«Wenn eher Rechtsgesinnte kommen – das ist doch spannend!»
Auf einen Schlag berühmt: Seit Mitte Juli kennt man die Berner Mundartband «Lauwarm» nicht nur in der ganzen Schweiz, ihr Rausschmiss aus der Brasserie Lorraine in Bern machte weltweit Schlagzeilen. Nun kommt die Band, die wegen kultureller Aneignung in die Kritik geriet, für ein Konzert nach Wetzikon.
«Die ganze Diskussion, ob weisse, blonde Männer nun Rastas haben dürfen, hat mich schon beschäftigt», sagt Heinrich Walder. Er ist Teil der Programmgruppe im Scala Wetzikon und hat die Band für einen Auftritt eingeladen. Dass dieser potenzielle Sprengkraft haben könnte, ist ihm zwar bewusst. «Aber wir dachten, nachdem der Band die Chance auf einen Auftritt verwehrt wurde, geben wir ihnen eine neue.»
Frisuren und Musik
Innerhalb der Programmgruppe sei man sich einig gewesen, dass man die Musiker einladen will. «Manchmal gibt es Diskussionen, ob ein Künstler ins Programm passt», sagt Walder. «Dieses Mal überhaupt nicht.»
Auch beim Helferessen des Scala vor Kurzem seien alle begeistert vom Entscheid der Programmgruppe gewesen. «Die Diskussion um kulturelle Aneignung geht uns allen ziemlich gegen den Strich.»
«Wenn es kulturelle Aneignung nicht gäbe, würden wir immer noch ums Feuer sitzen und Stöcke reinhalten.»
Heinrich Walder, Programmgruppe Scala
Für Heinrich Walder ist klar: «Wir alle profitieren von kultureller Aneignung. Wenn es sie nicht gäbe, würden wir immer noch ums Feuer sitzen und Stöcke reinhalten.» Alles, was die Menschheit vorangebracht hat, basiere auf kultureller Aneignung. «Sonst dürften auch die Kritiker nur noch jodeln und Ländler hören.»
Was Frisuren mit Musik zu tun haben, könne er denn auch nicht verstehen. «Wer welche Frisur haben darf, war noch in den 60er Jahren Thema, heute darf doch jeder die Haare haben, wie er will.»
Musik soll Menschen vereinen
Dass der Auftritt von «Lauwarm» im Scala zu einem Image-Schaden für das Lokal oder zu Protesten führen könnte, glaubt er nicht. Auf den – erneut – umstrittenen Auftritt der Band beim «Weltwoche»-Sommerfest angesprochen, winkt er ab. «Davon habe ich noch gar nichts gehört.»
Zwar sei ihre kulturelle Klientel wohl tendenziell links ausgerichtet, sagt der Veranstalter. «Aber auch wenn nun eher Rechtsgesinnte angezogen werden – das ist doch spannend!»
Dass die Gruppe in den Sozialen Netzwerken Beiträge mit Hashtags wie #coronawahnsinn und #mindcontrol versieht und daher den Hut der Coronaleugner über ihnen schwebt, ist für Walder ebenfalls kein Grund gegen einen Auftritt. Er freue sich einfach auf einen lässigen Abend mit guter Musik. «Und Musik vereint die Leute schliesslich.»
«Man kann immer gegen irgendwas sein.»
Heinrich Walder, Programmgruppe Scala
Im Scala sei es noch nie zu einer vergleichbaren Situation wie in der Brasserie Bern gekommen, in der man sich hätte überlegen müssen, ein Konzert abzubrechen. Auch bei der Zusammenstellung des Programms herrsche innerhalb der Gruppe vorwiegend Einigkeit.
«In Sachen kultureller Aneignung sollte sich jeder ein eigenes Bild machen – sei es als Kritiker oder Unterstützer – und nicht einfach nur Hasskommentare lesen», sagt Walder. Im Scala seien auch schon mehrmals Künstler wie Müslüm zu Gast gewesen, die sich über so einiges lustig machen. «Den könnte man auch hassen deswegen – aber man kann immer gegen irgendwas sein.»
Noch sehr viele freie Plätze
Dass er sich mit der Einladung der umstrittenen Mundartband auch einen gewissen Werbeeffekt für das Scala Wetzikon erhofft, daraus macht Heinrich Walder keinen Hehl. «Wie die meisten Kulturschaffenden sind auch unsere Besucherzahlen seit der Corona-Pandemie eingebrochen. Vielleicht können wir durch diesen Auftritt neue Gäste anziehen.»
So ganz scheint dieser Plan noch nicht aufzugehen – für das Konzert am 16. September wurde noch kein einziges Ticket verkauft.
Weitere Informationen zum Konzert sowie Ticketverkauf online über www.scala-wetzikon.ch.
