«Mich ärgert die Flut von Einsprachen gegen Bauprojekte»
Herr Besmer, nach zwölf Jahren im Dübendorfer Stadtrat sind Sie im Frühling nicht mehr angetreten. Wenn Sie jetzt am Ende Ihrer Amtszeit zurückblicken: Was war das nervenaufreibendste Projekt, dass Sie begleitet haben? Nein, lassen Sie mich raten – die jahrelang durch Einsprachen blockierte Hermikonstrasse?
Jürgen Besmer: (lacht) Was nur immer alle mit dieser Hermikonstrasse haben. Ja, das Projekt hat uns lange beschäftigt und benötigte mehrere Anläufe. Aber es gehört zu den demokratischen Spielregeln, dass Gegner von Bauprojekten rechtliches Gehör erhalten. Wobei mich die Flut von Einsprachen gegen Bauvorhaben schon ärgert.
Mal ehrlich, haben Sie nie nachts wach im Bett gelegen und gedacht: Wie schön wäre es doch, wenn man als Stadtrat einfach Projekte vorantreiben könnte, ohne auf Rekurse Rücksicht zu nehmen?
Nein, nachts schlafe ich.
Sie scheinen ja ohnehin ein sehr gelassener Mensch zu sein und blieben im politischen Diskurs stets ruhig, auch wenn Sie im Gemeinderat kritisiert wurden. Gibt es nichts, womit man Sie wütend machen kann?
Doch, mit Unwahrheiten und Lügen, das kann ich nicht ausstehen. Und wenn jemand klare Fakten nicht anerkennt. Aber auch das verfolgt mich nicht in den Schlaf. Bei mir war es immer so: Wenn ich aus der Firma raus war, oder aus dem Stadthaus, dann drehte ich innerlich einen Schalter, schloss das Thema ab und konzentriere mich auf das nächste. Ohne diesen Mechanismus wären auch keine Erholungsphasen mit der Familie möglich gewesen – und ich hätte keinen guten Job machen können.
« Dazu gehört eben auch, dass man die Sorgen von Kritikern und Betroffenen berücksichtigt. »
Zwölf Jahre lang waren Sie für den Tiefbau verantwortlich. Ist das nicht das undankbarste Ressort? Nehmen wir Strassensanierungen: Die Baustelle verursacht Lärm, Dreck, Stau und alle ärgern sich darüber, und wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, sieht alles wieder aus wie vorher.
Das sehe ich ganz anders. Ich habe mir immer gesagt: Du hast 30’000 Kunden, die die Kanalisation benötigen, frisches Wasser, Strom, im Winter müssen Strassen und Trottoirs geräumt werden, und am Ende des Lebens wartet der Friedhof. Die Aufgabe ist unglaublich abwechslungsreich. Da redet man am Nachmittag als Laie in der Expertenrunde über Mikroverunreinigungen im Abwasser, und am Abend leitet man eine Bevölkerungsinformation wegen eines Bauvorhabens.
Eben, die Baustellen…
Mein Ziel war es immer, die betroffenen Anwohner und Gewerbler frühzeitig zu informieren und Verständnis für unser Vorhaben zu wecken. Auch wenn das nicht immer gelungen ist und wir es vielleicht auch nicht immer perfekt gemacht haben, sehe ich doch keine andere Möglichkeit, Akzeptanz zu schaffen. Solche Gespräche zu führen, zu vermitteln, die Leute für eine Idee zu gewinnen – das ist es, wieso ich mich nie als Parlamentarier gesehen habe.
Das stimmt, üblicherweise machen Stadträte einen mehrjährigen Umweg über den Gemeinderat.
Ich wollte immer von Anfang an einem Projekt mitarbeiten, die Richtung mitbestimmen, die verschiedenen Interessenvertreter und Experten an einen Tisch bekommen und dann eine Lösung finden, mit der sich alle anfreunden können und die am Schluss auch vom Volk gutgeheissen wird. Dazu gehört eben auch, dass man die Sorgen von Kritikern und Betroffenen berücksichtigt. Das habe ich schon als Schulpfleger gemocht, und später als Stadtrat eben auch.
Haben Sie in den letzten zwölf Jahren in Dübendorf einen Wandel in der Politik erlebt?
