«Ärgere mich über jeden Agenda-Eintrag, der neu dazukommt»
Herr Müller, Ihre Zeit als Stadtpräsident von Illnau-Effretikon geht nach elf Jahren zu Ende. Überwiegt heute die Freude oder die Wehmut?
Ueli Müller: Die beiden Gefühle halten sich die Waage. Einerseits freut es mich, dass in meiner Agenda jetzt viel mehr Platz ist. Umgekehrt wird mir etwas fehlen, das mir jahrelang sehr wichtig war.
Sie haben 16 Jahre lang im Stadtrat gewirkt. Haben Sie das aus Liebe zur Politik oder zu Illnau-Effretikon gemacht?
Aus Liebe zu Illnau-Effretikon. Dieser Ort ist mein Lebensmittelpunkt, es lag mir viel daran, ihn mitzugestalten. Ich habe gleichzeitig auch meinen Beruf als Berufsschullehrer am KV Winterthur sehr gerne ausgeübt und deshalb nie auf einen Sitz im Kantons- oder im Nationalrat aspiriert. In Illnau-Effretikon zu politisieren und in Winterthur Schule zu geben – das passte für mich.
«
Die Zentrumsplanung hat uns sehr viel Geduld abverlangt.
»
Ins Stadtparlament sind Sie sogar schon 1998 gewählt worden. Wie hat sich Illnau-Effretikon seither verändert?
Baulich nur relativ langsam. Wobei sich Illnau stärker verändert hat, weil es dort mehr eingezonte Gebiete gab, die noch nicht überbaut waren. In Effretikon gibt es fast keine neuen Baugebiete mehr. Deshalb haben wir in letzter Zeit den Weg der inneren Verdichtung eingeschlagen. Und das ist ein sehr arbeits- und zeitaufwändiger Prozess.
Und schon wären wir beim Zentrum angelangt. Rund 30 Jahre lang hat diese Frage die Stadt beschäftigt.
Die Zentrumsplanung hat uns sehr viel Geduld abverlangt. All die planungstechnischen Schritte, die nötig sind, das Parlament und seine Kommissionen, die involviert werden müssen: Das zieht sich. Heute, am Tag meines Abschieds, sind die planerischen Grundlagen gelegt und die Bau- und Zonenordnung vom Parlament genehmigt. Die Masterpläne sind festgesetzt, die Gestaltungspläne teils bewilligt, teils in Erarbeitung. Jetzt geht es an die Umsetzung, für die nun meine Nachfolger zuständig sein werden.
Am 25. Mai informierte Ueli Müller die Bevölkerung über den Stand der Zentrumsplanung.
Sie sehen also die Planung des Zentrums als Ihr Vermächtnis.
Angesichts des Umstands, dass der Stadtpräsident quasi als Stadtentwickler tätig ist, kann ich das bestätigen. Die bauliche Umsetzung fällt dann in die Verantwortung der Abteilung Hochbau. Ein weiteres Vermächtnis wäre aber auch noch die Fusion mit Kyburg. Durch diese Eingemeindung hat sich Illnau-Effretikon ja ebenfalls stark verändert. Wir sind damals auf einen Schlag zur flächenmässig drittgrössten Gemeinde des Kantons geworden.
Eine solche Eingemeindung ist nichts Alltägliches. Gab es Überraschungen?
Nein. Da war im Vorfeld alles genauestens abgeklärt, analysiert und berechnet worden. Auch der Kanton hat uns dabei begleitet und 1,9 Millionen Franken beigesteuert. Auf dieser Basis haben wir den Zusammenarbeitsvertrag erarbeitet, der im Sommer 2015 von den Stimmbevölkerungen beider Gemeinden deutlich angenommen wurde.
«
Wir haben den Stadtrat nicht verkleinert, um die SVP rauszudrängen!
»
Ein anderer prägender Moment Ihrer Amtszeit war die Verkleinerung des Stadtrats von neun auf sieben Köpfe bei den Erneuerungswahlen 2018. Dabei ist mit der SVP die stärkste Partei aus der Exekutive gefallen…
… Wir haben den Stadtrat nicht verkleinert, um die SVP rauszudrängen!
Das wollten wir Ihnen auch nicht unterstellen.
