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Kranke Rentnerin scheitert am Einwohneramt

Livia Hertler wollte ihren neuen Wohnsitz bei den Dübendorfer Behörden anmelden. Doch das klappte aus verschiedenen Gründen nicht – nun droht ihr die Betreibung.

Livia Hertler ist bei den Dübendorfer Behörden schon mehrfach angeeckt.

Foto: Christian Merz

Kranke Rentnerin scheitert am Einwohneramt

Bei den Dübendorfer Behörden ist Livia Hertler als widerspenstige Bürgerin bekannt. Sie weiss das, und es ist ihr egal. «Vielleicht finden die, ich sei ein Trötzli.»

Mit «die» meint Hertler etwa das Sozialamt, die Kesb oder aktuell das Einwohneramt. Mit der Abteilung hat die 66-jährige Rentnerin zu tun, weil sie ihre Wohnung innerhalb Dübendorfs wechseln musste.   

In ihrer neuen Wohnung erzählt Hertler, dass ihr jetziges Daheim vor allem eines sei: viel kleiner und 500 Franken im Monat teurer. Freiwillig tauschte die Rentnerin ihre 4,5-Zimmerwohnung, in der sie 37 Jahre gewohnt hatte, nicht mit einer 2,5-Zimmerwohnung.  Ihr und den anderen Mietern sei vier Tage vor Weihnachten im letzten Jahr gekündigt worden, weil die Liegenschaft einen neuen Besitzer erhielt, der die Wohnungen sanieren will.

Eine ungemütliche Situation für Hertler, die sehr an dem Standort hing und nicht mehr umziehen wollte. «Seit Corona verlasse ich meine Wohnung nur im Notfall, lungenkrank und ungeimpft lebe ich in freiwilliger Isolation. Unterstützt von meinen lieben Nachbarn bin ich gut umsorgt.» Dank Internet habe sie alles lebensnotwenige online bestellt und bis in die Wohnung liefern lassen.

Kritik am Einwohneramt

Ohne eine Besichtigung habe sie dann eine neue Wohnung gefunden. Der Vertrag wurde ihr zugesandt. «Ich sah die Wohnung das erste Mal bei der Schlüsselübergabe.»

Sechs Wochen vor dem Umzug habe sie bereits wichtige Schritte für den Wohnungswechsel erledigt. Alles klappte bestens – bis auf die Einwohnerkontrolle Dübendorf. «Online ging nicht, ich war zu früh. Die Übermittlung geht erst ab vier Wochen vor Umzug.» Also habe sie den Wohnungsausweis mit der Adressänderung per Post geschickt. «Umgehend kam mein Brief mit Begleitschreiben zurück, ich könne das nur online oder persönlich am Schalter erledigen.»

Die Anmeldefrist von vier Wochen war dann doch erreicht, so habe sie es nochmals online versucht. Weil sie den Wohnungsausweis aufgrund ihres defekten Scanners nicht einlesen konnte, habe sie Vorgang nicht abschliessen können.

«Gewisse Angestellte liessen sich bei einem Anruf von mir verleugnen.»
Livia Hertler, Rentnerin aus Dübendorf

«So schrieb ich erneut per Briefpost, erklärte, dass ich wegen Corona in keine geschlossenen Räume gehe und mich ungeimpft keiner gesundheitlichen Gefahr auszusetzen bereit sei.» Sie habe die Einwohnerkontrolle gebeten, die Adressänderung per Post anzunehmen und habe den Wohnungsausweis nochmals mitgeschickt.

«Ich wurde angerufen. Es sei nicht möglich die Änderung per Post anzunehmen, einen Grund konnte die Dame mir nicht nennen, es gehe halt einfach nicht.»

Kampf für Arbeitsrechte

Es gehe halt einfach nicht – eine Floskel die Frau Hertler überhaupt nicht behagt. Nicht heute, nicht damals, als sie noch mitten in ihrem Berufsleben als SBB-Mitarbeiterin in Nachtzügen als Zugbegleiterin arbeitete. «Für die Arbeit mussten sich Männer und Frauen in derselben Garderobe umziehen. Das wollte ich nicht mitmachen und habe so lange bei den Verantwortlichen protestiert, bis wir getrennte Umkleidekabinen bekamen.»

Es war nicht ihr einziger Job: Sie hat psychisch auffällige Insassen in einem Gefängnis betreut, in Asylunterkünften zum Rechten geschaut oder als Buchhaltungsangestellte in Dübendorf gearbeitet.

