Er kämpft fürs Gewerbe, die Gemeinde – und gegen zu viel Fluglärm
«Fair in Air»-Präsident aus Turbenthal
30 Jahre lang war Georg Brunner fester Teil der Turbenthaler Ortspolitik. Doch nicht nur – sein Engagement gegen Fluglärm ist heute aktueller denn je. Im Gespräch verrät er, warum ihm die Ausbaupläne des Flughafens ein Dorn im Auge sind.
Die Pläne des Flughafens Zürich, die Pisten 28 und 32 zu verlängern, sind hoch umstritten. Das hat sich nicht zuletzt an der zehrenden Debatte im Kantonsrat gezeigt – sie mündete nach sieben Stunden in einer Ja-Empfehlung. Doch das Vorhaben ist längst nicht vom Tisch.
Besonders für die Gegner beginnt in diesen Tagen die heisse Phase. Denn voraussichtlich im Frühling stimmt das Zürcher Volk über das Vorhaben ab. Ein Richtungsentscheid für das Tösstal, denn mit dem Pistenausbau wird der Osten laut einem Bericht der Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) künftig mehr Fluglärm erdulden müssen.
Der Turbenthaler Dorfmetzger und alt Gemeindepräsident Georg Brunner (FDP) kämpft als Präsident des Vereins Fair in Air gleich doppelt gegen Fluglärm: mit einem zweiten Referendum gegen den Pistenausbau und einer Initiative, die die Durchsetzung der Nachtruhe fordert.
Herr Brunner, wann sind Sie zum letzten Mal in die Ferien geflogen?
Georg Brunner: Ich war eben gerade in den Ferien in Vietnam.
Und trotzdem engagieren Sie sich als Präsident von Fair in Air gegen Fluglärm.
Diese Reise war eine Ausnahme. Zuvor bin ich sechs Jahre lang nicht mehr geflogen, und auf Kurzstreckenflüge verzichte ich grundsätzlich. Ich bin nicht gegen das Fliegen an sich, sondern gegen den übermässigen Fluglärm in der Region.
Sie waren fast 30 Jahre lang in der Gemeindepolitik tätig, 12 Jahre davon als Gemeindepräsident. Wie lange begleitet Sie das Thema Fluglärm bereits?
Eigentlich schon länger als diese Ämter. Meine Frau war bereits vor mir Mitglied bei der Vorgängerorganisation von Fair in Air, dem Verein Bürgerprotest Fluglärm Ost (BFO). Als Präsident des Gewerbevereins und als Gemeindepräsident war ich stets in der Opposition und habe, wo immer möglich, versucht, die Sicht Turbenthals einzubringen.
Die da wäre?
Dass der Fluglärm für uns alles andere als lustig ist. Mit dem neuen Namen wollen wir das Feld aufmachen und nicht mehr nur den Fluglärm im Osten angehen. Denn es ist erwiesen, dass der Fluglärm gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung hat, vor allem in der Nacht – das hat auch die Eidgenössische Kommission für Lärmbekämpfung anerkannt.
Inwiefern?
In einem Bericht aus dem Jahr 2021 kam sie zum Schluss, dass die wissenschaftlichen Grundlagen der Lärmschutzverordnung mittlerweile veraltet sind, und hat neue Empfehlungen und Grenzwerte ausgearbeitet.
Wie haben Sie das Thema Fluglärm als Gemeindepräsident konkret erlebt?
Ich wurde oft von Bürgern auf das Thema angesprochen, vor allem an Tagen, an denen es spürbar mehr Fluglärm gab – etwa, wenn wegen der Westwindlage viele Flugzeuge über Osten anflogen, oder wenn es viele Nachtflüge gab. Viele verhielten sich aber wohl auch diskret, weil sie selbst gerne in die Ferien fliegen. Darüber hinaus war ich auch in verschiedenen Gremien wie der Behördenorganisation Region Ost involviert.
Wie hat sich die Situation in all den Jahren verändert?
Die Statistik zeigt, dass die Nachtruhe ab 22.30 Uhr immer öfter missachtet wird. Selbst während der Corona-Jahre kam es immer wieder zu Überschreitungen – das hat uns die Flughafen Zürich AG sogar persönlich bestätigt.
Deshalb hat Ihr Verein auch eine kantonale Initiative zur Durchsetzung der Nachtruhe lanciert.
Richtig. Die Einhaltung der Nachtruhe ist der gemeinsame Nenner, auf den sich alle Fluglärm-Organisationen an einem runden Tisch geeinigt haben. Man könnte sagen, wir wollen dem Flughafen helfen, sein Versprechen, die Nachtruhe zu beachten, auch einzuhalten.
Warum ist das nötig?
Die Flughafen Zürich AG kann Flüge während der Nachtruhe in Ausnahmefällen selbst genehmigen. Da gibt es aber eine grosse Intransparenz – wir mussten bis vor Gericht ziehen, damit wir überhaupt Einsicht erhielten, was für Ausnahmen das sind und wie diese zustande kommen. Erhalten haben wir einen Bericht mit vielen geschwärzten Stellen. Wir wollen, dass mehr Transparenz in die Sache kommt.
Der Flughafen argumentiert, die Pistenverlängerung verbessere Pünktlichkeit – und führe damit zu weniger Störungen der Nachtruhe. Ist Ihre Initiative nicht Wasser auf die Mühlen der Befürworter?
