Darf man die Primarschule verbessern?
Parlament Uster
Der Gemeinderat debattierte darüber, wie viel eine Tagesstruktur in der Primarschule kosten darf – und ob man die integrative Schule neu auslegen könnte.
Patricio Frei (Grüne) eröffnete die Sitzung pünktlich an diesem heissen Sommerabend im Parlament Uster. Da rauchten nicht nur die Köpfe, sondern plötzlich auch eine Lampe, die sich überhitzt hatte. Dieses Problem war aber schnell gelöst.
Nicht aber das umfassende Thema zur neuen Tarifgestaltung in Primarschulen. Man wollte die Kosten anpassen, sodass niedrig verdienende und alleinerziehende Eltern in Zukunft weniger bezahlen müssen, wenn ihre Kinder ausserhalb der Schulzeiten betreut werden. Besserbetuchte sollen etwas mehr bezahlen.
Das leuchtete vor allem der FDP nicht ein. Gianluca Di Modica (FDP) rechnete vor, dass die Tagesstruktur mit der neuen Bestimmung für ein Einkommen von 35’000 Franken im Jahr 3500 Franken kostet. Für eine Familie mit mehr als 150’000 Franken lägen die Kosten bei rund 16’500 Franken.
So können wir vor allem die Mütter im Berufsleben halten.
Ursula Räuftlin (GLP), Gemeinderätin
Da stellte sich die Frage: Wie kommt eine Familie mit 35’000 Franken Einkommen im Jahr überhaupt aus? «Mit den heutigen Tarifen kann sich der Mittelstand jedenfalls die Tagesstruktur für seine Kinder kaum leisten», erläuterte Walter Meier (EVP), Präsident der Rechnungsprüfungskommission (RPK). Verglichen mit Dübendorf oder Wetzikon sei die heutige Tagespauschale viel zu hoch.
Ursula Räuftlin (GLP) befasst sich schon seit 15 Jahren mit dem Thema und freute sich, wenn die Tarife nun endlich fair gestaltet würden. «So können wir die Eltern – beziehungsweise mehrheitlich Mütter – im Berufsleben halten und für die Kinder trotzdem eine stabile, gute Betreuung sicherstellen», sagte sie in ihrem Votum.
Die Weisung wurde mit 17 zu 12 Stimmen angenommen: Im November 2023 können die Ustermer darüber abstimmen.
Weitere Punkte in der Übersicht
1. Die Kreditabrechnung für die Pelletheizung für das Schulhaus Freiestrasse mit rund 336'000 Franken wurde mit 31 zu 0 Stimmen angenommen.
2. Das Postulat der Grünen zu nachhaltigen Veranstaltungen wurde mit 18 zu 13 Stimmen überwiesen: Damit will die Stadt Uster effektive Möglichkeiten prüfen und eine Checkliste für Eventorganisatoren erstellen.
3. Das Postulat der Fraktion der Grünen für mehr Schutz für Amphibien wurde mit 4 zu 24 Stimmen abgelehnt, mit der Begründung, dass dieser Punkt bei den Massnahmen zur Biodiversität schon mitgedacht werde.
4. Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» findet weltweit in 187 Ländern statt, und das Postulat dazu wurde mit 23 zu 6 Stimmen an den Stadtrat überwiesen. Damit nimmt Uster an den Aktionen vom 25. November bis zum 10. Dezember teil. Ein wichtiges Ziel der Kampagne sei es, Beratungs- und Anlaufstellen bekannter zu machen.
Ein zweites polarisierendes Thema betraf nochmals die Primarschulpflege: Andrea Grob (FDP) und Jürg Krauer (FDP) kurbelten mit ihrem Postulat «Integrative Schule an der Primarschule Uster neu auslegen» eine längere Diskussion an.
Darin beschreiben sie den Missstand an Schulen, dass Lehrpersonen überlastet seien, vor allem, wenn einzelne Kinder den Schulunterricht störten. Mit dem heutigen Schulmodell seien weder Lehrpersonen, Eltern noch Kinder zufrieden.
Die FDP habe nichts gegen die Inklusion. «Was wir nicht unterstützen, ist, wenn ein einzelnes Kind 20 Mitschülerinnen und Mitschüler samt deren Eltern und Lehrpersonen in Mitleidenschaft zieht», sagte Andrea Grob (FDP) in ihrem Votum.
In diesem Fall funktioniere die integrative Schule nicht und solle neu überdacht werden. Die Fraktion von FDP und Mitte habe mit ihrem Vorstoss lediglich abklären wollen, welchen Handlungsspielraum man auf kommunaler Ebene habe.
Falscher Medienkonsum bei Kindern
Nina Nussbaumer (SP) sprach sich in ihrem Votum klar dagegen aus. Im Postulat seien Themen vermischt worden. Dort steht nämlich auch: «Gleichzeitig muss den Erziehungsberechtigten intensiver aufgezeigt werden, was zu früher und häufiger Medienkonsum für negative Folgen auf das Kind und seine Beziehungen haben kann.»
Nussbaumer betonte, man könne nicht einfach einen übermässigen Medienkonsum bei Kindern als Beweis dafür anbringen, dass das integrative Schulmodell versagt habe.
Auch Claudia Frei (GLP) gab ihren Bedenken eine Stimme. Im Text des Postulats komme das Wort Integration nur im Titel vor. Man habe an Schulen mit anderen Problemen zu kämpfen: zum Beispiel mit einem überladenen Lehrplan, fehlendem Personal und einer steigenden Anzahl von Kindern.
Hitzige Diskussion mit rauchenden Köpfen
Patricia Bernet (SP), Präsidentin der Primarschulpflege, freute sich über eine emotionale Diskussion. In ihrer Rede klang es dann aber, als wäre alles in bester Ordnung. 96 Prozent der Lehrpersonen seien zufrieden mit ihrem Beruf. In Uster hätten fürs nächste Jahr alle Stellen besetzt werden können, nur zwei der neu angestellten Lehrpersonen hätten noch keine dementsprechende Ausbildung.
Das Postulat wurde sehr knapp mit 14 zu 16 Stimmen – bei einer Enthaltung – abgelehnt. Die SP kündigte an, die Partei sei einverstanden mit dem Punkt, dass Lehrpersonen in Zukunft besser unterstützt werden müssten.
Die SP werde darum einen eigenen Vorstoss in diese Richtung vorbereiten. Neue Lösungsansätze für die Primarschule sind damit also noch nicht vom Tisch und zeigen eine gesellschaftliche Relevanz auf.
Inklusion kann auch falsch benutzt werden
Was zu guter Letzt noch aufgefallen ist: Beim Thema «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» fiel ein Votum der FDP, in dem das Wort Integration dann doch noch etwas verdreht wurde: Man solle doch bitte die Männer auch mitdenken, auch sie könnten Opfer von Gewalt werden. Als Erklärung wurde nachgelegt, Gewalt finde oft unter Menschen mit Migrationshintergrund statt.
Nina Nussbaumer konterte mit einem Zitat der ehemaligen Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP): Der grösste gleichnamige Nenner bei Gewalt sei nicht die Herkunft, sondern das Geschlecht.
