ZVV erteilt S-Bahn-Halt Lipperschwendi eine Abfuhr
Vorerst keine Haltestelle im Baumer Weiler
Seit Jahren fordern Bürger eine Bahnhaltestelle im Weiler Lipperschwendi. Erst kürzlich startete die IG Tösstallinie einen neuen Versuch. Nun ist sie beim ZVV abgeblitzt. Doch sie erhält Unterstützung aus verschiedenen Richtungen.
Paul Stoppers Herz schlägt für den öffentlichen Verkehr. Der Ustermer Gemeinderat (BPU) ist Verkehrsplaner und Präsident der IG Tösstallinie – seit Jahren setzt er sich für mehr und besseren ÖV im Tösstal ein.
Eines seiner Herzensprojekte: die Einführung einer Bahnhaltestelle im Baumer Weiler Lipperschwendi. Bereits in den frühen 1980er Jahren wirkte er an einer Unterschriftensammlung mit ebendiesem Ziel mit.
Geändert hat sich seither wenig. Noch immer fährt die S26 ohne Halt am Ortsteil vorbei. Im März startete die Interessengemeinschaft um Stopper einen neuen Versuch.
Als Reaktion auf die Fahrplaneingabe 2024 des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) forderte sie die Einführung der Haltestelle in der Lipperschwendi zum Fahrplanwechsel in diesem Jahr.
Zu wenig Nachfrage – trotz Wachstum
Nun muss die IG Tösstallinie eine Niederlage hinnehmen: An der regionalen Verkehrskonferenz Oberland Mitte Mai blitzte sie mit ihrem Begehren ab. Ziel dieser Konferenzen ist es, die eingereichten Fahrplanbegehren zu besprechen und Informationen auszutauschen.
Demnach erachtet der ZVV einen Bahnhalt in Lipperschwendi als «nicht zweckmässig». Das Nachfragepotenzial in der Lipperschwendi sei zu gering, hielt der Verkehrsverbund fest. Er rechnet mit 50 bis 90 einsteigenden Fahrgästen pro Tag.
Auch die Pläne der Gemeinden Bauma und Fischenthal, das Gebiet Lenzen/Lipperschwendi baureif zu machen, ändern nichts an dieser Bewertung.
Doch der ZVV erteilte nicht nur dem Begehren selbst, sondern auch dem formalen Vorgehen der IG Tösstallinie eine Absage. «Ein Halt Lipperschwendi mit der S26 ist kein Fahrplanbegehren», heisst es im entsprechenden Dokument.
Das Tösstal als Naturraum
Angebotsausbauten, die zusätzliche Infrastruktur benötigten, würden mit den nationalen Ausbauschritten (Step) geplant.
National- und Ständerat hätten den Ausbauschritt 2035 bereits vor vier Jahren beschlossen, heisst es weiter. Dieser sehe im Tösstal keine Neukonzeption des Angebots vor.
Weiter betont der ZVV, dass laut dem kantonalen Richtplan auf eine «Steigerung der Erschliessungsqualität in den Handlungsräumen Kultur- und Naturlandschaft zu verzichten» ist.
Solche Projekte könnte man jederzeit fördern. Man muss es nur wollen.
Paul Stopper
Präsident IG Tösstallinie
Diese Haltung stösst Paul Stopper sauer auf: «Für mich zeigt das, dass man partout nicht über eine zusätzliche Bahnhaltestelle diskutieren will. Wenn der Kanton das Tösstal als Naturraum bezeichnet, ist das vielleicht schöngeistig, entspricht aber ganz und gar nicht der Realität. Und auch nicht dem Willen der Tösstaler.»
Ebenso wenig Verständnis hat er für die Kritik am Vorgehen. «Die Step-Ausbauschritte sind für grössere Projekte gedacht. Da hat es aber in der Regel immer Platz für Kleinprojekte wie jenes in Lipperschwendi.»
Deshalb ist für ihn klar: «Solche Projekte könnte man jederzeit fördern. Man muss es nur wollen.» Das würden andere Projekte in der Schweiz deutlich zeigen.
