Der höchste Illnau-Effretiker ist ein «Agglo-Sozi»
Vor drei Jahren entstand auf der Galerie der Sporthalle Eselriet ein Bild, das viel über den gegenwärtigen Politbetrieb von Illnau-Effretikon aussagt. Es zeigt die vier Mittzwanziger-Parlamentarier Kilian Meier (Die Mitte), Maxim Morskoi (SP), Claudio Jegen (Jungliberale) und Simon Binder (SVP), die anlässlich der Einreichung eines gemeinsamen Postulats selbstbewusst in die Kamera lächeln.
«Wir Jungen haben unseren Teil zum konstruktiven Klima beigetragen», kommentiert Maxim Morskoi die Erinnerung mit fester Stimme. Diese überparteiliche «Connection», wie er die Generationsgemeinschaft nennt, werde die Politik künftig prägen. «Ja, wir haben schon übernommen», ist er überzeugt.
Fehlendes Selbstbewusstsein, so viel wird schnell klar, kann man dem grossen und kräftig en gebauten Morskoi nicht vorwerfen. Geschliffenen Politsprech hört man von ihm keinen, seine Formulierungen sind direkt, seine Stimme voluminös.
Zum Gespräch erscheint er in Turnschuhen, kurzen Hosen, T-Shirt und umgedrehter Baseball-Kappe, für das Foto posiert er mit einer Stange Bier. Er sagt: «Ich bin halt ein ‹ gmögiger › Typ, der gerne unter Leuten ist. Oper, Theater oder derlei sagen mir nichts.»
Ein Ur-Effretiker als höchster Illnau-Effretiker
Dass der 29-jährige Umweltingenieur heute Abend seine erste volle Sitzung als Parlamentspräsident leiten wird, mag unter diesem ersten äusseren Eindruck bemerkenswert erscheinen – ist es aber keinesfalls. Morskoi , der sich lange in der Pfadi engagiert hat und bis heute noch im Handballklub Grün-Weiss aktiv spielt, ist ein Ur-Effretiker und in der Stadt bestens vernetzt.
Politisch führt er die lokale SP als Co-Präsident. Im Rat, in den er 2017 nachrückte und in dem er seine Partei in der Rechnungsprüfungskommission vertrat, machte er sich mit Vorstössen, vor allem aber mit Wortmeldungen oft bemerkbar.
Das wiederum wurde von der Wählerschaft bei den Parlamentswahlen mit einem Spitzenresultat goutiert. Zur Wahl in den Stadtrat, für den er sich ebenfalls hatte aufstellen lassen, fehlten ihm trotz seiner überschaubaren Erfahrung nur knapp 100 Stimmen.
Für den Stadtrat bereit
«Mir passen beide Paar Schuhe – dasjenige der Legislative und der Exekutive», sagt Morskoi auf den mutigen Schritt angesprochen. Und: «Ich wusste ja, welche Ressorts freigeworden wären. In der Gesellschaft wäre es sicher gut gegangen, in der Sicherheit hätte ich wegen meiner Art wohl das eine oder andere Mal übers Ziel hinausgeschossen aber dann die Kurve gekratzt.»
Wissend, dass er seine Politlaufbahn noch vor sich hat, scheint es ihn indessen nur beschränkt zu bekümmern, dass es bei Gedankenspielen geblieben ist. So kann er einerseits seinen beruflichen Weg zum Energieberater weiter vorantreiben, andererseits aber auch sein politisches Profil mit einer Kantonsratskandidatur und einem Jahr als Parlamentspräsident schärfen. Wie letzteres geht, hat ihm sein Vorgänger Kilian Meier, ebenfalls einer aus der «Connection», zuletzt gezeigt.
Maxim Morskois Antrittsrede nach der Wahl zum Parlamentspräsidenten am 14. Juli 2022.
