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«Ich bin froh und dankbar, dass ich ihn kennenlernen durfte»

Der Dübendorfer Stadt- und Nationalrat Martin Bäumle (GLP/GEU) stand viele Jahre in Kontakt mit dem verstorbenen Michail Gorbatschow. Sein Tod macht ihn traurig – aus persönlichen Gründen, aber auch, weil es einen wie ihn in dieser schwierigen Zeit brauche.

«Dass der Kalte Krieg beendet wurde, war massgeblich sein Verdienst», sagt Martin Bäumle über Michail Gorbatschow.

PD/Bildkombo: Jasmin Oberle

«Ich bin froh und dankbar, dass ich ihn kennenlernen durfte»

Herr Bäumle, in einer Twitter-Nachricht haben Sie Michail Gorbatschow als grossen Staatsmann und Freund bezeichnet. Wie gut haben Sie Ihn gekannt?
Martin Bäumle: Als Präsident von Green Cross Schweiz habe ich sehr gute und auch intensive Gespräche mit ihm geführt; er war ja der Gründer der internationalen Organisation. Ich habe viel von ihm erfahren, auch Persönliches, und politisch waren wir in vielen Punkten einer Meinung. Gorbatschow war eines meiner Jugendidole, und ich bin froh und dankbar, dass ich ihn kennenlernen durfte.

Vor einigen Jahren gab es ja einen Disput zwischen Ihnen, nachdem Sie Geschäftsführung des Hilfswerks Green Cross International übernommen hatten. Gorbatschow sprach von einer «Machübernahme» und einem «brutalen, hinterhältigen Angriff», Sie wehrten sich gegen die Vorwürfe. Konnten Sie die Sache vor seinem Tod noch klären?
Nein, leider nicht, und das ist es auch, was die Nachricht von seinem Tod umso trauriger macht. Ich hätte ihm gerne meine Sicht der Dinge erklärt, dass ich Green Cross nicht zerstören wollte, wie mir vorgeworfen wurde, sondern dass ich die damals in extreme finanzielle Schieflage geratene Organisation gerettet habe. Doch er wurde von seiner Entourage falsch informiert und regelrecht gegen mich aufgehetzt, und ich kam nicht persönlich an ihn ran, er wurde komplett abgeschirmt.

«Sein Tod ist einfach nur traurig, in dieser aktuell so schwierigen Phase bräuchte es dringend einen wie ihn.»

Während Gorbatschow im Westen lange Zeit fast schon verehrt wurde, galt er in Russland als führungsschwach und als der Mann, der den Zusammenbruch der Sowjetunion zu verantworten hatte. Was war er denn aus Ihrer Sicht?
Dass der Kalte Krieg beendet wurde, war massgeblich sein Verdienst; er war der Treiber hinter dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedervereinigung Deutschlands. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Putin heute hat er als Politiker nicht alles seiner politischen Macht untergeordnet. Er wusste, dass das System nur mit einer Öffnung nach Westen überlebensfähig war. Er wollte die UdSSR nicht auflösen, sondern so umbauen, dass er sich dereinst selber einer demokratischen Wahl würde stellen müssen. Das Volk verstand das nicht und legte ihm das Vorgehen als Schwäche aus, während die politische Elite um ihren Einfluss fürchtete. Letztlich war es Jelzin, der den Zerfall der Sowjetunion auslöste.

Die Zuneigung des Westens wurde ja auf eine harte Probe gestellt, als Gorbatschow öffentlich die Annexion der ukrainischen Krim-Halbinsel verteidigte.
Ja, er hat die Krim immer als Teil eines starken Russlands gesehen. Die Aussagen damals hatten auch mit der Entwicklung nach dem Ende des Kalten Kriegs zu tun. Er hatte immer kritisiert, dass kein europäisches Haus mit einer gemeinsamen Sicherheitspolitik entstand war, sondern die Nato als Westbündnis unter der Führung der USA bis an die Grenze Russlands expandierte. Letztlich hat er sich aber nie mit Kritik an Wladimir Putin zurückgehalten, gerade was dessen totalitäre Haltung und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit anbelangt; so unterstütze Gorbatschow etwa eine staatskritische Zeitung. Sein Tod ist einfach nur traurig, in dieser aktuell so schwierigen Phase bräuchte es dringend einen wie ihn.

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