Der «achte Gemeinderat» geht nach 30 Jahren
Pfäffiker Gemeindeschreiber blickt zurück
Hanspeter Thoma lässt sich frühpensionieren. Der stille Chef der Gemeindeverwaltung hat in den letzten drei Jahrzehnten viel erreicht und erlebt.
Auf den Tag genau sind es 30 Jahre, in denen Hanspeter Thoma als Gemeindeschreiber die Pfäffiker Verwaltung geführt hat. Am 1. September 1993 trat er die Stelle an, am 1. September 2023 wird er das Amt an seinen Nachfolger übergeben.
An seine ersten Wochen im Gemeindehaus könne er sich noch gut erinnern, sagt Thoma und lässt den Blick durch sein Büro schweifen. «Bald folgte die Gemeindeversammlung, bei der die Gemeinde das Weihersystem vom Krebsiweiher mit dem Gemisbächli sowie dem Mühleweiher und das Wasserrecht samt Turbinenanlage in der alten Mühle Egli bekam – ein Thema, dessen Zukunft erst im letzten November für grosse Diskussionen an der Gemeindeversammlung sorgte.»
Es ist einer der Kreise, die sich während seiner Laufbahn wieder geschlossen haben. Der grösste, der noch weit von der Schliessung entfernt ist, bleibt die Verkehrsplanung. Doch auch wenn dieses Thema manchen Blutdruck in Pfäffikon in die Höhe schnellen lässt: «Als Zugezogener wage ich es, das Verkehrsproblem etwas zu relativieren – da stehen Städte wie Uster vor viel grösseren Problemen.»
Herausforderungen gleich zum Start
Der heute 63-Jährige absolvierte ursprünglich die kaufmännische Ausbildung im Stadthaus Uster, bevor er nach ein paar Wanderjahren in Hombrechtikon als stellvertretender Gemeindeschreiber und Leiter des Bauamts arbeitete. Kurz nach seinem Wechsel nach Pfäffikon zog auch die fünfköpfige Familie Thoma in die Gemeinde – auf sanften Druck des Gemeinderats.
Der Einstieg in Pfäffikon wurde ihm allerdings nicht ganz einfach gemacht. Sein Vorgänger Willy Frick war ebenfalls über 30 Jahre im Amt, mit ihm verliess viel Wissen das Gemeindehaus.
«Und der damalige Gemeindepräsident Rolf Kläui (FDP) teilte mir bald mit, dass er im Frühling 1994 nicht mehr zu den Wahlen antreten werde», erzählt Thoma. «Das war im ersten Moment ein Schock, aber ich war derart mit dem Einarbeitungsprozess absorbiert, dass sowieso alles neu für mich war.»

Sowohl das Schönste als auch das Schwierigste an seiner Arbeit sei stets der Kontakt mit den Menschen gewesen. «Zu merken, dass die eigene Meinung gehört und geschätzt wird, und zu hören, dass man das Vertrauen der Leute geniesst, ist unglaublich bestärkend.» Als Vorgesetzter aller Gemeindemitarbeiter habe er aber auch manchmal Leute enttäuschen und etwa Kündigungen aussprechen müssen, die ihn geschmerzt hätten.
Wenn Bürgerinnen und Bürger eine Beratung zu einem politischen Thema gebraucht hätten – sei es für eine Anfrage an die Gemeindeversammlung oder bei der Ausarbeitung einer Initiative –, habe er stets gerne Hand geboten. «Bei mir gab es nie sieben Vorzimmer, durch die man sich erst kämpfen musste.»
Im Kontakt mit der Pfäffiker Bevölkerung sei es aber ebenso zu Situationen gekommen, die ihm nahegegangen seien. «Manchmal erfährt man intime Informationen und erhält Einblicke in Lebensumstände, die man lieber gar nicht wissen will», sagt er stirnrunzelnd. Ein paar schlaflose Nächte habe es in den letzten 30 Jahren auch bei ihm gegeben.
Drama mit Nachwehen
Der Tiefpunkt kam 2011. Damals wurde die Leiterin des Pfäffiker Sozialamts vor der Tür des Gemeindehauses erschossen. Der Täter hatte zuvor bereits seine Ehefrau umgebracht, dem Ganzen ging ein Familiendrama voraus, in welches das Sozialamt verwickelt war. «An Tag eins und zwei waren alle betroffen und betrübt – an Tag drei und vier ging die Suche nach Personen los, die zur Verantwortung gezogen werden konnten.»