«Ich sehe dieses Jahr als persönlichen Entwicklungsschritt», sagt Morskoi denn auch. In diesem Amt müsse er nun lernen, sich zurückzunehmen. Im Parlament will er versuchen, die Diskussionskultur zu beleben, über die Fraktion dagegen, seine Interessen einzubringen. Ein Spagat quasi.
Die SP-Familie im Rücken
Ganz einfach dürfte das für ihn freilich nicht werden. Maxim Morskoi ist zwar kein Ideologe, nicht beseelt vom Klassen- oder Gerechtigkeitskampf. Doch seine anpackende, zuweilen vorpreschende Natur treibt ihn intrinsisch an.
«Ich habe den Drang, Projekte anzureissen und umzusetzen», sagt er – und sieht einen Grund dafür auch in seiner politischen Herkunft. Als Spross zweier Effretiker SP-Mitglieder, die Mutter zeitweilig sogar Parlamentarierin, war er quasi in die Ortspartei hineingeboren und durch sie sozialisiert worden. Parteiveranstaltungen und Feste waren integraler Bestandteil seiner Jugend und Kindheit.
Morskoi spricht explizit von einer Agglomerationssektion und bezeichnet sich selbst als «Agglo-Sozi». Ein Prädikat, das ihm wichtig ist. Denn anders als in den grossen Städten würden die jungen Sozialdemokraten hier nicht auf Aktivismus und Campai g ning, sondern auf die Tat setzen.
« Wieso nicht ein gescheites Studium machen und etwas am Problem ändern? »
fragt Maxim Morskoi seine jungen urbanen Parteigenossen
Das wiederum ärgert ihn an seinen urbanen Genossinnen und Genossen – insbesondere, wenn es um sein Herzensthema, die Energiewende, geht. «Wir haben die Konzepte, wir haben die Techniken, doch uns fehlen die Fachkräfte. Wieso nicht ein gescheites Studium machen und etwas am Problem ändern? So funktionieren wir hier.»
Ohne Kontext wäre man geneigt, diesen Satz eher einem bürgerlichen denn einem linken Exponenten zuschreiben. Doch die Wertebasis des gelernten Maschinenmechanikers steht ausser Frage. Auch ihn treiben zu hohe Mieten, Krankenkassenprämien und Lebenshaltungskosten für den Durchschnittsbürger um. Einzig: «Wir leben hier in einer anderen Lebensrealität als in der Stadt Zürich.»
Ein gesittetes Parlament
An dieser Lebensrealität orientiert sich denn auch das Parlament, dem er heute Abend vorstehen wird. Es ist in der letzten Legislatur gesitteter und speditiver geworden. Ein Umstand, den der neue Parlamentspräsident auch dem politischen Gegenüber, der SVP anrechnet. «Wir haben kaum mehr Querulanten und führen einen anständigen, zielgerichteten Dialog. Ich denke, dass man sich mit der Zeit gegenseitig formt und an die Realitäten anpasst», bilanziert er.
Gleichwohl lässt sich aus diesem zufrieden klingenden Votum auch ein Hauch Bedauern raushören. «Wir bringen vieles auf den Weg, erarbeiten Dinge, die mehrheitsfähig sind. Umgekehrt bauen wir aber auch keine Leuchttürme mehr», sagt er. Grossprojekte, wie etwa vor 30 Jahren das Sportzentrum Eselriet, die auch über die Stadtgrenze hinaus strahlen, seien heute unrealistisch.
Dementsprechend will er versuchen, die Diskussionsfreudigkeit des Forums anzuregen. «Mein Vorgänger Kilian Meier hatte die Sitzungen straff strukturiert und sehr gut vorbereitet. Vielleicht etwas zu gut», mutmasst Morskoi. Sein Ziel sei es, etwas mehr Raum für Debatten zu schaffen – in der Hoffnung, dass das Forum ohne Wahlkampfdruck wieder mehr aus sich rauskommt.
Zu viel der Eintracht soll es dann auch nicht sein. Schliesslich ist und bleibt Morskoi auch in seiner neuen Rolle ein echter «Agglo-Sozi».
