Wetzikon erhält eine Vision
Stadtrat stellt Kompass
Die Stadt soll fit für die Zukunft gemacht werden. Die Exekutive zeigt nun auf, was sich bis 2040 ändern könnte.
Die nächsten vier Jahre sind für den Wetziker Stadtrat nicht mehr genug. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass es mehr braucht als nur reine Legislaturziele. Unsere Ziele müssen länger hinhalten, 10 oder 20 Jahre», hat Stadtpräsident Pascal Bassu (SP) am Montag erklärt.
Konkret sind es 17 Jahre geworden. So hat die vor einem Jahr neu gewählte Exekutive zusammen mit den Spitzen der Verwaltung eine Vision 2040 für die Stadt ausgearbeitet. Auszüge davon präsentierte die Stadtregierung jetzt der Bevölkerung. Das Interesse war überschaubar, kamen doch nur rund 70 Wetzikerinnen und Wetziker zur öffentlichen Veranstaltung.
Eine leise Enttäuschung war bei den Politikern zu spüren. Doch sie liessen sich am ersten derartigen Kontaktanlass mit den Einwohnerinnen und Einwohnern nicht beirren und stellten die sechs «Handlungsfelder» in rund zwei Stunden vor. «Wir haben diese abteilungsübergreifend erarbeitet», betonte Bassu. Auch das sei neu für die Stadt. «Wir bieten so einen gemeinsamen Kompass für die Zukunft Wetzikons.»
Um den Zuhörerinnen und Zuhörern Fleisch am Knochen zu bieten, gingen die Stadtratsmitglieder auch auf einzelne Schwerpunktthemen ein. Insgesamt 150 Projekte hat der Stadtrat entwickelt. Rund die Hälfte davon kommt jetzt neu hinzu. Bei den anderen handelt es sich um Vorhaben, für die bereits früher Überlegungen und Arbeiten angestellt worden sind.
Wohnraum und Arbeitsplatz
«Wetzikon zeichnet sich als attraktiven Standort zum Wohnen und Arbeiten und als vorbildliche Arbeitgeberin aus», lautete das Credo zum ersten Handlungsfeld. Zu den Schwerpunkten gehört hier die Realisierung eines Gemeinschaftszentrums. Entstehen soll es am Standort der Feuerwehr an der Farbstrasse.

«Diese muss also erst verlegt werden – und das wird noch länger dauern», relativierte Bassu, zeigte aber gleichzeitig auf, weshalb die Vision auf einen so langen Zeitraum ausgelegt ist. Immerhin ist die Machbarkeitsstudie bereits abgeschlossen.
Als Beispiel für die Neugestaltung der Quartiere zeigte Planungsvorstand Stefan Lenz (FDP) die Aufwertung Oberwetzikons auf. «Der erste Meilenstein dazu ist der laufende Neubau der ZKB.» Hinzu kommt dann die Umgestaltung des Oberland Märt. Und dazwischen soll der Leueplatz zu liegen kommen – und zwar über die jetzt teilende Strasse hinaus. «Dessen Bestimmung ist ein Ort für Märkte, Events und Festivals», unterstrich Lenz.
Mit den schon im Einsatz stehenden mobilen Sitzgelegenheiten und auch den Pflanzkübeln habe die Stadt bereits gute Erfahrungen gemacht. Dereinst sollen dort dann auch grosse, schattenspendende Bäume stehen.
Wie schnell sich Pläne ändern können, zeigt sich am Beispiel der angepeilten Einrichtung einer Tagesschule. Anfang März ist hier mangels Nachfrage die Reissleine gezogen worden. Und Tiefbauvorstand Heinrich Vettiger (SVP) wies auf die Einführung von weiteren Tempo-30-Zonen hin. Sicher würden die vom Kanton verfügten Strassenzüge kommen, wo die Geschwindigkeit aus Lärmschutzgründen reduziert werden solle. Davon unabhängig soll über Tempo 30 in Wohnquartieren an der Urne entschieden werden.
