen die Fragen Richtung Tribüne. Das Thema spaltet die Bevölkerung: «Was passiert mit uns, die jetzt AHV beziehen?», lautete eine der Fragen, oder «Beissen sich die Aussagen nicht, wenn wir einen Fachkräftemangel haben, die Arbeitnehmer länger arbeiten und weniger verdienen?»

Am 13. März 2024 wird das Volk darüber abstimmen, welchen Weg die Schweiz gehen wird.

Meinungen aus dem Publikum

Ata Sever (Jahrgang 1981) aus Rüti, im Gesundheitswesen tätig, hat an diesem Abend den direkten Austausch in der abschliessenden Fragerunde besonders geschätzt. Sie hat die junge Generation unter den Zuschauern vermisst, fand es aber schön, dass auch Menschen anwesend waren, die aktuell betroffen sind. «Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, was ich im März abstimmen werde. Die heutigen Aussagen haben mich allerdings sehr bewegt, sodass ich mir nochmals Gedanken machen werde. Wenn man die Leidtragenden hört, kommt man wieder zurück auf den Boden.»

Walter Bollhalder (1959) aus Pfäffikon, bis vor drei Jahren im Detailhandel tätig, bezeichnete die Diskussionen als sehr ausgewogen und im Kern zutreffend. «Es ist wichtig, dass wir die AHV als solidarisches Instrument unter den Generationen beibehalten. Wir sollten das Augenmerk darauf richten, nur auszugeben, was wir einnehmen. Eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer allerdings verteuert die Konsumgüter, das schadet uns schliesslich allen wieder.»

Ein weiterer Zuschauer zeigte sich mit den Lösungsvorschlägen nicht ganz einverstanden. «Die Linke strebt meiner Meinung nach eine Umverteilung von Reich zu Arm an, um die politische Agenda zu verfolgen. Während die Rechte die Problematik erkennt und sachorientiert vorgeht. Doch ich bin der Initiative gegenüber skeptisch: Viele Arbeitslose werden ab 50 nicht mehr angestellt, sind ausgesteuert und erscheinen nicht einmal mehr in einer Statistik. Wie sollen solche Menschen noch länger arbeiten können?»

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