Das neue Gesicht der Brauerei Uster als grosse Chance
Die Brauerei Uster überrascht immer wieder. Das fängt schon bei der Anfahrt an. Mitten im Zentrum der Stadt biegt man in die Brauereistrasse ein, die direkt ins langgezogene Areal mündet. Und plötzlich wähnt man sich zwischen den grossen Backsteingebäuden an der Nordseite des waldigen Schlosshügels in der äussersten Peripherie.
Der nächste Aha-Moment folgt hoch oben im Turm, 33 Meter über Boden. Die Büroräumlichkeiten bieten mit ihren grossen Fensterfronten einen fast schon herrschaftlichen Blick über die Stadt. Doch die Leute, die in ihnen arbeiten, könnten bodenständiger kaum sein.
Die Tochter verkauft, der Sohn produziert
Daniela Brauchli, 36, stellvertretende Geschäftsleiterin, und ihr Vater, Verwaltungsratspräsident Hanspeter Bucher, träumen und schwärmen nicht. Sie machen. Von hier aus organisieren, vermarkten und verkaufen sie die Jahresproduktion einer halben Million Liter Bier.
Für deren Herstellung ist derweil in der Brauerei ein drittes Familienmitglied zuständig: Der Sohn und Bruder Stefan Bucher, 38, amtet als Produktionsleiter und in dieser Funktion ebenfalls als stellvertretender Geschäftsleiter. Das Organigramm zeigt: Hier findet gerade die Wachablösung in einem Familienbetrieb statt.
Auch die zehn Sorten, die der naturtrüben Usterbräu-, der filtrierten Züri Hell- und der Spezialitäten-Linie entstammen, vermitteln mit dem Design ihrer Etiketten den Eindruck einer traditionellen Marke. Ein Eindruck, der durch das 125-jährige Jubiläum des Areals – das am 25. Juni gefeiert wurde – zusätzlich unterstrichen wird.
Tatsächlich ist die Braukultur AG – eine weitere Überraschung – aber eine sehr junge Firma. 2002 hatte Hanspeter Bucher das Areal, auf dem er seit 1979 ein Getränkedepot führte, erstanden. Doch die Braukultur AG, die hier heute die grösste Brauerei im Zürcher Oberland betreibt, hob er erst 2012 aus der Taufe.
«In einer Zeit, in der sich die Bierkonsumentinnen und Konsumenten auf das Lokale besinnen, sind unsere geschichtsträchtigen Gebäude von sehr grossem Wert», sagt Bucher. Daniela Brauchli nickt. «Der Name bestimmt das Marktgebiet.»
Die Tochter weiss um die Bedeutung der Verankerung. Die gelernte Kauffrau und Mutter eines dreijährigen Sohnes ist 2017 in den Betrieb eingestiegen. Aktuell ist sie dabei, den arrivierten Patron Bucher als Gesicht der Marke abzulösen. Stück für Stück übernimmt sie das Geschäft und die Kundenkontakte. «Mein Bruder wird als Innen-, ich als Aussenministerin auftreten», umschreibt sie die Aufgabenteilung grob.
Konstellation entspricht Zeitgeist
Als junge Frau in einer Führungsunktion ist sie in der Branche eine Ausnahme. Das ist dieser Tage freilich kein Nachteil, sondern vielmehr eine Chance. Einerseits entspricht diese Konstellation dem Zeitgeist, andererseits, ist das Zielpublikum längst über die männliche Arbeiterschaft hinausgewachsen.
«Auch immer mehr Frauen entdecken das Bier für sich», sagt Daniela Brauchli. Und spricht überraschenderweise aus eigener Erfahrung. Offen gibt die heute diplomierte Biersommelière zu, dass auch sie in jüngeren Jahren den Zugang zum Getränk nicht finden konnte.
Ihre Vermutung: «Der bittere Geschmack des hellen Lagerbiers, das noch heute gut 80 Prozent des Gesamtabsatzes ausmacht, mundet den Frauen weniger.»
Inzwischen habe aber der grosse Variantenreichtum bei den Spezialbieren die Ausgangslage verändert. Dunkel, Amber, Weizen, Pale Ale: Das Sortiment und damit auch die Geschmackspalette sind nicht nur bei der Brauerei Uster gewachsen. Das wiederum hat geholfen, die Milieu- als auch die Geschlechtergrenze zu überwinden.
Genau darin wird denn auch die Herausforderung für die Zukunft liegen. Ein Blick auf die Zahlen des Schweizerischen Bierbrauverbands zeigt beim Schweizerischen Pro-Kopf-Konsum einen Rückgang von 28,2 Prozent in den letzten 20 Jahren.
«Alkoholfreie Biere sind heute unabdingbar.»
Daniela Brauchli, stv. Geschäftsführerin der Brauerei Uster
Umgekehrt ist der Anteil des alkoholfreien Biers im Gesamtmarkt von 2,3 Prozent im Jahr 2010 auf 4,4 Prozent im Jahr 2021 gestiegen. «Alkoholfreie Biere sind heute unabdingbar», hält Daniela Brauchli fest.
Wolle man einen Gastronomen exklusiv beliefern, müsse man das einfach bieten. Deshalb sei man derzeit mit Hochdruck daran, eines zu entwickeln. Nur: «Das Unterfangen ist nicht einfach, schliesslich ist der Alkohol ein starker Geschmacksträger.»
Kundenkontakt bleibt wichtigstes Verkaufsmittel
Generell lässt sich aus den Tendenzen der letzten Jahre die Maxime «weniger, dafür besser», ableiten. Dafür sieht sich die Brauerei Uster als mittelgrosse Firma mit sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut aufgestellt.
Rein unabhängig davon, dass das denkmalgeschützte Gebäude gar keine grossen Ausbaupläne zulässt, verfolgt die Geschäftsleistung nicht das Ziel der Expansion, sondern sich in ihren Stammlanden zu behaupten.
«Bier vermittelt Emotionen. »
Daniela Brauchli
Dazu setzt sie weniger auf Sponsoring oder Werbeaktivitäten, denn auf die Promotion über das Produkt selbst, etwa mit Platzierungen oder Degustationen. «Bier vermittelt Emotionen, muss erlebbar sein und ist letztlich auch Geschmackssache», erklärt Daniela Brauchli.
Ergo wird auch künftig der persönliche Kontakt zum Kunden das wichtigste Verkaufsmittel bleiben. Das wiederum ist für einmal weniger überraschend, dafür mottogetreu: Nicht träumen und schwärmen. Sondern machen.
