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«In der Regierung darf man nicht nur die Parteifahne schwenken»

Nach acht Jahren im Ustermer Stadtrat geht Jean-François Rossier neue Wege. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Sicherheitsvorsteher über Corona, Rollator-Fahrer und seine Partei, die SVP.

Blick voraus gerichtet: Jean-François Rossier geniesst nach seiner Polit-Karriere den Ruhestand und fasst neue Pläne.

Foto: Christian Merz

«In der Regierung darf man nicht nur die Parteifahne schwenken»

Herr Rossier, Sie waren 16 Jahre in der Ustermer Politik, die letzten acht Jahre davon als Stadtrat. Wie fühlen Sie sich jetzt, als «Pensionär»?
Jean-François Rossier: Gut muss ich sagen, danke der Nachfrage (lacht).

Macht sich Erleichterung bei Ihnen breit, dass Sie den Politdschungel hinter sich lassen konnten?
Ein bisschen. Ich bin auf der einen Seite sicher erleichtert, dass der Druck jetzt von mir abgefallen ist, aber auf der anderen Seite mischt sich schon auch ein bisschen Bedauern ein.

Wieso das?
Es war eine tolle, eine «lässige» Zeit. Aber wie gesagt, nach all den Jahren ist bei mir jetzt auch ein gewisser Sättigungsgrad erreicht und es ist jetzt der Schritt gekommen, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

«Es hat mich nie gestört, der stille Schaffer zu sein.»

Wie sieht dieses Kapitel jetzt unmittelbar aus?
Zunächst einmal geniesse ich die sitzungsfreie Zeit. Montag- und Dienstagabende ohne Stadtrats-, Parlaments- und Kommissionssitzungen, die ich jetzt mehr mit meiner Familie verbringen oder an denen ich Sport treiben kann.

Es ist Ihnen noch nicht passiert, dass Sie an einem Abend vor dem Stadthaus standen und realisiert haben, Sie müssten heute gar nicht hier sein?
Nein, zum Glück nicht (lacht).

Als Sicherheitsvorsteher waren Sie in Ihrer Amtszeit kaum je exponiert, wie das vielleicht bei anderen Stadträten der Fall ist. Wurde Ihnen nie langweilig?
Es mag in der Wahrnehmung zutreffen, dass andere Abteilungen wie Bau, Finanzen oder Bildung  eher im Fokus stehen. Im Ressort Sicherheit hingegen gibt es  viele Schnittstellen mit den anderen Abteilungen und stille Schaffer im Hintergrund. Die Wahrnehmung ist wohl auch eine andere, weil unsere Blaulichtorganisationen wie die Stadtpolizei keinen 24-Stunden-Dienst kennen wie beispielsweise Zürich oder Winterthur.

Jean François Rossier sitzt im Stadthaus, er hält sich die Hand vor den Mund und wirkt nachdenklich.

Hat es Sie nie gestört, der stille Schaffer zu sein?
Nein, überhaupt nicht. Das braucht es auch. Es können nicht immer alle permanent im Fokus stehen, das wäre auch nicht gut. Die Dienstleistungen, die wir erbracht haben, sind jedoch kaum wegzudenken. Ohne die Abteilung Sicherheit müssten Anlässe wie der Greifenseelauf oder der Ustermärt anders organisiert werden.

«Zu Beginn der Corona-Pandemie herrschte eine Ohnmachtssituation»

Die Corona-Pandemie hat in dieser Hinsicht in den letzten Jahren viel durcheinandergebracht und Sie mehr in den Mittelpunkt gerückt. Wie hat das Ihre Arbeit verändert oder beeinflusst?
Die härteste beziehungsweise schlimmste Phase war sicherlich zu Beginn der Pandemie im ersten Jahr, 2020, als dieses Virus immer näher kam. Die Situation war schlecht einzuschätzen. Hinzu kamen die drastischen Bilder aus Norditalien und dem weiteren Ausland. Und niemand wusste: Wie geht man jetzt damit um? Es war eine Ohnmachtssituation. Und man hat nur noch reagiert, was überhaupt nicht meinem Naturell entspricht.

Wie meinen Sie das?
Als Ingenieur komme ich aus einem klassischen Planungsberuf. Und ich mag es, wenn ich sauber strukturiert arbeiten und Dinge vorbereiten kann. Mit Corona war das praktisch nicht mehr möglich. Mehrmals in der Woche hat der Bund neue Verordnungen erlassen, die wir umsetzen mussten. Das hat uns vor einige Herausforderungen gestellt.

Tausende Massnahmengegner zogen durch Uster

26.09.2021

Sie zeigen sich dankbar

Zwei- bis dreitausend Demonstrierende kamen am Samstag nach Uster, um ihre Stimme gegen die Coron Beitrag in Merkliste speichern Eine Herausforderung für Ihre Abteilung und die Stadt Uster war auch die Corona-Demonstration letzten September.
Wir haben dieses Thema lange und intensiv bei uns in der Abteilung und im Stadtrat diskutiert. Aber wir haben letztlich keinen offensichtlichen Grund gefunden, um die Kundgebung nicht zu bewilligen. In Bezug auf andere Städte, die jetzt im Nachgang für gewisse Verbote gerügt wurden, zeigt uns dies eigentlich auch, dass wir mit unserem Bewilligungsverfahren alles richtig gemacht haben. Auch wenn das nicht alle so sehen.

«In meinem dritten Amtsjahr musste ich einen Rollator-Fahrer auf der Autobahn ausbremsen.»

