Esther Kernen erzählt Geschichten mit Farbe und Ton
Auf der Hochebene zwischen Kempt und Töss thront das Schloss Kyburg. Im mittelalterlichen Dorf, das ihm zu Füssen liegt, säumen Fachwerkhäuser die gepflasterten Wege. Mittendrin: Die Gartenwirtschaft des Gasthauses Hirschen, in dem ein unauffälliger grüner Glaspavillon steht.
Hier hat sich die Kollbrunner Künstlerin Esther Kernen-Fischer eingenistet, um unter dem Titel «Wertiges mit Menschen» ihre Werke auszustellen. Der Ort ist nicht zufällig gewählt.
«Als ich noch ein Kind war, bin ich oft mit meiner Familie hier eingekehrt», sagt Kernen. Vor ihr auf dem Tisch sind Farben, Pinsel und Zeichenpapier ausgebreitet: Heute können sich die Besucher nämlich nicht nur mit der Künstlerin austauschen, sondern ihr auch beim Malen über die Schulter schauen.
Keine unnatürliche Schönheit
Betritt man den Pavillon, offenbaren sich dem Betrachter dutzende Skulpturen und Gemälde. «Was Sie da sehen, sind drei Jahre Arbeit», sagt die 53-Jährige und zeigt auf das Sideboard hinter ih0. Darauf sind minutiös genau dutzende vergoldete Tonfiguren aufgereiht.
Immer wieder trifft man dabei auf runde Körper und weibliche Kurven. «Ich will keine unnatürliche Schönheit zeigen. Da ich selbst weiblich und kurvig bin, fällt es mir viel leichter, solche Körperformen zu malen und zu modellieren», schildert die Künstlerin.
«Der Mensch in seiner pursten Form fasziniert mich.»
Esther Kernen, Künstlerin aus Kollbrunn
Esther Kernen bezeichnet sich selbst als «waschechte Tösstalerin». In Kollbrunn ist sie aufgewachsen, in Rikon in die Oberstufe, verheiratet mit einem Turbenthaler – seit 30 Jahren. Nur vier Jahre sei sie weg gewesen.
Kernen ist nicht nur Künstlerin, sondern betreibt auch eine Immobilienfirma und eine Praxis für Kinesiologie, Reflexologie und systemische Arbeit. «Diese Tätigkeiten mögen für viele weit auseinander liegen, doch für mich steht bei alledem die Kreativität und der Mensch im Fokus», erzählt sie.
Der Mensch im Mittelpunkt
Der Mensch stehe seit ihrer Kindheit im Mittelpunkt ihres Tuns. «Der Mensch in seiner pursten Form fasziniert mich.» Das sei auch der Grund, weshalb Esther Kernen in ihren Gemälden und Skulpturen meist auf Kleidung verzichte.
Auch die Beziehungen zwischen Menschen greift sie in ihrer Kunst immer wieder auf. Etwa bei einem mehrteiligen Werk, bei dem die verschiedenen Akteurinnen verschoben werden können, wodurch sich die «Familienkonstellation» und dadurch die Symbolik ändert.
Kunst macht Kernen bereits seit 30 Jahren. «Ich habe bereits als Kind immer gezeichnet – dadurch wurde es zur Routine, wie für andere das Sport machen», sagt die Künstlerin. Bald besuchte sie Kunstschulen in Zürich und St. Gallen. Mit 25 stellte sie zum ersten Mal ihre Werke aus.
Später kam das Modellieren mit Ton dazu – ein Handwerk für sich. «Bevor man sich an das Formen eines Körpers heranwagen kann, muss man das Material erst einmal kennenlernen.»
«Anfangs habe ich den Brennofen einige Male mit dem Staubsauger ausgeräumt, weil alles zusammenkrachte.»
Esther Kernen
Das brauche vor allem eines: Übung. Verarbeiten lässt sich der Ton nämlich nur, solange er feucht gehalten wird. Sobald er zu trocknen beginnt, kann nichts mehr remodelliert werden.