Livia Hertler bei sich zu  Hause.

«Ich habe nie länger als drei Jahre an einem Ort gearbeitet. Ich wollte alles andere als ein langweiliges Leben führen.»

Als ihr erwachsener Sohn an paranoider Schizophrenie erkrankte, geriet sie in Konflikt mit den Behörden. Damals war es das Dübendorfer Sozialamt oder die Kesb.

Bis ihr Sohn die nötige Hilfe bekommen habe, sei ganz viel Druck von ihr nötig gewesen. Bis in die hintersten Winkel der Stadtverwaltung habe man den Namen Livia Hertler am Ende gekannt. «Gewisse Angestellte liessen sich bei einem Anruf von mir verleugnen.»

«Online muss unter anderem zwingend ein Wohnungsausweis hochgeladen werden.»
Antwort der Stadt Dübendorf

Mit anderen Mitarbeiterinnen der Stadt hat sie sich aber offenbar gefunden, wie etwa die Betreuerin ihres Sohnes. «Eine tolle Frau, die Dübendorf angestellt hat.»

Persönliche Meldepflicht

Und jetzt also die Sache mit dem Einwohneramt. Auf Anfrage schreibt die Kommunikationsstelle der Stadt Dübendorf zur Praxis des Einwohneramtes: Bei einem Umzug bestehe eine persönliche Meldepflicht. Das bedeute, dass die Daten des identifizierten Meldepflichtigen entgegengenommen werden müssen.

Die persönliche Meldepflicht könne nur mittels persönlicher Vorsprache oder online via eUmzug wahrgenommen werden. «Online muss unter anderem zwingend ein Wohnungsausweis hochgeladen werden.»

Kulanz ohne Wirkung

Einen Kompromissvorschlag machte das Amt dann doch noch. Sie solle doch ein leeres Papier einscannen, war ein Vorschlag vonseiten der Behörde. Mit diesem Schritt sollte es möglich sein, das System zu überlisten, um die Anmeldung online abschliessen zu können. «Dass ich nicht scannen kann, hatte die verantwortliche Person wohl überlesen und überhört. Wir drehten uns im Kreis, und ich erklärte, dass ich ganz bestimmt nicht persönlich erscheinen würde. Meine Gesundheit geht mir vor!»

«Die Stadt Dübendorf macht sich damit nur lächerlich, bei mir ist nichts zu holen.»
Livia Hertler

Darauf sei der Vorschlag gekommen, ein ärztliches Attest zu liefern. Doch sie sei seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr beim Arzt gewesen. «Unnützes Risiko eingehen und Kosten auf mich nehmen, das mache ich nicht.» Zudem könne sie sich wegen ihrer Lungenkrankheit nicht mehr leicht bewegen. «Das Atmen fällt mir schon nach kurzen Laufwegen schwer.»

Danach sei es erstmal ruhig geworden. «Ich hörte nichts mehr und ging davon aus, dass der gesunde Menschenverstand obsiegt hatte. Doch sowas gibt es in der Stadtverwaltung Dübendorf schlichtweg nicht.»

Gebühren und Bussen

Frau Hertler erhielt nämlich ein Mahnschreiben, worin ihr die Verrechnung von Gebühren angekündigt wird. Danach sei kürzlich die «Letzte Aufforderung vor Verzeigung» bei ihr eingetroffen. «Diese Aufforderung beschert mir Gebühren von 60 Franken mit gleichzeitiger Androhung einer Ordnungsbusse von 100 Franken.»

Darüber kann die Dübendorferin nur den Kopf schütteln. «Das Amt hätte meine Adressänderung in dieser Zeit längst selbst erfasst, statt mir diese Schreiben zuzustellen oder mich anzurufen. Doch statt zu helfen, untergraben sie noch das Selbstwertgefühl der Leute.»

Sie sei zwar ihr ganzes Leben lang noch nie betrieben worden, doch in dem Fall lasse sie es darauf ankommen. «Soll die Stadt Dübendorf mich doch mahnen und betreiben. Sie macht sich damit nur lächerlich, bei mir ist nichts zu holen. Ich lebe von einer Klitzekleinen Rente mit Ergänzungsleistung.»

Nun werde sie wohl rechtlich gegen die Massnahmen der Stadt vorgehen. Denn kleinbeigeben will sie nicht. «Ich habe einen starken Gerechtigkeitssinn.»

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