Die Argumente des Flughafens und des Pro-Lagers ziehen wir in Zweifel. Einerseits sind Start- und Landeslots knapp vor Beginn der Nachtruhe Teil des Flugplans. Dass das Problem auch während Corona bestand, als weniger geflogen wurde, hat gezeigt: Die Verspätungen entstehen nicht wegen der angeblich zu kurzen Piste, sondern weil diese Slots vergeben werden. Die Bereitschaft, etwas daran zu ändern, ist gleich null. Der Flughafen will den Fünfer und das Weggli. Und wir halten dagegen.
Gleichzeitig sind Sie Mitglied der FDP, die wirtschaftsliberal denkt und im Kantonsrat den Pistenausbau befürwortet hat. Wie passt das zusammen?
Ich politisiere an der Basis – da ist es normal, dass man nicht immer gleich denkt. Ich gestehe dem Flughafen als Unternehmen zu, dass es den Betrieb stetig optimieren will. Aber als Gewerbetreibender, der sich auch selbst an Lärmauflagen zu halten hat, bin ich überzeugt, dass wir auch dem Flughafen Grenzen setzen müssen. Ohne Angst, dass er deswegen gleich ‹verlumpet›. Und mich ärgert, dass alle anerkennen, dass die Nachtruhe ein Thema ist, aber niemand etwas macht.
Neben der Nachtruhe-Initiative sammelt Fair in Air auch Unterschriften für ein eigenes Referendum gegen die Pistenverlängerung, obwohl sowieso darüber abgestimmt wird. Warum?
Einerseits ist das für uns ein Warmlaufen für den Abstimmungskampf – seit der letzten Kampagne im Jahr 2011 sind einige ältere Mitglieder ausgetreten und neue dazugekommen. Wir müssen jetzt gewissermassen wieder auftauen und uns einen Namen machen. Andererseits geht es darum, dass wir unsere Argumente im Abstimmungsbüchlein darlegen können. Und das geht nur, wenn wir die Unterschriften bis Ende Monat zusammenbringen.
Haben Sie angesichts der Ausbaupläne auch spürbaren Zulauf aus dem Tösstal bekommen?
Wir haben mehrheitlich Zulauf aus der näheren Flughafenregion erhalten. Bis zur Abstimmung im Kantonsrat haben wir den Ball aber auch relativ flach gehalten.
Warum trifft man hier nicht mehr offenen Widerstand an?
Ich denke, viele Tösstaler akzeptieren den Status quo. Schliesslich fliegen auch praktisch alle, und die meisten anerkennen die Bedeutung des Flughafens für die Region. Deshalb gibt es bei uns auch keine grundsätzliche Opposition gegen den Fluglärm wie etwa in den Gemeinden der Südschneise. Wichtig für uns ist jetzt, aufzuzeigen: Auch unsere Akzeptanz hat Grenzen.


Das Thema Windenergie scheint da wesentlich mehr Aufmerksamkeit zu geniessen. Haben Sie keine Angst, dass die Windrad-Gegner Ihnen den Rang ablaufen?
Das Windrad-Thema ist noch sehr neu, die Empörung gross. Das war in unserer Anfangszeit vor gut 30 Jahren auch so. Beim Fluglärm spielt die konkrete Betroffenheit eine noch grössere Rolle.
Ihr Verein bezeichnet den Widerstand gegen den Pistenausbau auch als «soziales und grünes» Anliegen. Tatsache ist aber auch, dass sich der Verein aus einer reinen Anti-Fluglärmbewegung entwickelt hat. Meinen Sie es ernst mit dem grünen Anstrich, oder ist das dem Zeitgeist geschuldet?
Bei der Gründung unserer Vorläuferorganisation war der Fokus natürlich schon auf dem Fluglärm, weil das auch das drängendste Problem war. Heute wollen wir uns aber auch dem Umweltaspekt annehmen. Nicht, indem wir gegen das Fliegen per se sind, aber für ein bewusstes Verhalten. Dazu gehört eben auch, dass auch der Flughafen nicht unendlich wachsen muss.
Sie waren lange in der Gemeindepolitik, nun ist Ihr Engagement gegen Fluglärm Ihre «letzte politische Bastion». Füllen Sie mit Ihrem Engagement eine Lücke, die das Amt hinterlassen hat?
Meine öffentlichen Ämter haben mich sehr erfüllt, aber ich habe mich bewusst zurückgezogen. Ich will mich nicht profilieren und suche auch das Rampenlicht nicht. Meine Motivation ist die Gesundheit und Nachtruhe der Bevölkerung um den Flughafen.

Die Abstimmung über die Pistenverlängerung findet voraussichtlich im Frühling statt. Wie geht es bis dahin weiter?
Das Konzept für den Abstimmungskampf steht. Wie es weitergeht, ist aber grösstenteils noch offen. Es ist in den vergangenen Jahren auch schwieriger geworden, Referenten für Podien zu gewinnen. Etwa Flughafen-Vertreter – die nehmen seit geraumer Zeit nur noch an Events von Gemeinden teil.
Und wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Ich bin überzeugt, dass sich ein grosser Teil der Zürcher Stimmberechtigten im Interesse der Gesundheit gegen ein unbegrenztes Wachstum des Flughafens aussprechen wird. Denn, wie es der Gemeinderat Rümlang treffend gesagt hat: Es kann nicht sein, dass für ein paar Dutzend Umsteigepassagiere Zehntausende Personen «belärmt» werden.
