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Zwischen Bierdosen, Joints und liegengelassenen Handys

Regelmässig patrouillieren Sozialarbeiter in Dübendorf zwischen den Hotspots, wo sich Alkoholiker, Junkies oder partyfiebrige Jugendliche aufhalten. Mit den beiden geht es auf einen Rundgang.

Patrouillenmitarbeitende der SIP Dübi markieren entlang der Glatt Präsenz., Mahdi Miri und Cordelia Guggenheim schauen vor dem Schulhaus Stägenbuck, ob alles in Ordnung ist.

Fotos: David Marti

Zwischen Bierdosen, Joints und liegengelassenen Handys

Wo das Dübendorfer Nachtleben erwacht, wissen die zwei Patrouillenmitarbeitenden der SIP Dübi Mahdi Miri und Cordelia Guggenheim. An einem sommerlichen Freitagabend sollen sie einmal mehr dafür sorgen, dass sich die Feiern im Rahmen halten. Den Auftrag dafür haben sie von der Stadt Dübendorf, die diese aufsuchende Sozialarbeit finanziert (siehe Box).

Als erstes marschieren Miri und Guggenheim Richtung Glatt. Entlang des Flusses treffen sich oft Randständige. Die Zweierpatrouille begrüsst einen Mann um die 50, der aus einer Dose Bier trinkt, und fragt ihn, wie es ihm geht. «Ich mag heute nicht reden», sagt der Mann. «Heute ist mein Geburtstag. Aber das Leben ist da, um sich weiterzubewegen.» Die beiden gratulieren und Miri fügt an: «Heute ist dein Tag, geniess ihn.»

Wenige Meter weiter den Fluss hinauf sitzen vier Männer auf der Wiese, trinken und hören Reggea-Musik. Drei haben es sich auf einem mitgebrachten Kissen bequem gemacht, mehrere zerquetschte Bierdosen liegen neben ihnen. Sie reichen sich eine rote Flüssigkeit in einer transparenten Trinkflasche – Wein, wie Guggenheim später erklärt.

Einen Drink in der Migrolino besorgen

Miri fragt nach dem Befinden. Es gehe gut, sagt ein Mann mit Rasta-Locken. Etwas abseits der Gruppe sitzt ein Mann auf einem Bänkli und klagt den beiden sein Leid. Seit 30 Jahren wohne er nun schon in der Schweiz, nun müsse er das Land auf Ende Juli wegen eines «kleinen Versäumnisses» verlassen. «Ich bin enttäuscht», sagt der Mann, der angibt aus Bosnien zu sein.

 

Im Auftrag der Stadt unterwegs 

SIP steht für Sicherheit, Intervention und Prävention. Von 2013 bis 2015 hat die Stadt Dübendorf mit SIP Züri einen Pilotversuch unternommen. Bis 2020 leistete diese wöchentliche Einsätze in Dübendorf, aufgrund einer jährlichen Leistungsvereinbarung. Wie die Stadt auf Anfrage schreibt, habe SIP Züri aufgrund knapper Ressourcen ihr Mandat nicht weiter verlängern können, daher entschied sich der Stadtrat für den Pilotversuch einer eigenen SIP Dübi von 2021-2023.

Mitte 2023 wird dem Stadtrat eine Auswertung mit Empfehlung vorgelegt werden. Für das Pilotprojekt von 2021-2023 wurden Gesamtkosten von knapp 200`000 Franken berechnet. Diese beinhalten Personalkosten, Initialkosten und Infrastruktur. Die Patrouille ist in den acht wärmeren Monaten meistens an zwei Tagen pro Woche unterwegs.

 

Währenddessen hat sich zur sitzenden Vierergruppe ein fünfter Mann dazugesellt. Lange bleibt er nicht, wortlos steht er auf und geht, nur sein Handy bleibt liegen, was keiner in der Gruppe kümmert. «Weiss er, dass er sein Handy liegengelassen hat?», fragt Guggenheim. «Der geht nur kurz in den Migrolino», sagt einer, «einen Drink besorgen.»

Das Geburtstagskind will jetzt doch reden und beschuldigt Miri, er habe ihn kürzlich im Aargau einfach ignoriert. Miri überzeugt ihn, dass er ihn mit einem anderen verwechselt hat.

Alkohol gepaart mit Medis

 «Bei ihm ist es leider so, dass er seit kurzem zum Alkohol auch Medikamente einwirft, wie gut am Schaum auf den Lippen zu erkennen war», sagt Miri, nachdem sie sich von der Gruppe entfernen. Deswegen habe er sich es auch mit anderen verscherzt, die hier regelmässig anzutreffen seien. «Sie behandeln ihn nun, wie einen Aussenseiter.»

