«Naturschutz nur auf unberührten Flächen wäre falsch und unmöglich»
Obwohl Hans-Michael Schmitt seit einem halben Jahr das Präsidium der Vereinigung Pro Pfäffikersee (VPP) innehat, trifft man ihn an schönen Tagen nicht allzu oft in Ufernähe an. «Von unserem Haus aus sehen wir die Ameisenstrasse an Spaziergängern, die sich jeweils im Naturschutzgebiet aufhält – da weiche ich lieber auf den Hangweg nach Balm aus und habe trotzdem einen schönen Blick auf den See.»
Die VPP versteht sich als das gemeinsame Forum des Kantons, der drei Seeanstösser-Gemeinden, der Naturschutzorganisationen, der Organisationen für Erholung und Freizeitaktivitäten sowie der Bewirtschaftungsorganisationen. Es liegt in der Natur des Landschaftsplaners, das grosse Ganze zu sehen. «Über den Tellerrand hinaus zu schauen, schadet nie.»
Man könne das Gebiet rund um den See schliesslich nicht grösser machen, sodass all die Freizeitsportler mehr Platz haben, sagt Schmitt. «Aber wir können überlegen, wie attraktive Alternativen geschaffen werden können, um die Besucherströme besser zu verteilen und der bedrohten Tier- und Pflanzenwelt etwas Schnauf zu verschaffen.»
Denn dass der Druck auf die Natur zunimmt, ist seit Jahren ein Thema. Doch der Begriff Naturschutz habe zwei Bedeutungen: «Einerseits sind da jene Flächen, die man als Mensch nicht betreten darf, um den Schutz von Pflanzen und Tieren zu sichern.» Andererseits gebe es Naturschutz aber auch im täglichen Verhalten, im Siedlungsgebiet, auch direkt vor der Haustür im eigenen Garten.
Auch am Nordpol keine unberührte Natur
«Naturschutz nur auf unberührte Flächen beziehen zu wollen, wäre falsch und zudem unmöglich», sagt Schmitt. In der Schweiz gäbe es ausser in hochalpinen Gebieten gar keine Flecken mehr, die nicht von Menschenhand geformt würden. «Sonst wäre nämlich längst alles zugewachsen.» Und durch die Nährstoffverteilung durch Düngemittel und Abgase werde unser Einfluss global immer grossräumiger. «Somit haben wir auch am Nordpol praktisch keine unberührte Natur mehr – die Eisschmelze zeigt es uns.»
Bereits mit den Pfahlbauern habe die Menschheit begonnen, ihre Umwelt geschickt zu nutzen und nach ihrem Willen zu formen. So wurde die Naturlandschaft zur Kulturlandschaft. «Aber die früheren Gesellschaften waren Teil der Natur. Mit der Aufklärung lösten wir uns bewusst von ihr ab.»
Es sei denn auch für die VPP eine Gratwanderung, ein verträgliches Verhältnis von Naturschutz und Nutzung des Gebietes rund um den See zu finden. Vieles habe die Vereinigung bereits geschafft, sagt Schmitt, der für die Vorbereitungen der Feier zum 60-Jahr-Jubiläum sämtliche alten Jahresberichte noch einmal durchgelesen hat (siehe Box).
60 Jahre Vereinigung Pro Pfäffikersee
Am Sonntag, 2. Oktober, feiert die Vereinigung Pro Pfäffikersee ihr 60-jähriges Bestehen mit einem öffentlichen Fest in der Badi Auslikon. Ab 9.20 Uhr finden zwei Spaziergänge zum Festgelände statt. Der eine startet beim Bahnhof Kempten, der andere beim Gasthof Rössli in Robenhausen und führt dem Pfahlbauten-Erlebnisweg entlang.