Lassen Sie uns über Highlights Ihrer Polit-Karriere sprechen. Was bleibt Ihnen aus Ihrer Zeit als Stadtrat besonders in Erinnerung?
Highlights ist so ein grosses Wort, vielmehr sind es vielleicht die kleinen Geschichten, an denen ich mich erfreue und nicht die grossen Erlebnisse. Wichtig war mir immer, bei der Polizei oder dem Bevölkerungsschutz, dass wir von Personenschäden verschont bleiben und alles immer gut über die Bühne geht. Während Demonstrationen stand ich immer auch ein bisschen unter Strom und Anspannung und hoffte, dass nichts passiert. Aber damit lernt man umzugehen.

Was wäre denn eine kleine Geschichte, Anekdote, die Sie heute noch zum Schmunzeln bringt?
Nun, da gab es in meinem dritten Amtsjahr einen Rollator-Fahrer, den ich auf der Autobahn ausbremsen musste.

Bitte was?
Ich war auf dem Weg nach Uster nach einer Sitzung und bei der Autobahnausfahrt Uster-West habe ich auf der Gegenfahrbahn gesehen, wie ein Mann mit seinem Elektro-Rollator auf die Einfahrt einbog.

Was haben Sie dann gemacht?
Ich habe sofort den Notruf 117 gewählt und bin wieder auf die Autobahn gefahren, dem Rollator hinterher. Ein Unterhaltsfahrzeug des Kantons überholte uns und bremste das Gefährt aus. Nachdem ich ausgestiegen war und dem Mann sagte, er sei hier falsch, meinte er nur: ‹Ja ich habe schon gedacht, hier ist ne Menge Verkehr.› Er wollte dann weiter auf der Autobahn. Das war schon sehr speziell – auch wenn es jetzt vielleicht nicht sehr viel mit Politik zu tun hat.

«Aus SVP-Sicht ist es natürlich schade, dass der Stadtratssitz verloren ging.»

Also reden wir nochmal über Politik: Ihre erste Amtszeit war noch bürgerlich dominiert, danach herrschte im Stadtrat eine rot-grüne Mehrheit. Hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Konkret auf meine Abteilung bezogen? Nicht wesentlich. Die Frage ist ja immer: Was hat der Stadtrat für Möglichkeiten und wie steht das Parlament dazu – heisst es die Ideen der Exekutive gut oder lehnt es sie ab. In der zweiten Legislaturperiode gab es mehr Frauen im Stadtrat, doch ich glaube nicht, dass wir anders politisiert haben. Die Gespräche und Diskussionen, die wir geführt haben waren weder bürgerlich noch links dominiert. Als Stadtrat ist man zwar ein Vertreter seiner Partei, doch auch ein Vertreter der ganzen Ustermer Bevölkerung. Es wäre falsch, in der Regierung nur die eigene Parteifahne zu schwenken.

Ihre Partei ist die SVP, die in der neuen Legislatur nicht mehr im Ustermer Stadtrat vertreten ist. Fehlt jetzt die bürgerliche Stimme im Politdiskurs?
Im Parlament ist die SVP mit der SP ja nach wie vor die stärkste Partei. Von daher ist es ein gutes Zeichen, dass dort die Anzahl Sitze gehalten werden konnte. Aus SVP-Sicht ist es natürlich schade, dass der Stadtratssitz verloren ging. Aber letztlich ist es eine Tendenz, die sich abgezeichnet hat, auch in anderen Städten. Für die Kommunalpartei ist es sicher nicht einfach, dass sie keine polarisierenden Köpfe hat und sie schnell einmal mit dem SVP-Klischee verbunden wird.

Was genau meinen Sie mit Klischee?
Wir haben immer gesagt, wir sind eine Ortspartei und wir politisieren für Uster, wir setzen uns für die Anliegen der Ustermerinnen und Ustermer ein. Und wenn jetzt aber schweizweite Themen auf Uster heruntergebrochen werden, dann stehen wir einfach auch ein bisschen auf verlorenem Posten. Weil das nicht die Politik ist, die wir machen.

Wohin muss der Weg der Ustermer SVP führen, um sich von der kantonalen oder nationalen Partei besser zu differenzieren?
Es ist einfach wichtig, dass man auch mal das «Füdli» haben muss, um für die eigene, unabhängige Meinung einzustehen. Für Uster.

«Während meiner politischen Tätigkeit habe ich vieles gelernt, was für mich heute von Nutzen ist.»

Und ihr persönlicher Weg, wohin führt der?
Ich werde die Lokalpolitik sicher weiterverfolgen. Was die Zukunft bringt, werde ich sehen. Es gibt Themen in Uster, die mich nach wie vor interessieren: Stadtentwicklung, Zeughausareal, Mobilität – wie sieht das alles in den nächsten Jahren aus? Wenn man da etwas mitgestalten kann, dann reizt mich das schon – das war auch das, was mich als Politiker immer so gereizt hat: die Nähe zu Themen, zur Verwaltung, die tiefen Einblicke. Und ansonsten konzentriere ich mich auf die gemeinsame Arbeit mit meiner Frau und das Architektur- und Designbüro, mit dem wir uns während Corona selbstständig gemacht haben.

Können Sie bei Ihrer neuen Arbeit von ihrer Tätigkeit als Politiker profitieren?
Egal was man macht, man lernt permanent. Allerdings ist es sicher so, dass ich während meiner politischen Tätigkeiten vieles gelernt habe, was für mich heute von Nutzen ist, wie zum Beispiel Fragetechniken. Da höre ich schon ab und zu, dass ich so etwas nicht zum ersten Mal mache. 

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