Podium zu nachhaltiger Ernährung bleibt vieles schuldig
Ustermer Klimawochen
Wenige Besuchende, mehr Fragerunde statt Podiumsdiskussion: Im Ustermer Gemeinderatssaal konnte eine Veranstaltung nicht vollends überzeugen. Dabei wäre die zentrale Frage durchaus spannend gewesen.
«Welche lokalen Veränderungen sind in Uster zur Ermöglichung und Förderung eines nachhaltigeren Ernährungssystems nötig?» Was nach einer spannenden Frage für ein Podiumsgespräch klingt, interessiert an diesem Abend gerade mal ein knappes Dutzend Personen.
Sie haben sich gegen 18 Uhr im Gemeinderatssaal des Ustermer Stadthauses eingefunden, um sich einer Diskussion rund um das Thema nachhaltige Ernährung zu widmen.
Dieses beschäftigt zurzeit die grösste Stadt im Oberland. Seit dem 9. Mai finden die Klimawochen statt. Und das Podium «Bürger:innenrat für Ernährungspolitik» ist insgesamt eine von 16 Veranstaltungen, die sich mit nachhaltiger Ernährung auseinandersetzen.
Doch bevor die eigentliche Podiumsdiskussion beginnt, ist es an Gabriel Pelloquin, dem Projektleiter bei der Stiftung Biovision, eine rund halbstündige Einführung in das Thema zu geben.

Denn dieses ist nicht einfach nachhaltige Ernährung. Sondern ein spezieller Prozess, der bereits im letzten Jahr stattgefunden hat und unter anderem von der Stiftung Biovision und dem Netzwerk «Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung» organisiert und mitgetragen wurde.
Am Anfang war ein Rat
Damals befasste sich ein sogenannter Bürger- und Bürgerinnenrat mit der Frage, wie eine Ernährungspolitik aussieht, die bis 2030 in der Schweiz allen Menschen gesunde, nachhaltige, tierfreundliche und fair produzierte Lebensmittel zur Verfügung stellt.
80 zufällig ausgeloste Personen aus allen Regionen, Schichten und Altersgruppen erarbeiteten in mehreren Treffen eine Antwort auf diese Frage – eine Antwort, bestehend aus 126 Empfehlungen.
Diese beinhalten Massnahmen, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen: Aufklärung der Konsumierenden, Veränderungen der Preispolitik, Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft oder beim Detailhandel. Das liest sich dann beispielsweise so: «Das Angebot auf mehr Saisonalität ausrichten (z. B. keine Erdbeeren im Winter).»
Anfang Februar dieses Jahrs wurden die Empfehlungen offiziell der Politik übergeben. «Es ist keinesfalls die Erwartung, dass die Vorschläge eins zu eins umgesetzt werden», erklärt Gabriel Pelloquin den wenigen Anwesenden.
Fragerunde statt Diskussion
Und diese Anwesenden wohnen anschliessend einer Podiumsdiskussion bei, die weder ihrer eigentlichen Frage auf den Grund zu gehen noch in ihrer Orchestrierung zu überzeugen vermag.
Vielmehr gleicht das Gespräch, dem neben Pelloquin noch eine Teilnehmerin des Bürger:innenrats, Meret Schneider (Nationalrätin, Grüne) und Martin Pfister (Biobauer, Ustermer Birkenhof) angehören, einer Fragerunde. Wobei die eigentlich zentrale Frage nach den lokalen Veränderungen grösstenteils unbeantwortet bleibt.
Wie sie auf die Empfehlungen reagiert hätten, so die Einstiegsfrage der moderierenden Sarah Friedrich an die Gäste. «Positiv überrascht», heisst es von Meret Schneider, die aber dann sogleich über ihre eigenen Vorstösse im Nationalrat in Bern zu reden beginnt.
Ich habe gestaunt, dass ich praktisch alles unterstützen und dahinterstehen kann.
Martin Pfister, Biobauer in Uster
Publikum hakt nach
Die erste wirklich spannende Frage stellt nach rund 40 Minuten einer der Anwesenden, als das Gespräch auf der Bühne geöffnet wird.
Wie würde eine Vision in Sachen Ernährungspolitik für Uster aussehen, eine Stadt, die einem künftig grossem Bevölkerungswachstum ausgesetzt ist? Wie viele Personen könnten wirklich durch die Landwirtschaft im unmittelbaren Umfeld versorgt werden?
«Ich habe das mal ausgerechnet», so Pfister. «Die Ustermer Bauern könnten die Stadt eigentlich mit genug Milch, also drei Millionen Litern, versorgen.»
Die Lastwagen durch den Gubrist zur Emmi könnten wir uns sparen.
Martin Pfister, Biobauer in Uster
Allerdings, so der lokal ansässige Landwirt, sei das in der derzeitigen «wirtschaftlichen Situation mit all unseren Freiheiten» nicht möglich. Ganz zu schweigen, wie schwierig die Vermarktung sei.
Das gleiche Problem hat auch Meret Schneider erkannt.

«Momentan befinde ich mich in der frühen Planungsphase für einen zentralen Hofladen in Uster, für alle Höfe.» Neben einem einfachen Konzept der Selbstbedienung müsse dieser natürlich auch das Problem des Diebstahls lösen.
Überhaupt versuche sie aus der Mikroperspektive Herausforderungen anzugehen. «Ich entwickle Visionen, wenn ich sie schnell umsetzen kann. Allerdings finde ich es gut, wenn andere Visionen haben.»
Motivation – und keine Kontrolle
«Brauchen wir in Sachen Ernährungspolitik vielleicht auch eine Aufsichtsbehörde wie die Finma?», will ein weiterer Zuhörer wissen. «Nach Sondersession und Credit Suisse – nein, wir brauchen keine weitere Kontrollinstanz», antwortet die Nationalrätin. Sie sehe viele junge, innovative Bauern und versuche diese auf ihrem Weg zu unterstützen.
«Bauern wollen keine Landwirtschaftsgärtner sein und nicht von Subventionen leben, sondern faire Preise für ihre Produkte.» Da versuche sie mit ihren Vorstössen in Bundesbern Türen zu öffnen, wie mit ihrer Motion «Einzelkulturbeiträge auch für Kulturen zur menschlichen Ernährung».
Dank diesen erhalten Bauern neu auch finanzielle Beiträge vom Bund, wenn sie Bohnen, Linsen, (Kicher-)Erbsen oder Lupinen anbauen. Zuvor gab es nur Unterstützung, wenn Ackerbohnen zu Futterzwecken angebaut wurden. «Dafür möchte ich Meret Schneider danken», so Martin Pfister.

Und auch für ihn sei eine Kontrollbehörde keine Lösung, um Ernährungspolitik nachhaltig zu verändern. «Wir müssen ein System finden, das uns motiviert, uns zu verändern. Wobei es auch wichtig ist, dass wir uns alle, Konsumenten und Lieferanten, gemeinsam ändern.»
Doch was das genau für das Beispiel Uster bedeutet, bleibt auch nach gut anderthalb Stunden ungeklärt für die Anwesenden.
