Wurden in Gossau Bäume gefällt, um eine Deponie zu bauen?
Meterhohe Beigen von Baumstämmen und zerfurchter Boden zeugen davon, dass im Wald Oberrüti nahe der Strasse zwischen Gossau und Oetwil Anfang März massiv geholzt worden ist.
Was gemeinhin als Kahlschlag tituliert würde, sei gar keiner, wie Isabelle Rüegg von der Medienstelle der kantonalen Baudirektion ausführt. Kahlschläge sind nämlich grundsätzlich verboten. Hier habe es sich auf einer Fläche von 16 Aren aber um eine «Holznutzung eines instabilen Fichtenbestandes» gehandelt. Dafür sei auch keine Bewilligung des Kreisforstamtes nötig gewesen.
Platz für Bauschutt
Die Fällaktion hat Maya Henzi aber gleichwohl auf den Plan gerufen. Sie wohnt im 500 Meter entfernten Mönchaltorfer Weiler Burg und geht regelmässig mit ihren Hunden in diesem Gebiet spazieren. Und sie hat einen Verdacht: «Musste der Wald abgeholzt werden, um das Deponieprojekt ohne Waldproblem verfolgen zu können?»
In der Leerüti ist nämlich eine Inertstoffdeponie geplant. Abgelagert werden soll dort dereinst beispielsweise mineralischer Bauschutt. Seit 1995 trägt sich die Wiedag Recyling und Deponie AG mit dieser Idee. Sie betreibt bereits die Deponie Chrüzlen auf Oetwiler Boden. «Der Widerstand in der Bevölkerung war gross, als 2007 das Projekt genauer bekannt wurde. Innert kürzester Zeit wurden 5500 Unterschriften gegen dieses Vorhaben gesammelt», erinnert sich Henzi.
Vergrösserung der Deponie noch offen
Doch der Deponiestandort schaffte es in den Richtplan in einer Grösse von 5 Hektaren mit einem Volumen von 500’000 Kubikmetern. Christoph Hess, Geschäftsführer und Eigentümer der Wiedag, hat allerdings noch Grösseres vor. Die geplante Deponie Leerüti soll auf 12 Hektaren erweitert werden. Das Volumen würde auf 1,3 Millionen Kubikmeter ansteigen.
Die dafür nötigen Grundstücke – Wiesland und Waldparzellen – auf Gossauer, Egger und Mönchaltorfer Boden hat er bereits erworben oder hat für sie ein Auffüllrecht. Die Vergrösserung muss vom Kantonsrat allerdings erst noch abgesegnet werden.
Wann das sein wird, kann Hess auch nicht sagen. Er hofft aber darauf, dass der Entscheid für eine erweiterte Deponie möglichst bald fällt: «Wir haben jedoch keinen Einfluss auf die Traktandenliste des Kantonsrates.» Ist der Beschluss dann gefällt, will Hess rasch den für die Deponie nötigen Gestaltungsplan einreichen, «denn es gibt immer weniger Deponien oder die bestehenden Deponien sind bald voll.»
Widerstand gegen Vorgehen
Das Pikante an der «Holznutzung»: Die Waldpartie, wo jetzt eben keine Bäume mehr stehen, wäre wie einige andere Waldstücke von einer erweiterten Deponie betroffen. «Hat der zukünftige Betreiber der Deponie gemerkt, wie schwierig es ist, eine Deponie im Wald – siehe Tägernauer Holz – erstellen zu wollen? Hat er jetzt schon Tatsachen schaffen wollen?», fragt sich Maya Henzi. Sie und eine Gruppe, die sich «um die Natur kümmern», wollen jedenfalls «das rücksichtslose Vorgehen nicht einfach so hinnehmen».
Hess stellt diesen Vorwurf in Abrede. Der Holzschlag habe keinen Zusammenhang mit den Deponieplänen. Für die Gründe verweist er auf die Auskünfte der Medienstelle der Baudirektion.
Für die Idee einer Therapeutin des nahen Pferdestalls Hottental, die mit Kindern auf dem Schlag junge Bäume pflanzen möchte, hat er kein Gehör. Mindestens nicht zum jetzigen Zeitpunkt. «Ich habe ihr erklärt, dass wir jetzt auf die nötigen Entscheide des Kantonsrates warten, damit beurteilt werden kann, wann und wie es weiter geht. Wir unterstützen das grundsätzlich, aber es wäre zum jetzigen Zeitpunkt falsch, ‘junge Bäume’ zu pflanzen, welche dann womöglich wieder ausgerissen werden müssten, damit eine Deponie entstehen kann», schiebt Hess nach. Es sei doch besser, solche Bäume gleich am richtigen Ort anzupflanzen.
Isabelle Rüegg von der Medienstelle der kantonalen Baudirektion dagegen hat einen konkreten Vorschlag für Wiedag-Geschäftsführer Hess: «Wir würden den Eigentümern empfehlen, die Fläche mit natürlich aufkommenden Baumarten wieder zu bestocken. Übrigens kommen bereits viele junge Weisstannen und auch Laubhölzer auf.»
«Einer der gesündesten Baumbestände»
Für Kopfschütteln sorgt das Abholzen auch bei Bauer Heinrich Wintsch. Er ist als Nachbar unmittelbar von der Deponie betroffen.
