Dieser Wetziker besitzt das allererste Interrail-Billett
Es war der 10. Februar 1972, als Jürg Streuli als 20-Jähriger das Interrail-Ticket 00001 im Zürcher Hauptbahnhof für 275 Franken erwarb. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, was für ein besonderes Stück Papier er da in die Hand gedrückt bekam. Es besitzt heute schon fast Kultstatus. «Wenn ich das Ticket heute betrachte, kommen in mir all die tollen Erinnerungen von damals wieder hoch», erzählt Streuli.
«Mit den heutigen Billigflügen kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie teuer es früher für junge Leute war, eine längere Reise ins Ausland zu machen.»
Jürg Streuli, Besitzer des ersten Interrail-Tickets
Der heute 69-Jährige Pensionär war selbst 18 Jahre lang für die SBB in verschiedensten Funktionen tätig. Er ist noch heute dankbar, dass ihm der Interrail-Pass ermöglichte, in jungen Jahren zum ersten Mal eine grössere Reise ins Ausland zu unternehmen. «Mit den heutigen Billigflügen kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie teuer es früher für junge Leute war, eine längere Reise ins Ausland zu machen», sagt Streuli.
Ab in den Norden
Das Abenteuer wollte der schon in jungen Jahren reiselustige Wetziker gemeinsam mit einem Freund bestreiten. Für die beiden war klar, dass ihre erste Reise in den Norden gehen würde. Sie endete nördlich des Polarkreises in Narvik in Norwegen am Ende der berühmten Erzbahn.
«Unser erster Zwischenhalt war in Westberlin, wo wir die Absperrungen bestaunten und uns die Zöllner der ehemaligen DDR beim Grenzübertritt mit strengen Blicken betrachteten», erinnert sich Streuli. Bei ihm selbst ist ein etwas spezieller Eindruck von damals haften geblieben. «Die DDR-Hauptstadt schien zwar zu funktionieren, doch spürte man das strikte Regime.»
«Für mich als junger Eisenbahnfan war es toll, diese technische Meisterleistung erstmals bestaunen zu können.»
Jürg Streuli, Besitzer des ersten Interrail-Tickets
Von Berlin ging es für die beiden Freunde weiter nach Stockholm, wobei die Schlafwagen von Sassnitz nach Trelleborg über die Ostsee verschifft wurden. «Für mich als junger Eisenbahnfan war es toll, diese technische Meisterleistung erstmals bestaunen zu können», sagt Streuli.
Von Stockholm führte die Reise weiter über Kiruna nach Narvik. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verliebte sich Streuli in die Natur von Norwegen. Diese Liebe hält bis heute an – der Wetziker hat wegen dieses ersten Besuchs über die Jahre sogar Norwegisch gelernt und spricht die Sprache mittlerweile fliessend.
Nicht nur freudvolle Momente
Wenn Streuli von seinen Reiseerlebnissen erzählt, kommen ihm auch schwierige Momente in den Sinn: «Manchmal haben wir uns in den Städten die Füsse wund gelaufen, da wir auf der Suche nach dem billigsten Hotel waren.» Er selbst sei kein Freund von Übernachtungen unter freiem Himmel im Schlafsack gewesen. «Es gab junge Leute, zum Beispiel in Kopenhagen, die einfach bei den Bahnhöfen übernachteten», sagt Streuli. Solche Bilder hätten den Interrailpass zuweilen in Verruf gebracht, als die fast unbegrenzten Reisemöglichkeiten in den 70er-Jahren bei jungen Reisehungrigen einen Boom auslöst hatten.
Bald ein Werbeträger?
Erst kürzlich traf sich Jürg Streuli mit der Chefin des Personenverkehrs der SBB, Véronique Stephan. Sie möchte ihn eventuell für die momentan laufende Interrail-Werbekampagne einspannen, die im Rahmen des 50-Jahr-Jubiläums von Interrail läuft. «Ob es dazu kommt, kann ich nicht sagen», meint Streuli. Auf alle Fälle hat er bereits zwei Interrail-Tickets für die 1. Klasse geschenkt bekommen. Der Pensionär beabsichtigt, diese gemeinsam mit einem Freund für eine Reise nach Norwegen zu nutzen.
Um 1972 das 50-jährige Bestehen des Internationalen Eisenbahnverbands (UIC) zu feiern, entschlossen sich europäische Bahnen in 21 Ländern dazu, den Interrail-Pass als eimaliges Angebot für bis unter 21-Jährige anzubieten. Es war plötzlich möglich, zu einem sehr geringen Preis von Narvik bis nach Athen oder von Lissabon bis Warschau zu reisen. Als durch das damals nur für ein Jahr gültige Angebot eine Reisewelle in Europa ausgelöst und 87’000 Tickets verkauft wurden, entschloss man sich, den Interrail-Pass dauerhaft einzuführen. Momentan sind die SBB dabei, mittels einer Werbekampagne wieder auf die Vorzüge von Interrail aufmerksam zu machen.