Es ist deutlich, wie die Erinnerungen in ihm hochkommen. Man habe erst mit den Jahren richtig gemerkt, welche Folgen diese Tat für die gesamte Verwaltung gehabt habe. «Es kam zu zahlreichen Kündigungen», erzählt Thoma. «Und viele tragen diese Geschehnisse noch heute in sich.»
Seine Frau habe sich Sorgen um seine Sicherheit und vor allem um seine psychische Gesundheit gemacht. Er hingegen fühlte sich nie unsicher und von ihr getragen. «Es gab auch vor 2011 schon Situationen, in denen ich oder der Gemeinderat bedroht wurden. Einmal wurde sogar eine Gemeindeversammlung unter Polizeipräsenz abgehalten. Passiert ist nie etwas.»
Fehler lieber sofort zugeben
Auch Kurioses hat er in den letzten 30 Jahren erlebt – und war zum Teil direkt mitverantwortlich. So etwa 2017, als auf dem Stimmzettel für die Sanierung des Schulhauses Pfaffberg der nötige Baukredit mit 5815 Franken statt 5,815 Millionen Franken beziffert wurde.
«Im ersten Moment scheisst einen das natürlich an», gibt Thoma zu, muss aber trotzdem lachen, als er daran zurückdenkt. «In solchen Situationen gibt es nur eines: Proaktiv hinstehen und zugeben, dass man einen Fehler gemacht hat.» Mit dieser Einstellung habe er immer gute Erfahrungen gemacht.
In den letzten drei Jahrzehnten hat er mit insgesamt vier Gemeindepräsidenten und noch viel mehr Gemeinderäten zusammengearbeitet. Obwohl er sich selber nie so bezeichnen würde, wird auch er als Chef der Verwaltung manchmal als «achter Gemeinderat» betitelt.
«Je grösser die Blutauffrischung bei den Gemeindewahlen jeweils ausfiel, desto mehr Aufbruchstimmung kam auch im Gemeindehaus auf», sagt der scheidende Gemeindeschreiber. «Das sind Veränderungen, auf die man sich einstellen muss, aber auch kann.»

Das Verdikt zu Thomas Arbeit fällt seitens der Exekutive sehr positiv aus. «Ich hätte mir keinen besseren Gemeindeschreiber wünschen können», sagt Marco Hirzel (SVP), der 2016 als Nachfolger von Bruno Erni (parteilos) direkt als Präsident in den Gemeinderat gewählt worden war. «Seine Erfahrung war für mich seit Beginn die grösste Stütze.»
Jetzt müsse er es akzeptieren, diese zu verlieren. «Das Wertvollste an der Zusammenarbeit war die uneingeschränkte, gegenseitige Unterstützung und die ehrlichen Rückmeldungen im Vieraugengespräch.»
Auch Hans-Heinrich Raths (SVP), der bis 2010 Gemeindepräsident war, betonte in seinem Abschiedsinterview, dass Thoma für ihn ein «aussergewöhnlich guter Mitarbeiter» gewesen sei.
Hartnäckig zum Ziel
Lob, das Thoma nur zurückgeben kann. «Pfäffikon ist einfach eine lässige, attraktive Gemeinde.» Dass er ihr so lange treu geblieben sei, habe unter anderem damit zu tun, dass man hier offen für neue Ideen sei. «Wir haben die Digitalisierung früh und stark vorangetrieben, es arbeiten auch viele Junge und Frauen hier, Lohn- und Chancengleichheit werden grossgeschrieben.»
Vieles, das er in der Gemeinde erreicht oder zumindest angerissen hat, geschah im Hintergrund – und dürfte den Durchschnittsbürger nur peripher interessieren. «Aber gerade die Ausarbeitung einer neuen Gemeindeordnung, der Grundlage für unser tägliches Arbeiten, war für mich natürlich höchst interessant.»
Zu merken, dass die eigene Meinung gehört und geschätzt wird, ist unglaublich bestärkend.
