«Unsere Arbeitstage dauern oft von 5 Uhr bis Mitternacht»
Anfang April rechnete Patrick Vollenweider vom Talacherhof in Illnau noch damit, allenfalls bis Ende Mai warten zu müssen, um die ersten Erdbeeren zu ernten. Nun hat er aber schon länger alle Hände voll zu tun. «Im April waren die Pflänzchen noch eher im Rückstand», sagt er. «Doch mit dem schönen Wetter im Mai haben sie so dermassen aufgeholt, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.»
Es ist aber nicht nur die Wärme, die in diesem Jahr für einen fulminanten Start in die Erdbeersaison gesorgt hat. «Da es auch trocken war, hatten wir viel weniger Probleme mit Krankheiten oder Fäulnis», sagt Vollenweider.
Acht verschiedene Sorten
Dies sah im letzten Jahr anders aus. Die Regenperiode verdarb dem Landwirt einen grossen Teil der Ernte. «Im Normalfall pflücken wir rund zehn Tonnen Erdbeeren pro Saison. Im letzten Jahr waren es nur knapp sechs.» Aktuell rechnet er damit, dass er und sein Team in diesem Jahr die 10-Tonnen-Marke sogar knacken könnten.
Es gibt weit über 30 verschiedene Erdbeersorten, die sich in Geschmack und Grösse unterscheiden. «Und zu unterschiedlichen Zeiten reif sind», sagt Vollenweider. Auf dem Talacherhof werden acht verschiedene Sorten angebaut, um möglichst lange möglichst viele Früchte ernten zu können. So ist etwa «Glorielle» eine der ersten Sorten, die gepflückt werden kann, den Abschluss macht dann «Malvina».
Für den Kunden ist jedoch nicht ersichtlich, welche Sorte er gerade geniesst – weder beim Grossverteiler noch im Hofladen von Patrick Vollenweider. «Da wir nicht jeden Tag die gleichen Sorten ernten, ist auch unser Angebot nicht immer gleich. Wäre ein Kunde von einer Sorte so überzeugt, dass er nur noch diese kaufen wollte, müssten wir ihn oft enttäuschen.»
Schweizer Erdbeer-Saison steht in den Startlöchern
24.05.2022

Na endlich
Hätten Sie's gewusst? Beitrag in Merkliste speichern Zudem verändere sich der Geschmack der Früchte derselben Pflanze massiv. «Am Anfang verteilt die Pflanze den Zucker auf all ihre heranwachsenden Erdbeeren. Beginnen wir mir dem Pflücken, sinkt die Zahl der Früchte an einer Pflanze und somit steigt der Zucker, der fortan in die einzelnen, restlichen Erdbeeren fliesst.» So seien die Früchte am Anfang der Saison weniger süss als gegen Ende.
Patrick Vollenweider ist zwar weiterhin froh um warmes Wetter, hofft jedoch, dass die Nächte kühl bleiben. «Bei Nachttemperaturen über 20 Grad wächst die Pflanze auch in der Nacht weiter und verwendet den Zucker statt für die Reifung der Früchte für die Bildung neuer Blätter.»
Pflücken ist Profi-Sache
Bei der Familie Vollenweider sind neben Erdbeeren auch Brombeeren, Himbeeren oder Johannisbeeren im Hofladen erhältlich. Das Pflücken übernehmen dabei die Profis. «Wir haben aber gerade vor ein paar Tagen einmal mehr darüber gesprochen, ob wir nicht doch irgendwann mal das Selberpflücken als Angebot einführen wollen», sagt Patrick Vollenweider.
Bisher habe man sich dagegen entschieden, weil der Aufwand dafür sehr gross wäre. «Man muss als Betriebsleiter der passende Mensch dazu sein. Denn man muss die Besucher genau anweisen, welche Pflanzen auf dem Feld sie nun ernten dürfen, damit die Beeren gut wachsen können.» Dies sei er eher nicht.