Stand- in Fahrzeiten umwandeln
Zu wollen scheint der ZVV auch deshalb nicht, weil die technische Machbarkeit «seitens der SBB nicht bestätigt ist». Stopper widerspricht: «Provisorische Haltestellen, wie wir sie vorgeschlagen haben und sie auch bei Veranstaltungen eingesetzt werden, sind rasch und unkompliziert realisierbar.»
Die Studie, die die IG Tösstallinie gemeinsam mit der Gemeinde Bauma und privaten Investoren in Auftrag gegeben habe, habe zudem gezeigt, dass man Standzeiten am Bahnhof Bauma in Fahrzeiten umwandeln könnte, wodurch ein zusätzlicher Halt ohne grosse Infrastrukturbauten möglich wäre.
Das Problem: «Ohne die Zustimmung des ZVV geht es nicht voran. Wenn er das Projekt nicht weiterverfolgen will, werden leider auch die SBB und das Bundesamt für Verkehr nicht tätig», sagt Stopper.
Vom ZVV-Vorschlag, das Gebiet Lipperschwendi mithilfe einer Verlängerung der Postautolinie 809 zu erschliessen, hält Paul Stopper ebenfalls wenig.
«Nicht jeder ÖV-Ausbau ist automatisch sinnvoll»
«Die Linie fährt einfach irgendwo und irgendwie – ohne Anschluss an die S-Bahn. Das ist keine diskutierbare Alternative», moniert er. Kommt hinzu: Selbst für eine verlängerte Postautolinie sieht der Verkehrsverbund aktuell zu wenig Potenzial.
Die Abfuhr des ZVV ist für Stopper aber vor allem eines: «Ausdruck einer widersprüchlichen Raumplanung, wenn der Kanton beim Umsteigen auf den ÖV klemmt, während er die Tösstalstrasse munter weiter ausbaut.»
Gerade im Hinblick auf das laufende Quartierplanverfahren wäre eine Haltestelle in der Lipperschwendi sicher sinnvoll.
Andreas Sudler (parteilos)
Gemeindepräsident Bauma
In einer E-Mail, die der Redaktion vorliegt, forderte er Baudirektor Martin Neukom (Grüne) auf, dieser widersprüchlichen Raumplanung ein Ende zu bereiten. Der Regierungsrat entgegnete, nicht jeder ÖV-Ausbau sei automatisch sinnvoll.
Im Übrigen liege es in der Natur der Sache, dass die Raumplanung voller gegenläufiger Interessen stecke. Es gelte, diese gut aufeinander abzustimmen. «Doch genau dies unterlässt der Kanton seit Jahren. Er lässt alles so laufen, wie wenn weder im Klima noch im Verkehr Entscheidendes zu geschehen hätte», beanstandet Stopper.
Gemeinde befürwortet Haltestelle
Die Gemeinde Bauma ist dem Vorschlag einer neuen Bahnhaltestelle nach wie vor wohlgesinnt, wie Gemeindepräsident Andreas Sudler (parteilos) bestätigt: «Gerade im Hinblick auf das laufende Quartierplanverfahren wäre eine Haltestelle in der Lipperschwendi sicher sinnvoll.» Und auch das Alters- und Pflegeheim Blumenau könne davon profitieren.

Denn: «Es ist eine Tatsache, dass der Weiler schlecht erschlossen ist.» Deshalb will sich die Gemeinde weiterhin für eine Haltestelle einsetzen.
«Wir schliessen uns da auch gerne den Bemühungen der IG Tösstallinie an», sagt Sudler. «Aber wenn wir merken, dass die Situation aussichtslos ist, können auch wir keine Berge versetzen.»
Die Befürworter einer Bahnhaltestelle in der Lipperschwendi müssen sich also in Geduld üben. Rückenwind verleihen könnte dem Thema eine Petition.
Unter dem Namen Pro Lipperschwendi sammelt ein Komitee Unterschriften für eine rasche Einführung der Haltestelle.
Laut Stopper sind bisher rund 230 Unterschriften eingegangen, der Grossteil davon aus Lipperschwendi. Für den IG-Präsidenten ist klar: «Wir sind zwar enttäuscht, aber geben nicht auf.»