Gesundes, qualitatives Wachstum
Der Stadtrat will das Wachstum Wetzikons aktiv gestalten. Was das heisst, zeigte Finanzvorsteherin Sandra Elliscasis (FDP) auf: «Die Stadt will sich Grundstücke sichern, die im öffentlichen Interesse stehen.» Was die Stadt einmal hat, will sie künftig nicht mehr verkaufen, sondern höchstens im Baurecht abgeben.
Bevor die Stadt sich an einen Neubau macht, will sie jeweils zuerst prüfen, ob sich der zusätzliche Raum nicht auch durch Verdichtung erreichen lässt. Dies betrifft laut Elliscasis in erster Linie die acht Schulstandorte mit ihren 50 Gebäuden.

«Es geht darum, dass wir den Elefanten in Scheiben schneiden.» Der Elefant ist für Lenz die gewaltige Ortsplanrevision. Und die Scheiben sind die Etappen dieser gewaltigen Aufgabe. Die Industrieareale sollen umgestaltet werden. Die Siedlungsentwicklung ist klimaangepasst vorzunehmen – mehr Büsche und Bäume, weniger versiegelte Flächen –, wobei die quartiercharakteristischen Elemente erhalten bleiben müssen.
«In einer Stadt, die immer mehr verdichtet wird, gilt es, Grün- und Freiräume zu schaffen», meinte Lenz und verwies dafür auf das Beispiel des jüngst präsentierten Gestaltungsplans Pestalozzistrasse.
Digitale Transformation
Abstrakter sind die Schwerpunkte, die der Stadtrat unter dem Titel «Digitale Transformation» anpacken will. Für die Öffentlichkeit sichtbar wird dagegen die neue Website, die die Stadt in Angriff nimmt. Aktuell läuft die Ausschreibung. Gemäss Bassu werden die Online-Dienstleistungen ausgebaut. «Für einfache Sachen muss man nicht mehr an den Schalter, wird das aber auch in Zukunft noch können», wie er gleich mit Blick auf jene betonte, die mit dem Internet nicht so viel anzufangen wissen.
Insbesondere soll es dereinst auch möglich sein, über die Site Räume der Stadt zu reservieren, vom Singsaal über die Turnhalle bis zum Eisfeld. Und es soll nicht beim Reservieren bleiben: Auch bezahlt wird der Raum künftig über die Website.
Mobilität
Fussgänger, Velofahrerin, Autolenker, Lastwagenchauffeur, Buslenkerin oder Trotti-Fahrer: Alle drängen sich auf den Strassen und Wegen Wetzikons. Und es werden immer mehr. Tiefbauvorstand Vettiger will das alles in den Griff bekommen. «Die Stadt Wetzikon verfügt über eine funktionierende Mobilität für alle Verkehrsteilnehmenden», heisst es denn auch in der Broschüre, die der Stadtrat zur Vision 2040 herausgegeben hat.
Erreicht werden soll das möglichst durch eine Entflechtung der verschiedenen Verkehrsteilnehmenden, jede Kategorie erhält ihren eigenen Platz. Wie es nach dem Nein zur Westtangente weitergeht, soll bis 2024 klar sein. Immerhin wurden schon einige der über 20 Lösungsvarianten ausrangiert.
Gesellschaftliche Veränderungen
Die Frühförderung, die Inklusion aller Bevölkerungsgruppen, der Ausbau der offenen Jugendarbeit oder die Umsetzung der Altersstrategie, all das wird unter dem Punkt «Gesellschaftliche Veränderungen» aufgeführt.
Sozialvorstand Remo Vogel (Die Mitte) hielt denn auch fest, dass gerade die älteren Einwohner in der Stadt auch wertgeschätzt werden sollen. «Sie sollen so lange wie möglich am öffentlichen Leben teilhaben.» Deren Bedürfnisse, sei es beim Wohnen, bei der Mobilität oder beim sozialen Zusammenleben, gelte es abzudecken.
