Hier wird der Schulweg zum Abenteuer
Der Dreiklang der Schulglocke breitet sich auf dem Pausenplatz des Turbenthaler Schulhauses Hohmatt aus. Es ist zehn vor elf, für einige Kinder Zeit für die Mittagspause. Wenige Augenblicke später fährt ein dunkelblauer Schulbus vor.
Am Steuer sitzt Theres Küng. Seit fünf Jahren fährt sie Schulkinder von den umliegenden Schulhäusern zu ihren Familien ins Pirg und wieder zurück. So auch heute, wo ein Kindergartenkind mitfährt.
Im Sommer säumen unzählige Strassenbaustellen den Weg. Sie machen die ohnehin schon verzweigte Schulbus-Tour noch komplexer.
Zeit ist Mangelware
Die erste und zugleich grösste Baustelle auf dem Weg ist aktuell die Kreiselbaustelle im Zentrum von Turbenthal. «Die ist mühsam, weil man nie genau weiss, wie lange man am Lichtsignal steht», sagt Küng.
« Oft kommen wir erst um halb Eins im Pirg an, um halb zwei beginnt der Unterricht unten im Tal bereits wieder»
Theres Küng, Schulbusfahrerin
Heute chauffiert Theres Küng einen «Halbtägler» nach Schmidrüti, der nur am Morgen den Kindergarten besucht. Das bedeutet automatisch weniger Stress.
«Bei den ‹Ganztäglern› aus Neubrunn wird es dann schon stressiger. Oft kommen wir erst um halb Eins im Pirg an, um halb zwei beginnt der Unterricht unten im Tal bereits wieder», sagt Küng und hält den Bus vor dem Lichtsignal an.
Regentropfen prasseln auf das Dach des Wagens. Sie erzeugen blecherne Töne, die das Hörspiel «Doppelhas» im Hintergrund komplimentieren.
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«Wenn man Pech hat, ist auch noch die Bahnschranke vor Wila geschlossen. Und die bleibt bekanntlich lange unten», erzählt Küng. Wer mit der gelernten Malerin spricht, merkt schnell: Hier sitzt eine Ortskundige am Steuer.
Die Fahrt geht weiter durchs Dorfzentrum von Wila und ins wolkenverhangene Steinenbachtal. «Früher hatte es hier überall eigene Schulhäuser, was einen Schulbus gar nicht erst nötig machte», sagt Küng, bevor sie den Bus in eine der unzähligen Kurven lenkt, die noch folgen.
Zwischen Kuhfladen und Schlaglöchern
Das nächste Lichtsignal schaltet direkt auf Grün, und die zwei weiteren auf der Schmidrütistrasse tun es ihm gleich. «So sollte es immer sein!», ruft sie. Meter für Meter schraubt sich der Schulbus die Bergstrasse hoch in den 810 Meter über Meer gelegenen Weiler.
Im Schulhaus Schmidrüti angekommen, füllen sich die schmalen Sitze im Fahrgastraum mit hungrigen Primarschülern. «Wieso hät en Schuelbus eigentlich kein Stopp-Chnopf?» will ein Kind wissen. «Weil ich auch so weiss, wo ich euch hinbringen muss», erwidert Küng.
«Ich kenne die Strassen hier in- und auswendig.»
Theres Küng, Schulbusfahrerin
Die nächste Baustelle wartet bereits: In Sitzberg versperren Baumaschinen den ohnehin schon schmalen Weg. Theres Küng manövriert sich kratzerfrei an der Walze vorbei – es fehlen nur wenige Zentimeter.
Gekonnt weicht sie Kuhfladen und Schlaglöchern aus, bevor sie die Kinder am Schürlihof absetzt. «Ich kenne die Strassen hier in- und auswendig.» Schliesslich habe sie bis vor der Pandemie im Käfer, ebenfalls ein Turbenthaler Weiler, gewohnt.
Neues Schuljahr, neuer Fahrplan
Ziel der Kinder ist der Hof Emmerwies, wo das Mittagessen wartet. Hier verläuft die Grenze zum Kanton Thurgau im Zickzack. «Die Kinder, die hier oben wohnen, hätten es natürlich näher, wenn sie nach Bichelsee in die Schule gingen», sagt Küng.
In einem anderen Kanton zur Schule? Undenkbar – nicht nur politisch, sondern auch für die Kinder. «Ich gehe lieber nach Schmidrüti, denn als ich in Bichelsee ins Turnen ging, kannte mich kein Mensch», ruft Schülerin Lea durch den Bus.
Obwohl sie zuweilen wie eine Odyssee wirkt: Der verzweigten Fahrt vorbei an Schafgehegen, Hühnerställen und Kuhweiden liegt ein ausgeklügelter Plan zugrunde.
Einer, der jedes Schuljahr auf die neuen Schülerinnen und Schüler angepasst werden muss, geplant von Renate König, die den Schulbusbetrieb Schmidrüti führt. Die Tour, die Theres Küng zurücklegt, erstreckt sich über rund 40 Kilometer.
Ersatzroute: Kiesweg
Die letzte Station auf der Schulbus-Tour führt über einen Kiesweg durch das Dickicht nach Bichelsee: Ein abenteuerliches Ausweichmanöver, das nötig ist, weil die Steigstrasse saniert wird.
Von hier geht es weiter nach Neubrunn, vorbei am Bichelsee. «Zwischendurch mache ich hier einige Schwimmzüge», erzählt die Schulbusfahrerin.
«Ich bemühe mich, nicht zu ruppig zu fahren, aber das ist leichter gesagt, als getan.»
Theres Küng
In Neubrunn steigt Kindergärtler Leon zu und berichtet von den Meerschweinchen, die er malen durfte. Der Weg führt über Dussnang zurück nach Schmidrüti, wo Leon aufs Velo umsteigt und in die Mittagspause verschwindet.
Trotz aller Vorsicht komme es ab und an vor, dass einem Kind unwohl werde, besonders den frisch eingeschulten. «Ich bemühe mich, nicht zu ruppig zu fahren, aber bei den vielen Ränken ist das leichter gesagt, als getan», sagt die 58-Jährige.
«Irgendwie kommt man immer ans Ziel»
Auf die Frage, wie sie sich merken könne, wo welches Kind abgesetzt werden muss, antwortet Theres Küng: «Man gewöhnt sich an die Abläufe. Nur das Lernen der Namen braucht Anfang Schuljahr etwas Zeit.»
Obwohl die Situation nervenaufreibend ist, lässt sich Theres Küng nicht aus der Ruhe bringen. «Die Baustellen kann man alle umfahren. Irgendwie kommt man immer ans Ziel. »