Gefühle und Beziehungen als Inspiration
«Da der Ton an den dünnen Stellen zuerst trocknet, besteht die Gefahr, dass sich zum Beispiel die Füsse verziehen und die Figur nicht mehr flach auf dem Boden steht», erklärt Kernen. Im Anschluss ans Formen werden die Figuren bei über 1200 Grad gebrannt und anschliessend mit 22 Karat Blattgold veredelt.
Den ausgestellten Skulpturen seien locker hundert Fehlversuche vorangegangen. «Anfangs habe ich den Brennofen einige Male mit dem Staubsauger ausgeräumt, weil alles zusammenkrachte», erzählt sie mit einem breiten Grinsen.
«Man sieht es dem Strich an, ob ich glücklich oder traurig, konzentriert oder abgelenkt war.»
Esther Kernen
Die dreissig Jahre ihrer Künstlerlaufbahn seien nötig gewesen, um ihren eigenen Stil zu finden. «Als ich Mutter wurde, hat sich dieser sicher entscheidend weiterentwickelt», sagt die Künstlerin, die eine 17-jährige Tochter und einen 19-jährigen Sohn hat. Ausgereift sei ihre künstlerische Handschrift aber noch nicht.
Die Gemälde würden allmählich abstrakter, beim Modellieren sei sie hingegen noch sehr genau unterwegs. Etwa beim Projekt «Köpfe und Persönlichkeiten», wo Kernen Gesichter als Ausdruck eines Charakters zeigen will. Etwa den rau anmutenden «Büezer», der nach einem Gölä-Konzert entstanden ist.
Inspiration findet die Künstlerin in ihren Begegnungen mit Menschen und der Auseinandersetzung mit Gefühlen. «Es gab beispielsweise eine Phase, in der ich mich intensiv mit Demut auseinandergesetzt habe.» Man müsse das Gefühl erst kennenlernen, bevor man es in Kunst verpacken könne.
«Wenn ich dicke Kopfhörer trage, ist das ein Symbol dafür, dass ich nicht gestört werden möchte.»
Esther Kernen
Esther Kernen taucht dafür am liebsten voll und ganz in die Materie ein. Am besten gelingt ihr dies in einer Ferienanlage in Magliaso am Luganersee, wo sie inzwischen Stammgästin ist. «Da kann ich mich dann eine Woche lang ausklinken und voll und ganz dem Malen und Modellieren widmen.»
Auch Künstlerinnen lernen nie aus
Nicht selten komme es vor, dass sie im Tessin bis zu 24 Stunden am Stück male und dabei bis zu 100 Mal dasselbe Lied höre. «Nur so bleiben die Emotionen konstant und damit auch das, was auf der Leinwand landet», sagt Kernen.
«Man sieht es dem Strich an, ob ich glücklich oder traurig, konzentriert oder abgelenkt war», sagt die 53-Jährige. Einige Feriengäste würden sie bereits kennen. «Aber wenn ich dicke Kopfhörer trage, ist das jeweils ein Symbol dafür, dass ich nicht gestört werden möchte.»
Auch wenn Esther Kernen überwiegend aus dem Kopf arbeitet: Talent sei nur ein kleiner Teil des Könnens, ist sie überzeugt. Wesentlicher sei die Übung. Daher ist für sie klar: «Ich werde wohl mit 90 noch Neues lernen und neue Kniffe herausfinden. Das ist es aber auch, was die ganze Sache spannend macht.»
Bestimmte Zukunftspläne und Ambitionen habe sie nicht. Sie wünsche sich einzig, weiterhin mit Freude künstlerisch tätig zu sein. Denn: «Ich brauche die Kunst wie die Luft zum Atmen.»
Mit der Ausstellung «Wertiges mit Menschen» ist Esther Kernen noch bis zum 31. Oktober im Pavillon des Gasthauses Hirschen in Kyburg zu Gast. Mehr Informationen auf www.estherkernen.com.
