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Politik

«Scham ist bei Analphabetismus fast immer ein Thema»

Mariann Schwaller ist Animatorin in der Lernstube Dübendorf, wo sie regelmässig mit Menschen zu tun, die nicht richtig lesen und schreiben können. Ein komplexes Problem, für das es keine einfache Lösung gibt.

Schätzungsweise 800'000 Personen, die in der Schweiz ihre Schulzeit absolviert haben, können nicht richtig lesen und schreiben. Frau Schwaller, versagt unser Bildungssystem?
Mariann Schwaller*: Die Gründe für funktionalen Analphabetismus sind sicher individuell und komplex. Klar ist aber, dass es bei 23 oder 25 Schülerinnen und Schülern je nach Klassenkonstellation nicht leicht ist, sämtliche Bedürfnisse der Kinder abzudecken. Der Leistungs- und Zeitdruck ist einfach zu gross. Ich sehe das bei der Klasse meines Sohnes: Allein während der Schule die Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben zu erlernen, ist fast nicht möglich.

Das heisst, die Kinder sind auf die Hilfe von Eltern oder anderen Bezugspersonen ausserhalb der Schule angewiesen?
So ist meine Erfahrung, ja. Ohne diese Hilfe besteht die Gefahr, dass sich die Kenntnisse nicht festigen. Gerade auch, weil selbst das lernbegeistertste Kind irgendwann an einem Punkt ist, an dem man es motivieren muss. Wenn jedoch die Basiskompetenz im Lesen, Schreiben wie auch Rechnen fehlt, dann hat das Auswirkungen auf das ganze spätere Leben. 

Sie haben in der Lernstube immer wieder mit funktionalen Analphabeten zu tun. Wie erleben Sie diese Personen?
Scham ist fast immer ein Thema. Betroffene vermeiden zum Teil sehr geschickt Situationen, in denen ihre Schwäche auffallen würde oder behelfen sich mit Ausreden, etwa, dass sie ihre Brille vergessen hätten oder ein Formular aus Zeitnot lieber zu Hause ausfüllen würden. Den meisten fällt es nicht leicht, konkret nach Hilfe zu fragen. Und wir sprechen die Leute in den meisten Fällen auch nicht direkt auf das Problem an, sondern eher zwischen den Zeilen.

«E in Problem ist, dass man das Lesen und Schreiben ebenso wie Kenntnisse in Mathematik oder Informatik auch verlernen kann.»

Mit welchen Anliegen kommen Leute mit Lese- und Schreibschwäche zu Ihnen?
Oft sind es sehr bestimmte Dinge, wie das Lesen und Beantworten eines Briefes oder das Ausfüllen eines Formulars. Häufig sind auch allgemeinen Fragen zur Korrespondenz und natürlich zur Rechtschreibung und Grammatik. Wir helfen da individuell.

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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