Der Grund, warum er sich mit seiner Familie erst gerade beraten hatte, das Angebot trotzdem einzuführen, sind die mangelnden Erntehelfer. «Das sind wohl immer noch Corona-Nachwehen», sagt Vollenweider. «Und der Ukrainekrieg, nahe an den Ländern, aus denen die Helfer meistens stammen, kommt nun auch noch dazu.»
Vorbereitungen für nächste Saison laufen
Die passenden Menschen für das Management eines Feldes zum Selberpflücken sind Priska und Jürg Morf. Vor zehn Jahren haben sie den Betrieb des Erdbeerfeldes neben der Autobahnausfahrt Wangen/Dübendorf übernommen.
Während der rund sechswöchigen Hauptsaison für Erdbeeren von Mai bis Juli beginnen ihre Arbeitstage um 5 Uhr morgens und dauern oft bis Mitternacht. «Als erstes pflücken wir selber einen Teil der reifen Erdbeeren für den Direktverkauf», sagt Priska Morf. «Oft erhalten wir Bestellungen von älteren Menschen, die nicht mehr selber aufs Feld kommen können.»
Der Rest des Tages ist gefüllt mit der Beantwortung von E-Mails oder Anfragen – ganze Schulklassen kommen manchmal zum Pflücken –, der Koordination von Helfern oder dem Aufschalten der Informationen, ob und wann das Feld geöffnet ist. Die Hauptarbeit ist und bleibt aber der Verkauf der Erdbeeren während den Öffnungszeiten.
Zudem ist die Familie Morf bereits jetzt an den Vorbereitungen für die nächste Saison. «Wir erhalten die Erdbeersetzlinge in einem früheren Stadium, als die bekannten Pflänzchen im Einzelhandel», sagt Morf. Diese werden von ihnen gepflegt, bis sie Ende Juli aufs Feld ausgepflanzt werden – und die alten Pflanzen zuvor untergepflügt.
Stroh als Hygienebarriere
Bis es soweit ist, hofft Priska Morf noch auf möglichst wenig Regen. Zwar ist auch sie grundsätzlich zufrieden mit dem Start der Erdbeersaison. Aber: «In der letzten Zeit regnet es doch wieder mehr, unsere frühesten Sorten haben derzeit mit Fäulnis zu kämpfen.»
Darum seien sie auf die Hilfe ihrer Kunden angewiesen. «Sie werden beim Eingang angewiesen, angefaulte Früchte abzulesen und unter das Stroh zu legen, das auf den Gehwegen zwischen den Pflanzenreihen verstreut ist.» Dadurch wird die Pflanze entlastet und der Boden zugleich gedüngt.
Das Stroh hat noch eine weitere Funktion: Sie sorgen dafür, dass die Erdbeeren nicht auf der Erde liegen und sauber bleiben. «Dies zum Schutz vor Krankheiten», erklärt Morf.
«Natürlich haben auch wir schon viel schlechte Erfahrung gemacht.»
Priska Morf
Die Arbeit auf und für das Selbstpflückfeld sei manchmal schier endlos. «Das ist wohl auch der Grund, dass es immer weniger Felder gibt, wo man selber Erdbeeren ernten kann.» Dazu kämen auch die negativen Seiten der Selbstbedienung. «Natürlich haben auch wir schon viel schlechte Erfahrung gemacht mit Personen, die entweder nicht bezahlt oder ein riesiges Chaos hinterlassen haben.»
Doch sie und ihr Mann würden sich an den vielen guten Seiten festzuhalten. «Der Grossteil der Kunden hat mega Freude und ist sehr dankbar für unser Angebot.»
In diesem Jahr findet zudem zum vierten Mal das «Single-Pflücken» statt. Am Sonntag, 5. Juni, verwandelt sich das Feld von 17 bis 18 Uhr in eine Datingplattform – in den vergangenen Jahren waren es bis zu 200 Personen, die zwischen den Pflänzchen die grosse Liebe suchten. «Bisher haben sich immer viel mehr Frauen angemeldet als Männer», sagt Priska Morf. «Bei anderen Datingplattformen ist das oft umgekehrt.»
Weitere Informationen zum Talacherhof via www.talacherhof.ch und zum Wangemer Erdbeerfeld via www.erdbeerfeld.ch.
