Ferrari löst Peugeot ab
Neuer höchster Illnau-Effretiker gewählt
Hansjörg Germann ist auf der Überholspur. Er ist neu der höchste Illnau-Effretiker und fährt einen Ferrari. Sein Vorgänger will nun auch wieder Gas geben – im Parlament.
«Gewählt im ersten Wahlgang mit 25 Stimmen ist Hansjörg Germann», verkündete der scheidende Parlamentspräsident Maxim Morskoi (SP) am Donnerstagabend an der Sitzung des Stadtparlaments. Somit ist Germann der 50. Parlamentspräsident. «Bis jetzt war ich Spieler, und neu bin ich Schiedsrichter», erklärte der FDP-Politiker.
«Als Schiedsrichter kann ich keine Tore schiessen, ich darf keine Vorstösse mehr machen.» Die Freude sei aber gross. «Es ist auf kommunaler Ebene die höchste Position, die man erreichen kann, es macht sicher Spass und ist auf ein Jahr begrenzt.»
Der 58-jährige Germann fährt Ferrari und legt Wert auf Pünktlichkeit. Sein Vorgänger Maxim Morskoi ist Besitzer eines Peugeot 208.
Trotz dem weniger leistungsstarken Auto führte der Sozialdemokrat immer speditiv und selbstsicher durch die Sitzungen. Wobei anzumerken ist, dass Morskoi geschäftlich einen Renault Megane E-Tech fährt, welcher über eine rassige Beschleunigung verfügt.
Die italienischen Wurzeln des neuen Präsidenten
Aufgrund des Autos, welches jemand fährt, lässt sich wohl wenig ableiten, wie der Besitzer als Mensch wirklich tickt. Aber ein bisschen schon.
Bei Hansjörg Germann lässt sich der Ferrari punktuell mit seiner Lebensgeschichte verbinden. «Ich habe italienisches Blut», sagt der Ingenieur, der im Verwaltungsrat einer Softwarefirma in Bern sitzt.
Nicht nur das Auto, auch seine Klamotten kauft der Parlamentspräsident in Italien. «Ich mag es sportlich, elegant und nicht zu formell.» Und trotzdem tut Germann etwas, das wohl bei vielen Italienern Stirnrunzeln auslöst.
Geprägt durch China-Aufenthalt
An seinem Ferrari hat der zweifache Familienvater Alufelgen aus China montieren lassen. Auch dieser Umstand lässt sich erklären, wenn man den Lebenslauf des adrett gekleideten Mannes kennt. «Ich habe in China gearbeitet und zweieinhalb Jahre in Hongkong gelebt», dort habe er viel von den Chinesen gelernt.
«Ich habe für den drittgrössten Vermögensverwalter in China gearbeitet.» Damals vor rund zwölf Jahren sei der ganze Verwaltungsrat aufgrund eines Skandals ausgewechselt worden. «Es war eine interessante Turnaround-Situation.»
Überhaupt war der Illnau-Effretiker überrascht, wie schnell und pragmatisch in China gearbeitet wird. «Davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.»
«Wir haben in der Schweiz das Problem, dass wir niedrig bauen, aber viel Fläche zubetonieren.» Illnau-Effretikon würde mit der gleichen Bevölkerungsdichte wie in Hongkong über 2,5 Millionen Einwohner haben, rechnet Germann vor.
«Das ist unheimlich dicht – ich habe aber in Asien gesehen, wie schön Wolkenkratzer sein können, wenn sie in Grünflächen eingebettet sind.»
Für ihn seien das Thema Siedlungsentwicklung und die optimale Nutzung des Baulands sehr wichtig. «Ich finde, in Illnau-Effretikon geht es in eine gute Richtung, man könnte aber noch mutiger werden.» Um den Bahnhof werde beispielsweise viel gebaut. Man könnte dort höher bauen und dafür mit mehr Grünflächen, meint Germann.
Wenn Germann hier von den pragmatischen Lösungen in China spricht, wirkt das auf manchen Schweizer utopisch. So überrascht es nicht, dass einige Kollegen aus dem Parlament sagen, er sei ein Träumer. Diese fahren aber auch nicht einen Ferrari.
Kritik am Lebensstil
Wegen seines Autos oder der breiten Hornbrille, die er trage, sei er schon oft angeeckt. «Die Brille fällt hier in der Schweiz auf, ich werde immer wieder darauf angesprochen.» In Italien sei das nicht der Fall. Und warum ist das so? «Nördlich der Alpen ist man konventioneller und vorsichtiger», meint Germann. Dafür sei es stabiler und sicherer in der Schweiz.
Dass sein Sportwagen einen hohen Verbrauch hat, kann Germann nicht abstreiten. Aber er wohne in einem Minergie-Haus. Ausserdem habe er einen Fiat Panda als Zweitwagen, mit welchem er häufiger unterwegs sei als mit dem Ferrari. «Der Zweizylinder verbraucht natürlich deutlich weniger Benzin als der Zwölfzylinder, das versuche ich zu berücksichtigen.»
Man spürt, der typische Schweizer mit seinen Klischees steckt auch in Germann. Schliesslich lebt er seit 21 Jahren in Illnau-Effretikon und ist in Adliswil aufgewachsen. «Die Schulbildung hier hat mich geprägt. Ich bin zuverlässig, zielstrebig, gut organisiert und halte meine Versprechen ein.»
Und Maxim Morskoi? Er musste sich als Parlamentspräsident ein Jahr lang zurückhalten und freut sich darauf, dass er jetzt wieder laut und deutlich seine Meinung kundtun kann im Parlament. Ausgebremst wird er künftig wohl vom Ferrari-Fahrer Germann, der ruhige und geordnete Sitzungen verspricht.