Dass die beiden SVP-Stadträte überzählig ausschieden, hatten wir nicht erwartet. Aber mehr noch als in der politischen Dimension hatte diese neue Organisation Konsequenzen auf der Verwaltungsebene.
Inwiefern?
Bis 2018 hatten wir elf Abteilungen und neun Exekutivmitglieder, danach waren es sieben Abteilungen mit sieben Stadträten. Diese Reduktion bedurfte einer grossen Neuorganisation innerhalb der Verwaltung: Vier Abteilungen mussten aufgelöst und neu verteilt werden. Folglich waren diesem Schritt lange Diskussionen und der eine oder andere schwierige Personalentscheid vorangegangen. Das hat man von aussen nicht unbedingt wahrgenommen.
Zur Person
Ueli Müller (65) ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Er ist in Birchwil (Nürensdorf) aufgewachsen und 1987 nach Effretikon gezogen. Als studierter Historiker hatte er den Auftrag erhalten, die Ortschronik von Illnau-Effretikon zu verfassen. Bis heute betreut er das Jahrheft der Stadt als Redaktor, überdies ist er Vizepräsident des Hotzehuus-Vereins, der u.a. ortsgeschichtliche Ausstellungen realisiert.
1998 wurde er für die SP in den Grossen Gemeinderat und 2006 in den Stadtrat gewählt, wo er das Ressort Tiefbau verantwortete. 2011 kandidierte er erfolgreich für die Nachfolge des Stadtpräsidenten Martin Graf (Grüne), der sich in den Regierungsrat hatte wählen lassen. Neben seinem politischen Amt arbeitete Müller als Berufsschullehrer am KV Winterthur.
Im letzten Herbst gab Ueli Müller bekannt, im Zuge seiner anstehenden Pensionierung nach 16 Jahren im Stadtrat für keine weitere Amtsperiode mehr zu kandidieren.
Wir haben zuvor darüber gesprochen, dass sich Illnau-Effretikon baulich verändert hat. Wie hat es sich gesellschaftlich verändert?
Mir ist aufgefallen, dass an öffentlichen Veranstaltungen die ältere Generationen stärker vertreten ist als die jüngere. Das ist anders als noch in den 1970er und 1980er-Jahren. Damals waren viele junge Familien aus den Grossräumen Zürich und Winterthur in die neuen Überbauungen gezogen. Diese haben sich politisch und gesellschaftlich, also etwa in Vereinen, engagiert. Heute ist es schwieriger, Leute dafür zu gewinnen, ihre freie Zeit zu investieren. Das ist kein spezifisches Problem unserer Gemeinde, sondern eine Zeiterscheinung.
Dennoch: Als Stadt, die auch von ihrer guten Wohnlage zwischen Zürich und Winterthur lebt, ist das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.
Das stimmt. Es ist mir aber wichtig, nicht den Eindruck zu vermitteln, es sei kein Engagement mehr vorhanden. Wir haben immer noch über 100 Vereine – aber es ist schwieriger geworden, weil die Last auf weniger Personen verteilt ist.
«
Heute ist es schwieriger, Leute dafür zu gewinnen, ihre freie Zeit zu investieren.
»
Ihr Nachfolger hatte im Wahlkampf betont, dass er die Kommunikation gegenüber der Bevölkerung verstärken wolle. Ein probater Ansatz?
Grundsätzlich schon. Die Frage ist einzig, wie man das genau anstellen will. Wir haben immer wieder öffentliche Anlässe abgehalten, auch informeller Natur. Doch dabei sind jeweils stets die Direktbetroffenen und viele altbekannte Gesichter aufgetaucht – in der Regel so um die 100 Personen. Wenn Marco Nuzzi es schafft, diesen Kreis zu erweitern und zu verjüngen, wäre das natürlich toll.
Apropos Marco Nuzzi: Hat Sie sein Sieg bei der Stadtpräsidentschaftswahl eigentlich überrascht? Immerhin hätte der Kandidat aus Ihrer Partei doch auch von Ihrem Bisherigen-Bonus profitieren können.
Ich hatte mit einem knappen Rennen gerechnet, folglich war ich auch nicht wirklich überrascht. Man muss schon sehen: Marco Nuzzi ist sehr gut in der Vereinsszene vernetzt, er hat eben zum dritten Mal das Stadtfest organisiert. Das ist eine gute Basis. Natürlich hat es mir für meinen Parteifreund Samuel Wüst leidgetan. Aber unter dem Strich liegen die beiden politisch nun auch nicht Welten auseinander.
