Der Steig von der Kanzel
Dieses Jahr hat insbesondere der Gang auf die Kanzel in der reformierten Kirche – und noch viel mehr der Abstieg von dort oben – zu reden gegeben. Alt Nationalrat Max Binder (SVP) warnte parteiübergreifend Bundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP) auf dem Marsch zur Kirche vor der steilen Treppe, die sie dort vorfinden werde.
Die sportliche Justizministerin meinte, dass sie dann halt runterrutschen müsse. Und zur Absicherung habe sie ja den Weibel dabei, der sich unten an der Treppe postieren werden und sie zur Not auffangen könne.
Die grossen Füsse
Ersteres tat er dann auch, zweiteres war nicht nötig, denn die Bundesrätin meisterte den Steig problemlos. An der Nachfeier im Stadthofsaal bekannte sie dann aber, dass sie froh sei, diesmal nur auf die Bühne steigen zu müssen und nicht mehr auf die Kanzel.
Als stolzer Kanzelbezwinger bekannte sich an der Nachfeier auch der Zürcher Regierungspräsident Ernst Stocker (SVP). 2019 habe er die Treppe ebenfalls heil bewältigt.
«Ich glaube an die Kraft des aufgeklärten Bürgertums»
21.11.2022

Hauptrednerin Karin Keller-Suter
In Scharen strömten die Menschen am Sonntagnachmittag in die reformierte Kirche Uster. Beitrag in Merkliste speichern Im Gegensatz zu Vorredner Domenik Ledergerber, SVP-Kantonsrats und Kantonalpräsident, sowie der Hauptrednerin wirkte der neue Obmann des Ustertag-Komitees Christoph Keller (SVP) bei seinem ersten Abstieg von der Kanzel unsicher.
Vielleicht lag das an seiner Schuhgrösse – er trägt eine beachtliche 47. Jedenfalls wird er in den nächsten Jahren noch genügend Übungsmöglichkeiten erhalten.
Warme Luft trotz Sparmassnahmen
Technischen Fragen widmeten sich an der Nachfeier auch Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) sowie Gemeinderatspräsident Jürg Krauer (FDP). Letzterer meinte angesichts der Energiekrise, dass im Stadthaus die Heizung noch weiter runtergedreht werden könne, werde dort doch viel warme Luft produziert.
Die Stadtpräsidentin merkte an, dass es jetzt auch im Stadthofsaal deutlich kühler sei. Diesen zu heizen bringe ohnehin wenig, da angesichts der schlechten Isolation sowieso nur der Stadtpark aufgewärmt werde. Nun wolle der Stadtrat nicht nur die Heizung, sondern gleich den ganzen Saal ersetzen.
Dem steht aber noch ein ablauftechnisches Problem im Weg. So fehlt der Stadt das Geld dafür. Immerhin sieht sie beim Ablauf des Ustertags für die geladenen Gäste keine Probleme, sondern eine klare Linie: «Rede, Salut, Salat, Risotto, Wein, Crèmeschnitte».
Schiessen ohne zu zielen
Die richtige Technik spielt jeweils auch beim Ustertag-Schiessen eine wichtige Rolle. Dieses Jahr holte sich Trudi Hegi vom Schützenverein Oberrieden den Titel als Schützenkönigin.
Mit der Schiesstechnik noch nicht ganz im Reinen zu sein scheint Usters Sicherheitsvorsteherin Beatrice Caviezel (GLP), die im traditionellen Wettschiessen zwischen Stadt- und Gemeinderat mitwirkte.
So musste sie nach dem in die Luft gehenden Salutschiessen der Compagnie 1861 vor der Kirche von Staatsanwalt Matthias Stammbach, dem Mann der Stadtpräsidentin, anhören: «Das wäre doch auch etwas für Dich, da musst Du nicht zielen.»
Trotz mangelhafter Treffgenauigkeit schaffte das Exekutivteam immerhin, eine der beiden Gruppen des Gemeinderates hinter sich zu lassen.
Kein Vogt oder Herzog
Nach den ernsten Worten in der Kirche zeigte sich die Bundesrätin im Stadthofsaal noch von ihrer witzigen Seite. Nach der Ankündigung der Menüabfolge durch den Tafelmajor Joel Colle meinte Karin Keller-Sutter: «Ich bin also nicht der Salat». Als Wirtstochter könne sie aber gut Gläser polieren.
Einen feinen Wink Richtung Bundesratswahl gab sie dafür mit dem Verweis auf den Ustertag: «Das Volk meinte damals, kein Vogt oder Herzog soll uns regieren.» Nur um dann nachzuschieben, dass das jetzt als verkappte Wahlempfehlung verstanden werden könne.
Und die Bundesrätin meinte zum Vergleich zwischen ihrem Heimatkanton St. Gallen und Zürich, dass ersterer als Nehmerkanton dem Zürcher Finanzdirektor Stocker dankbar sein könne für das Geld. Dieser freute sich über das Lob: «Wann sagt eine Bundesrätin einem Finanzdirektor schon danke?»
Und zu vergeben hatte Stocker gleich noch eine Silbermedaille des Kantons Zürich. Empfänger war der vormalige Ustertag-Obmann Werner Egli, der für seine Verdienste um diese Feier geehrt wurde.
Erster Katar-Boykott
Fürs Schlussbouquet an der Nachfeier besorgt war Sicherheitsdirektor Mario Fehr (parteilos). «Willkommen zur ersten Katar-Boykottsendung», meinte der bekennende Fussballfan, der ausgerechnet während des Eröffnungsspiels der Fussball-WM sprechen musste.
Zu den anwesenden Stäfner Gemeinderäten merkte er an, dass diese sehr Goethe-fixiert seien, nur weil der berühmte Dichter einst ein paar Tage dort am Zürichsee verbracht habe.
Offenbar hätten sie sich aber an ihrem letzten Gemeinderatsausflug, der nach Göteborg führte, etwas verrannt. Jene Stadt habe nichts mit dem Dichter zu tun.
Und schliesslich kam er auch noch auf die Regierungsratswahlen zu sprechen. Als Ernst Stocker seine Wiederkandidatur angekündigt habe, habe das Beifall bis in seine ehemalige Partei, die SP, gefunden.
Als Mario Fehr diesen Schritt gemacht habe, habe diese Partei säuerlich reagiert. «Für mich jedenfalls sind Stocker und dieser Fehr wählbar.»
Und nachdem Stocker vor einem Jahr das Risottoessen den Ustertag-Besuchern spendiert hatte, verkündete Fehr nach Rücksprache mit dem Finanzdirektor, dass der Kanton auch dieses Jahr wieder den Risotto übernehme.