Ja, die Debatten sind härter geworden, der Umgangston hat sich verschärft. Ob das ein Trend ist oder lediglich mit den aktuellen Exponenten im Parlament zusammenhängt, ist allerdings schwer zu sagen.
Nachdem Sie sich jetzt fast drei Jahrzehnte lang für Dübendorf engagiert haben: Welche Strasse soll man nach Ihnen benennen?
Keine, ich halte nichts von Personenkult. Dazu kommt, dass die Menschen, nach denen irgendwo eine Strasse oder ein Platz benannt wird, in der Regel erst sterben müssen.
Gibt es ein Projekt, auf das Sie rückblickend besonders stolz sind?
Aus den vielen Projekten, an denen ich beteiligt war, sticht sicher der Bauhof heraus. Aber auch die Glattbrücke mitsamt Park und die Erschliessung Hochbord, ohne die die Entwicklung in dem Gebiet nicht möglich gewesen wäre.
Und welches Vorhaben hätten Sie noch gerne zu Ende geführt?
Die Renaturierung der Glatt zwischen der Usterstrasse und den Sportanlagen Im Chreis wäre so ein Vorhaben, hier geht es jetzt dann bald vorwärts. So gesehen dürfte man jedoch gar nie aufhören, denn es ist immer irgendein Projekt am Laufen, das man noch betreuen möchte. Aber jetzt soll mal ein neuer Kopf mit neuen Ideen übernehmen.
« Eine Tochter von mir ist Vegetarierin, für sie mache ich auch schon mal einen Vegiburger. »
Für was nehmen Sie sich nun mehr Zeit?
Sicher für längere Reisen. In der Antarktis war ich schon, jetzt möchte ich gerne noch zum Nordpol, und nochmals in den Regenwald. Aber auch für Kultur habe ich jetzt mehr Zeit, zum Beispiel für Opern, im Juli werde ich deswegen nach Verona reisen. Es kann aber auch mal ein normales Konzert in der Nähe sein, wie kürzlich Zucchero im Hallenstadion.
Mehr Zeit hätten Sie jetzt ja auch für Golf. Welches Handicap haben Sie?
Aktuell 39, das muss ich auf 24 verbessern.
Kochen geben Sie ebenfalls Hobby an, was können Sie besonders gut?
Ich grilliere sehr gern, vor allem Fleisch, aber auch Gemüse. Eine Tochter von mir ist Vegetarierin, für sie mache ich auch schon mal einen Vegiburger, der letzte ist mir gar nicht mal so schlecht gelungen. Ich mag es aber lieber fleischlastig.
Heutzutage ist es ja fast schon mutig, sich öffentlich als Fleischliebhaber zu outen.
Ich bin mir immer treu geblieben und habe nie versucht, mich zu verbiegen – etwa um Wählerstimmen zu gewinnen oder mich sonst irgendwo beliebt zu machen. Ich denke, das ist mit ein Grund, wieso ich drei Mal mit gutem Ergebnis in den Stadtrat gewählt wurde.
Zur Person
Jürgen Besmer war zwölf Jahre lang im Dübendorfer Stadtrat für das Ressort Tiefbau verantwortlich. Zuvor sass er während 14 Jahren in der Primarschulpflege. Der 62-Jährige ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter, ausserdem hat er drei Enkelkinder, um die er und seine Frau sich an zwei Tagen in der Woche kümmern. Bis er sich vor einem Jahr frühzeitig pensionieren liess, arbeitete Besmer als Bauführer bei einem international tätigen Baudienstleistungsunternehmen.
Jacqueline Hofer möchte nicht
Es ist im «Glattaler» Tradition, abtretenden Stadträte und andere langjährige Behördenmitglieder mit einem Interview zu verabschieden. Neben Jürgen Besmer trat auch Sozialvorsteherin Jaqueline Hofer (SVP) nach vier Jahren im Stadtrat im Frühjahr nicht mehr zur Erneuerungswahl an, wofür sie gesundheitliche Gründe angab. Ein Interviewanfrage lehnte sich ab mit der Begründung, dass sie sich bereits ausführlichen zur Administrativuntersuchung der Vorfälle im Bereich Soziales geäussert habe. (tba)