«Es ist zum Heulen. Dieser Holzschlag erfolgt ‘per Zufall’ genau an jener Stelle», meint Wintsch, der auch seit 32 Jahren als SVP-Vertreter im Gossauer Gemeinderat sitzt und dort das Ressort Umwelt betreut. «Das war einer der gesündesten Baumbestände im Umfeld der geplanten Deponie.»
Problem mit geplanter Zufahrt
Auf Hess ist er nicht gut zu sprechen. Dies hängt vor allem mit der geplanten Deponiezufahrt zusammen. Sein Favorit unter den zehn ursprünglich vorgelegten Varianten ist bereits früh ausgeschieden – weil dafür einige Bäume hätten gefällt werden müssen.
Die vom künftigen Deponiebetreiber bevorzugte Strecke würde seinen Betrieb entzweischneiden. «So würde nicht nur Kulturland verschwinden. Mein ganzer Weidebetrieb wäre nicht mehr möglich.» Hinzu käme der Staub, der auf dem Tierfutter landet. Letztlich gelte es abzuwägen, ob nicht besser bestehende Flurwege genutzt würden statt zusätzliches Kulturland in Anspruch zu nehmen.
Angst vor Salamitaktik
Der Bauer sieht die Notwendigkeit solcher Deponien. «Ich bin lösungsorientiert unterwegs», sagt Wintsch. Aber es gehe um die Verhältnismässigkeit. Er glaubt, dass es auch in der Leerüti zu einer Salamitaktik komme. Nach und nach würden weitere Erweiterungen der Deponie beantragt. In der Chrüzlen oben ist mittlerweile die siebte Etappe der Erweiterung im Gang.
Die kleine Deponie wäre während zehn Jahren in Betrieb. In der grösseren Ausführung sind bereits 30 Jahre veranschlagt. Aber am Schluss seien es dann 50 Jahre, mutmasst Wintsch. Er rechnet damit, dass Hess im Sommer den Gestaltungsplan für die Deponie einreiche und bereits in zwei Jahren loslegen wolle. Als Direktbetroffener ist er einspracheberechtigt.
Kampf gegen Deponienflut
Ein Wort mitzureden haben wird auch die Gemeinde Gossau. «Mit der Deponie würde ein 20 Meter hoher Berg aufgeschüttet – und das in einer geschützten Drumlinlandschaft», meint Gemeinde- und Kantonsrätin Elisabeth Pflugshaupt (SVP). Sie sorgt sich auch um den Verlust von Fruchtfolgeflächen. Der Gemeinderat werde sich jedenfalls dafür einsetzen, dass die Zufahrt zur geplanten Deponie vereinbar sei mit der Landwirtschaft und den dortigen Betrieben.
Und es sei das erklärte Ziel Gossaus, dass im Richtplan der Grundsatz Eingang finde, dass in einer Gemeinde gleichzeitig nur eine Deponie in Betrieb sei, egal welcher Kategorie. Damit spielt Pflugshaupt auf die in nur einem Kilometer Entfernung geplante Deponie Tägernauer Holz an, die auf Gossauer und Grüninger Boden zu liegen käme. Diese soll mitten im Wald angelegt werden.
Gegen Schnellschuss im Tägernauer Holz
Und gegen diese Deponie richtet sich aktuell das politische Engagement der Gossauer Gemeinderätin auf kantonaler Ebene. Zusammen mit zwei anderen Kantonsräten hat sie vor wenigen Tagen ein dringliches Postulat eingereicht – «Kein Schnellschuss bei der Deponie Tägernauer Holz».
Dieser Vorstoss ist von 79 Ratsmitgliedern mitunterzeichnet worden und damit mehrheitsfähig. Er hat zum Ziel, dass der Regierungsrat mit dem Festsetzen des Gestaltungsplanes für die Deponie zuwartet, bis eine kantonale Gesamtplanung für die Kehrrichtschlacken-Deponien besteht.
Ohne dieses Stoppsignal befürchtet Pflugshaupt, dass die ZAV Recycling AG als Betreiberin der Schlacken-Deponie deren Realisierung weiter vorantreibe. Der Weg dazu ist im Moment nämlich frei, hat das Bundesgericht doch den Kantonsratsbeschluss aus der Richtplanrevision von 2016 aufgehoben.
Und somit gilt wieder der ursprüngliche Richtplaneintrag von 2009. Nach diesem könnte eine Deponie mit einem Volumen von 750’000 Kubikmeter sofort in Betrieb genommen werden und die Kezo Hinwil dort die Schlacke lagern.
Verdoppelung des Volumens
2016 hatte der Kantonsrat das Deponievolumen im Tägernauer Holz noch auf 1,5 Millionen Kubikmeter verdoppelt. Er beschloss damals aber gleichzeitig, dass die Deponie erst in Betrieb genommen werden soll, wenn die übrigen Deponievolumina für Kehrrichtschlacke im Kanton ausgeschöpft sind.
«Ohne unser Postulat hätte der Regierungsrat keine Handhabe, um den Gestaltungsplan zu bremsen, den die ZAV Recycling AG noch einreichen muss.» Von der Betreiberin erwartet Pflugshaupt «eine umsichtige, nachhaltige und naturverträgliche Planung». Vielleicht erkenne die ZAV Recycling AG ja auch, dass die Schlackedeponie in dieser Grössenordnung längerfristig gar nicht mehr nötig sei.