Ausgebaut wird auch das Angebot im Wildbach, das seit Anfang Jahr nun als Pflegezentrum figuriert. Davon profitieren sollen auch Dritte, beispielsweise für den Mahlzeitendienst. Angedacht ist auch Fitness oder Reha für Ältere. Und zudem soll das Café modernisiert und mehr zum Begegnungsort werden.
Klimaneutrale Stadt
«Die Stadt Wetzikon zeichnet sich durch eine stabile Energieversorgung aus und nimmt eine Vorbildfunktion in Bezug auf erneuerbare Energien ein», heisst es in der Visionsbroschüre. In erster Linie will die Stadt eine klimaverträgliche Siedlungsentwicklung. «Wir wollen Hitzeinseln vermeiden, Alleen und Vernetzungskorridore schaffen und auch Gewässer renaturieren», hielt Vettiger fest.
Mit der Realisierung des Fernwärmenetzes und der Förderung von erneuerbaren Energien soll die Abhängigkeit von fossilen Energien reduziert werden. Und ja: «Längst überfällig ist die eine zentrale Hauptsammelstelle», betonte der Umweltvorstand. Das heutige System mit diversen Anlaufstellen für die Entsorgung sei nicht sehr effizient. Künftig soll wirklich alles an einem Ort entsorgt werden können.
Und dann die Schule
Ausserhalb der Vision 2040 stellte Jürg Schuler (FDP), Bildungsvorstand und Schulpräsident, am Montag auch sein Hauptziel vor: «Die Schule Wetzikon ist inklusiv ausgerichtet. Dabei geht es vor allem um eine Haltung.» Daher könne das nicht einfach befohlen werden, sondern es gelte, Überzeugungsarbeit bei der Lehrerschaft zu leisten.
Die Heterogenität der Kinder bezüglich Sprache, Kultur und Sozialverhalten sei eine grosse Belastung für die Lehrerschaft. «Doch den Traum der Homogenität können wir vergessen.» Der neue Ansatz soll daher sein, anders mit der Homogenität umzugehen: «Es ist normal, divers zu sein.» Daher müssten die Schule und der Unterricht anders gedacht werden. Vielfalt sei angesagt.
Wie es weitergeht
Die Fragerunde wurde nicht stark genutzt. Lediglich vier Leute meldeten sich. Zur Frage, wie es denn um die Kosten der vielen Projekte stehe, gestand Stadtpräsident Bassu, dass das schwierig zu beziffern sei. «Wir wissen noch nicht, welche der rund 150 Projekte wirklich umsetzt werden. Die Vision 2040 ist als Kompass gedacht.»
Auch was den Umsetzungszeitpunkt der einzelnen Vorhaben anbelangt, konnte Bassu noch wenig sagen. Immerhin stellte er in Aussicht, dass wohl auf der neuen Website der Stadt dann eine Übersicht aufgeschaltet werde mit den Projekten und deren Priorisierung. Vorerst aber müsse der Finanzplan als Orientierung im näheren Zeithorizont genügen.
Und die Mahnung, dass dann auch wieder obsolet gewordene Projekte aus der Liste gestrichen werden müssten, nahm der Stadtrat auf. «Wir müssen periodisch ausmisten und jäten. Das gibt uns auch Platz und die Chance für Neues», meinte die Finanzvorsteherin.
Bassu machte zudem klar, dass der Stadtrat den jetzt initialisierten Dialog mit der Bevölkerung fortsetzen will. «Uns schweben jährlich ein oder zwei solche Anlässe vor.» Dabei sollen auch konkrete Vorhaben vorgestellt werden.
Hinzugesellen sollen sich auch Stadtteiltreffen in den Quartieren. «Das ist allerdings mehr noch eine Idee», relativierte der Stadtpräsident. Die bisherige Sprechstunde mit dem Stadtrat jedenfalls habe sich nicht so bewährt und sei kaum genutzt worden.
«Wir wollen Neues ausprobieren, um mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen», erklärte Bassu. Der nächste Termin steht jedenfalls schon mal fest: der 6. November um 19.30 Uhr. Ort und Thema sind aber noch offen.