Ihre Einschätzung ist ein weiterer Beleg dafür, wie harmonisch der Politbetrieb in Illnau-Effretikon ist.
Einverstanden. Allerdings muss man schon sehen, dass dem nicht immer so war. Vor 2018 war es viel hektischer zu und her gegangen – zwischen Stadtrat und Parlament, zwischen Stadtrat und RPK aber auch innerhalb des Parlaments war zuweilen sehr heftig politisiert und debattiert worden. Teils in sach-, vor allem aber in finanzpolitischer Hinsicht.
Weshalb?
Etwas simpel gesagt, wollten die einen vermehrt sparen und Steuern senken und die anderen öffentliche Leistungen erhalten oder weiter ausbauen.
Nun gut, diese Gegensätze definieren ja das politische Spektrum. Warum waren sie vor 2018 denn ausgeprägter als zuletzt?
Vielleicht hatte es zuvor von gewissen Seiten mehr Drang zur Profilierung gegeben, vielleicht war die Kommunikation zwischen Exekutive und Legislative nicht immer optimal. Ausserdem muss man sehen, dass wir in meinen ersten Jahren als Stadtpräsident in einer recht schwierigen Lage steckten. Wir mussten damals als Stadtrat ein mittel- bis langfristiges Sparprogramm aufstellen, das naturgemäss Konfliktpotenzial birgt. Die einen wollen mehr, die anderen weniger, die einen beispielsweise bei den Bibliotheken und die anderen eher bei den Strassen sparen. Heute schreiben wir Jahr für Jahr gute Abschlüsse.
Generell schien der Stadtrat homogen aufzutreten. Das haben auch die beiden Stadtpräsidentschaftskandidaten betont.
Wir hatten es im Gremium wirklich gut miteinander und es wurde auch einem Mitglied einer anderen Partei gegönnt, einen Antrag durchzubringen. Wenn ein Antrag sinnvoll und zielführend war, wurde er unterstützt.
Die persönlichen Hochs und Tiefs seiner Ära
10.06.2022
Nach elf Jahren im Amt geht Illnau-Effretikons Stadtpräsident Ueli Müller in den Ruhestand. Beitrag in Merkliste speichern Das bedingt eine Kultur, die durch die Führung implementiert wird. Welchen Ansatz haben Sie verfolgt?
Ich habe immer mit flachen Hierarchien gearbeitet, weil dies im umgekehrten Fall auch für mich selber der richtige Ansatz ist . Das funktioniert allerdings nur, wenn man einander vertraut.
In der Schule mussten Sie sicher mal auf den Tisch hauen. Im Stadtrat auch?
(Lacht) In seltenen Fällen, wenn die Kollegen mal zu lange geredet haben oder ich sie aus der Pause holen musste. Aber ich bin froh , dass ich dabei nie militärische Methoden anwenden musste.
Gesunde Finanzen, ein harmonischer Politbetrieb – reklamieren Sie diese Errungenschaften auch ein wenig für sich?
Der Stadtrat ist ein Gremium, das gut zusammengearbeitet und die richtige Person zum Finanzvorstand ernannt hat.
Ja, aber Sie waren der Chef und mussten die Entscheidungen vertreten.
Das Amt bringt es mit sich, dass man auch Entscheidungen vertreten muss, die bei den eigenen Parteileuten nicht immer nur Freude auslösen. Bei mir waren das zum Beispiel die Steuerfuss-Senkungen. Doch die darauffolgenden Rechnungsabschlüsse und der heute nachhaltig stabile Steuerfuss haben dem Stadtrat recht gegeben.
Wieviel Ideologie hat im Stadtrat überhaupt Platz?
Es gibt auch im Stadtrat Platz für die eigene politische Überzeugung. Doch es macht keinen Sinn, ihn zu strapazieren, weil man das Ganze im Auge behalten muss. Bestimmend ist am Schluss die Gesamtheit der Entscheide – wobei diese in der letzten Legislatur wohl etwas Richtung grün und links gerückt ist .
Das sollte Sie als Sozialdemokrat eigentlich freuen.