«Wir bedanken uns bei Ihnen, dass sie keine Abfälle liegenlassen.»
Cordelia Guggenheim, Patrouille SIP Dübi

Einige davon gehören einer Gruppe Süchtigen an, die eben noch den zwei SIP-Leuten zu verstehen gaben, sie sollen sich doch zu ihnen gesellen. Doch nun sind sie verschwunden. Miri erinnert sich noch, wie skeptisch sie einst von dieser Clique beäugt wurden. «Was wollt ihr von uns?» Dann nach ein paar Aufeinandertreffen hätten sie vertrauen gefasst.

«Wir bedanken uns bei Ihnen, dass sie keine Abfälle liegenlassen. Das hören sie gerne, weil sie nur wenig Komplimente bekommen», sagt Guggenheim.

Follower-Kauf mit Süssigkeiten

So einfach ist es nicht immer für die zwei. Miri erzählt, dass sie einst auf eine Gruppe Jugendlicher gestossen seien, aus der einer gesagt habe: «Ihr habt zehn Sekunden, um zu verschwinden, sonst gibt es Prügel.» Zwei bis drei Monate hätten sie gebraucht, bis sie vertrauliche Gespräche mit den Jugendlichen führen konnten. Im öffentlichen Raum brauche es besonders viel Zeit und Geduld um Vertrauen aufzubauen. «Am Ende fragte mich einer der Gruppe nach einem Praktikum im Sozialbereich», sagt Miri und lächelt.

«Wir sind Sozialarbeiter auf der Strasse – wir helfen allen.»
Mahdi Miri, Patrouille SIP Dübi

Aussergewöhnlich war auch der Vorfall am Bahnhof Dübendorf, als ein Junge im Primarschulalter in Massen Süssigkeiten an Passanten verschenkte. «Er wollte seinen Social-Media-Account vorantreiben und hat jedem Süssigkeiten geschenkt, der sich als sein Follower eingetragen hat. Bezahlt hat er das Zeugs mit der Kreditkarte der Mutter», sagt Miri. Sie hätten daraufhin die Polizei gerufen, kurz darauf sei auch die Mutter des Jungen aufgetaucht, entsprechend verärgert über die Aktion ihres Sohnes, zumal er das nicht zum ersten Mal gemacht habe.

Am frühen Abend ist am Bahnhof noch wenig los. Ein paar ältere Herren trinken Bier, die sie im «Hangar» gekauft hatten. Man grüsst sich.

Problemzone Schulhaus

Ein weiterer Hotspot ist das Schulhaus Stägenbuck. Auf dem Weg dorthin erzählen die beiden, dass sie wegen ihrer dunklen Westen auch mal mit Polizisten verwechselt werden. «Wir sagen dann jeweils: Wir sind Sozialarbeiter auf der Strasse – wir helfen allen.» Die Ausrüstung ist denn auch um einiges bescheidener, als diejenige eines Polizisten: Eine Wärmedecke, FFP2-Masken, Desinfektionsmittel und Verbandsmaterial.

Im Stägenbuck ist wenig los. Oft sei dies ein Partyplatz, sagt Miri. Konsequenz daraus seien Probleme wie etwa Lärm, Littering oder auch Vandalismus.

Drei Leute sitzen auf einer Bank

Heute gehört die Stunde noch den Fussballern, den Basketball-Spielern und anderen Sporttreibenden. Hin und wieder träfen sie hier auch auf Kiffer, die ermahnt werden. «Wir klären dabei auf, provozieren und verurteilen die Kiffenden aber nicht. Wir rufen ihnen aber auch in Erinnerung, dass sie Illegales tun, dass von der Polizei geahndet wird.»

Abfallbeseitigung mit Hindernissen

Die zwei SIP-Patrouillierenden beenden ihre Runde beim Jugendhaus. Dort lungern etwa ein Dutzend Jugendliche herum. Miri und Guggenheim begrüssen sie per Handschlag. Nach einem kurzen Abstecher ins Jugendhaus ist die Gruppe auf das Fussballfeld verschwunden, geblieben ist der Abfall.

«Am Anfang war das wie ein Tom-und-Jerry-Spiel zwischen uns.»
Mahdi Miri, Patrouille SIP Dübi

Miri geht zur Gruppe hin und ruft: «Hey Jungs, ist der Abfall dort von euch? Dann bitte aufräumen.» Doch keiner reagiert, sie spielen weiter Fussball. Erst als die Patrouille nicht lockerlässt, antworten sie, dass die Abfälle nicht von ihnen sind, da sie die ihrigen aufgeräumt hätten.

Für das SIP-Team kein Grund, die Jugendlichen weiter zu behelligen, da sie sowieso nochmals zurückkommen und schauen wie der Platz verlassen wurde. Er hoffe aber, dass sie zur Einsicht gelangen, sonst müssten die Verantwortlichen des Jugendhauses den Abfall entsorgen, sagt Miri. Ihnen sei wichtig, dass sie sich jeweils nicht zu lange bei einer Clique aufhielten, da sie sonst nur stören würden. «Schliesslich mussten wir uns lange um ihr Vertrauen bemühen. Am Anfang war das wie ein Tom-und-Jerry-Spiel zwischen uns.»

 

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