Von 10 bis 16 Uhr gibt es weitere kurze Exkursionen und Aktionen vom Badigelände aus. An Themenständen gibt es Informationen zur Moorlandschaft, zu Tieren und Pflanzen, zu Gewässer und zur Erholung, Fischerei und Nutzung. Mittags bietet der Fischerverein Fischknusperli an.
Weitere Informationen unter www.propfaeffikersee.ch.
Zwar existiert seit 1948 ein Bauverbot um den See und wildes Parkieren wurde verboten, doch es war die VPP, die sich in den darauffolgenden Jahrzehnten auf die nötigen Schritte für einen langfristigen Schutz, aber auch die nötige Pflege und die massvolle Nutzung konzentrierte. «VPP-Mitglieder hatten zum Beispiel eigenhändig neue Wanderwege erstellt, um verträgliche Routen der Spaziergänger zu ermöglichen», sagt Schmitt. Zentrales Anliegen war dabei immer der Dialog aller Betroffenen vor Ort.
Eine andere Arbeitsgruppe hatte sich um das Thema Wasserqualität gekümmert, aus der ehemaligen «Riedwache» der VPP-Mitglieder sind die heutigen Ranger entstanden. Auch in Sachen Naturbildung war die VPP stets engagiert. «Viele der ersten Mitglieder waren Lehrer und dadurch doppelt motiviert, das Wissen über das Gebiet weiterzugeben.» Heute steht das Naturzentrum Pfäffikersee, das von der VPP initiiert wurde, allen Interessierten offen.
Vieles, das die VPP angestossen hatte, ist somit mittlerweile professionalisiert und ausgelagert worden. «Doch es bleibt nach wie vor viel zu tun», sagt Hans-Michael Schmitt. Allen voran müsse die VPP präsent und eingebunden bleiben, damit sie ihre Forumsrolle weiterhin ausführen kann. «Aber wir müssen uns fragen, ob die heutige Organisation dafür richtig aufgestellt ist.»
Denn momentan bestehe der Vorstand der VPP aus rund 25 Personen, die sich zweimal jährlich treffen, um aktuelle Themen zu besprechen. «Ich denke, mit kleineren Arbeitsgruppen, wie es früher üblich war, kommen wir wohl am einen oder anderen Punkt schneller zum Ziel.»
Mehr Ruhe in der Natur
Ein Ziel, das er persönlich als besonders erstrebenswert einschätzt, ist ein Schritt in Richtung «Ruhelandschaft». Doch Ruhe soll in diesem Zusammenhang nicht einfach die Abwesenheit von Lärm bedeuten. «Der englische Ausdruck ‹Tranquillity› passt für mich am besten – er kann auch innere Ruhe oder Ausgeglichenheit bedeuten.»
Die Gegend um den Pfäffikersee hätte für ihn grosses Potenzial, eine Ruhelandschaft zu werden. «Man sollte sich bewusst werden, dass hier ein Ort der Ruhe ist ohne viel Hektik und dass das einen speziellen Wert hat.» Diese Ruhe solle bewusst genossen werden können – ohne Musikbox oder Kopfhörer.
Aber mit Verboten, etwa Musikverbot auf den Fischerstegen, käme man nicht weit. «Man muss es schaffen, die Leute dahin zu bringen, dass sie das Gebiet als Ruheort schätzen. Und plötzlich fallen einem die Geräusche der Natur auf.»
«Wir Menschen nehmen uns viel zu ernst. »
Zurück zur Natur – ein Konzept, das oft als rückständig belächelt wird und für Hans-Michael Schmitt doch seine Bedeutung hat. Denn: «Auch wir Menschen sind ein Teil der Natur. Und erfinden die Menschen häufig nicht einfach das, was es in der Natur bereits gibt?»
Für ihn sei die Natur gerade darum so faszinierend. «Wir Menschen nehmen uns viel zu ernst. Wenn ich manchmal nachts im dunklen Garten stehe und in den Sternenhimmel schaue, wird mir immer wieder bewusst, wie klein und unbedeutend wir doch sind.»
