Pilotprojekt in Wetzikon würde heute anders gebaut
Spitalstrasse 32, Wetzikon. Hier steht seit bald fünf Jahren ein Gebäude, das in Sachen nachhaltiger Energie und Klimaschutz als «Pilotprojekt» gilt. Im Rahmen einer Exkursion am Klimadialog erhielten Interessierte Behördenvertreterinnen und -vertreter Einblick in das Mehrfamilienhaus und seine Entstehung.
Städte und Gemeinden treffen sich im Oberland zum Klimadialog
13.07.2022

Rundschau über Projekte
Wenn es ums Klima geht, wollen Kanton und Gemeinden zusammenspannen. Beitrag in Merkliste speichern Der Gebäudesektor ist einer der Hauptverursacher von Treibhausgasemissionen im Kanton Zürich. Entsprechend gross ist die Klimawirkung von Neubauten.
Beim SonnenparkPlus wurden gleich mehrere optimierende Massnahmen umgesetzt: Neben dem Dach ist auch die Fassade mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet, um das Haus ganzjährig mit eigenem Strom zu versorgen. Dank Regenwassernutzung für die Toilettenspülung und einem gemeinsam genutzten E-Auto, das bei Bedarf über eine App gebucht werden kann, werden im Alltag Ressourcen geschont.
Dominik Trütsch, Energieingenieur erklärt im Keller des Gebäudes, wie viele Steuerungen und Systeme es in diesem Haus gebe, so dass es mehr Energie erzeugt, als es verbraucht – daher auch das Plus im Namen. «Wir wollten hier beim Bau und der danach stattfinden Optimierung technisch alles herauskitzeln, was nur möglich war», legt Trütsch der Gruppe dar.
«Der Nutzen war beschränkt, heute würden wir so etwas nicht wieder verbauen.»
Dominik Trütsch, Energieingenieur
Dabei stelle sich heute im Nachgang die Frage, was überhaupt Sinn ergebe. So könnten beispielsweise Geschirrspüler und Waschmaschinen so angesteuert werden, dass diese erst dann in Betrieb gehen, wenn die Solaranlage des Hauses genug Strom erzeugt, sprich wenn die Sonne scheint. Eigenverbrauchoptimierung lautet hier das Stichwort.
Nur, so klingt es bei Trütsch durch, sei diesbezüglich die Eigenverantwortung der Bewohnenden nicht immer so, wie es sie vielleicht in Anbetracht des Klimaschutzes sein könnte. «Der Nutzen war beschränkt, heute würden wir so etwas nicht wieder verbauen», sagt der Energieingenieur.
Ein fehlendes Gesetz
In einem weiteren Raum des Kellers können drei grosse Lithium-Batterien bestaunt werden. Diese reichen gut eine Nacht und haben eine Lebensdauer von zehn Jahren. «Die effektive Laufzeit wird sich zeigen, die Erfahrungswerte hier sind noch sehr gering.» Schwierig wird es, wenn es um die Nachhaltigkeit der Energiespeicher geht.
«Klar ist Recycling heute technisch möglich, nur gibt es preislich keine Anreize dafür. Wie wollen wir einem Kunden eine wiederaufbereitete Batterie verkaufen, wenn diese das Dreifache einer neuen, unbenutzten kostet?» Solange es kein Gesetz zur Wiederaufbereitung gebe, so Trütsch, würde diese auch nicht vorangetrieben.
Überhaupt zeigten sich Trütsch und Matthias Sauter, Architekt des Projekts, bei ihrem Rundgang kritisch und selbstreflektiert. «Solche komplexe Technik würden wir heute nicht mehr verbauen», sagte Trütsch. Und Sauter fügte hinzu: «Wir würden auch viel mehr auf Holz als Baumaterial setzen und weniger auf Beton. Damals haben wir uns mit dem Thema Graue Energie nicht so dezidiert auseinandergesetzte.»
Und meint damit, dass enorm viel Energie für Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung für den Rohstoff Beton benötigt wird und diesen damit zu keinem wirklich nachhaltigen Baustoff macht.
Mehr Technik löst keine Probleme
Hier überrascht auch die Rechnung, die die Verantwortlichen beim Sonnenpark gemacht haben: Bei einer Betrachtung über 50 Jahre Laufzeit des Hauses, würden zwei Drittel der benötigten Energie in die Erstellung fliessen, graue Energie sein, und nur ein Drittel in den Betrieb. «Das hat unser Bewusstsein geschärft. Wir müssen nicht ansetzen bei komplexen und automatischen Systemen zur Energiereduktion, sondern beim Bau und weniger mit Beton, sondern mehr mit Holz bauen.»
Dieser Umstand sorgte auch bei Severin Hafner für einen Aha-Effekt. Der Projektleiter für Mobilität und Energie der Stadt Bülach sagte im Nachgang an den Rundgang: «Hier sieht man deutlich, dass mehr Technik keine Probleme löst.»
Auf eine Lösung baurechtlicher Probleme hofft Dominik Trütsch derweil, wenn es um die Frage geht, was aus für Mehrwert der Klimadialog generiert. «Die gesetzlichen Rahmenbedingungen hindern uns bisweilen daran, wirklich für das Klima zu bauen. In Kernzonen dürfen immer noch keine Photovoltaikanlagen errichtet werden.»
Es sei ihm durchaus klar, dass man nicht alle bürokratischen Hürden eliminieren könne. «Aber man kann sie wenigstens vereinfachen. Heute ist eine Baueingabe so kompliziert und damit auch schnell einmal teuer.» Von daher hoffe er, dass, die im Rahmen des Klimadialogs stattfindende Vernetzung, Bewegung in so manchen Prozess bringe.