Hanspeter Thoma
Als Meilensteine seiner Arbeit bezeichnet er unter anderem die Einführung der Wirkungsorientierten Verwaltungsführung (WoV). «Dabei legen Gemeindeversammlung und Gemeinderat Leistungsaufträge und Globalbudgets fest, mit denen nach Jahresabschluss auch tatsächlich eruiert werden kann, ob die gewünschten Leistungen im Rechnungsjahr erbracht wurden», erklärt Thoma.
Von den Parteipräsidenten sei die WoV auch schon als «sein Kind» bezeichnet worden. «Weil ich nicht lockerliess, bis ich fast alle von diesem Konzept überzeugt hatte», sagt er sichtlich zufrieden. «Ohne WoV ist die Jahresrechnung einfach ein Zahlenfriedhof, aus dem nicht genau ersichtlich ist, was der Steuerzahler für sein Geld erhalten hat. Stammtischgespräche wären so natürlich einfacher.»
Es sei für ihn das höchste Ziel einer Verwaltung, gute Dienstleistungen zu einem vernünftigen Preis zu bieten. «Und der Bürger muss genau sagen können, was er will.» So seien etwa Partizipationsprozesse für die Entwicklung einer Gemeinde essenziell.
Ein weiteres prägendes Projekt war der Weg zum gemeindeeigenen Dorfsaal Chesselhuus, das 2015 eingeweiht wurde. «Hier konnte ich meine Erfahrungen vom Bau des Dorfsaals in Hombrechtikon gut einbringen.» Er habe im Chesselhuus seither jedoch mehr gearbeitet als sich vergnügt. «Für die Gemeinde und die Demokratie ist es eine wichtige Stätte geworden.»

In Zukunft werde er sich allerdings stark zurückhalten, was das politische Geschehen in Pfäffikon betreffe. «Im ersten Jahr nach meiner Pension werde ich wohl gar nicht erst an Gemeindeversammlungen teilnehmen, später nur als stiller Stimmbürger.»
Ein lang gehegter Traum führt dazu, dass er sich nun frühpensionieren lässt, obwohl er in Pfäffikon seine Traumstelle gefunden hat. «Ich werde mich selbständig machen.» Vor langer Zeit war er Präsident des Frauenfussballvereins Schwerzenbach. «Da war ich eine Art Chef einer kleinen Firma, musste stets dem Geld hinterherrennen – das hat mir gefallen.»
Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Es muss nichts, alles darf.
Hanspeter Thoma
Einsätze als Berater für Behörden, Springer auf Gemeindeverwaltungen oder Organisator von Behördenschulungen könnte er sich vorstellen. «Mal schauen, wer mich will», sagt er bescheiden. «Der Bedarf nach solchen Angeboten ist jedenfalls klar da.»
Zwar habe er schon viele Anfragen für ehrenamtliche Tätigkeiten erhalten. «Da ich ja bald Zeit habe, hiess es jeweils», sagt Thoma. «Vielleicht bin ich in ein paar Jahren so weit, aber sicher noch nicht jetzt.»
Seine neu gewonnene Zeit wolle er neben seiner Selbständigkeit denn auch für Freizeitaktivitäten wie Sport, Kochen oder die Familie einsetzen, zu der mittlerweile ein Hund gehöre. Zudem sind er und seine Frau inzwischen Grosseltern. «Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Es muss nichts, alles darf.»
Zukunft wird familienfreundlicher
Noch einmal blickt Hanspeter Thoma auf seine Anfänge zurück. Zwar würde er die Stelle jederzeit wieder antreten. «Aber nicht mehr im Alter von 33 Jahren.» Die zum Teil langen Arbeitstage und zahlreichen Sitzungen am Abend seien nicht sehr familienfreundlich. «Meine drei Kinder sagen zwar, sie hätten ihren Vater nie vermisst – meine Frau sieht das allerdings etwas anders», fügt er etwas zerknirscht an.
Seinen letzten Arbeitstag hat Hanspeter Thoma Mitte Oktober. Bis dann wird er seinen Nachfolger Daniel Beckmann noch so gut wie möglich einarbeiten. Dass dieser die Tradition, 30 Jahre im Dienst der Gemeinde Pfäffikon zu arbeiten, weiterführen wird, darf bezweifelt werden – Beckmann ist bereits über 50 Jahre alt.