Natürlich – dies entspricht ja auch dem Wählerwillen. Einzig ist die Ursache, nämlich der Klimawandel, kein Grund zur Freude. Wenn ich jetzt feststelle, dass auch die bürgerlichen Parteien mit etwa 30 Jahren Verspätung das Problem endlich erkannt haben, empfinde ich das schon als positiv. Was wir heute in dieser Frage beschliessen, wäre noch bis vor etwa zehn Jahren chancenlos gewesen. Sogar die SVP bringt inzwischen Vorstösse, die auf dieser Einsicht fussen.
«
Es gibt auch im Stadtrat Platz für die eigene politische Überzeugung.
»
Umgekehrt befindet sich Ihre eigene Partei, die SP, trotz dieses gesellschaftlichen Wandels unter Druck. Nicht nur national, sondern auch vor der eigenen Haustüre in Illnau-Effretikon.
Es stimmt, wir haben bei den jüngsten Wahlen einen Stadtratssitz verloren. Man muss aber auch sehen: Dass wir 2018 trotz der Verkleinerung des Stadtrats drei Sitze halten konnten , war sensationell. Das ist uns wohl nur gelungen, weil wir mit drei Bisherigen antreten konnten . Insofern ist es jetzt mit einer Zweiervakanz zu einer Korrektur gekommen.
Das Stadtpräsidium hat die SP aber auch verloren.
Samuel Wüst hätte im ersten Wahlgang das absolute Mehr erreichen müssen. Dass die Stimmen aus der SVP im zweiten Wahlgang zu Marco Nuzzi gingen, damit musste gerechnet werden. Aber den Wähleranteil hat die SP praktisch halten können. Den achten Sitz im Parlament hatten sie 2018 nur mit einem hauchdünnen Vorsprung gewonnen, nun hat sie ihn mit einem hauchdünnen Rückstand wieder verloren. Verglichen mit der nationalen Partei hält sich der Verlust in Illnau-Effretikon in Grenzen.
Macht Ihnen diese Entwicklung Ihrer Partei Sorgen?
Ein wenig schon. Allerdings verliert die SP ihre Anteile vor allem an die Grünen und die Grünliberalen – das bereitet mir inhaltlich nicht sonderlich Bauchweh. Es ist wohl so , dass diese Parteien eher als jung und dynamisch gelten, die SP hingegen etwas überaltert oder als zu progressiv wirkt.
Ziehen Sie nun eigentlich einen finalen Schlussstrich unter die Politik?
Ich strebe jedenfalls kein neues Amt mehr an. In der Partei werde ich verbleiben – mal schauen, ob man noch eine Verwendung für mich hat.
Und wie werden Sie Ihren Ruhestand gestalten?
Das weiss ich noch nicht im Detail. Sicherlich werde ich mit meiner Frau dann und wann auf Reisen und mit Kollegen in die Berge gehen. Aber vor allem werde ich es geniessen, weniger Agenda-Einträge zu haben.
«Es ist ja schon speziell, wie ungemein vielgestaltig diese Gemeinde ist.»
Haben Sie denn nicht auch Respekt vor einer leeren Agenda?
Auf keinen Fall, ich ärgere mich bereits jetzt über jeden Eintrag, der neu dazukommt.
Sie haben Illnau-Effretikon als Historiker studiert, als Stadtpräsident haben Sie es mitgestaltet. Sind Sie auch ein wenig stolz darauf?
Als Historiker bin ich ursprünglich hierhergekommen, mit dem Auftrag, die Stadtchronik zu schreiben. Deshalb kenne ich die Geschichte unserer Stadt recht gut. Es ist ja schon speziell, wie ungemein vielgestaltig diese Gemeinde ist. Die Agglomeration in Effretikon, ein grosses Dorf wie Illnau, kleinere Dörfer wie Ottikon, Bisikon und Kyburg und dazu die vielen Weiler – da ist alles drin. Wir sind schon fast modellhaft für den Kanton Zürich. Deshalb liege übrigens auch unsere Abstimmungsresultate meistens sehr nahe am kantonalen Durchschnitt.
Das mag alles stimmen. Aber es beantwortet die Frage des Stolzes nicht.
Angesichts dieser vielfältigen Geschichte ist mein eigenes Kapitel darin relativ klein. Und eigentlich wäre es dann an einem anderen Historiker, dereinst diese Periode einzuordnen. Aber ich gebe zu, ein bisschen stolz bin ich schon.
