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«Nicht einmal Hitler brachte einen solchen Alleingang zustande»

Im Maurmer Wettsteinhaus haben der emeritierte Professor Carsten Goehrke und Jefrem Lichtenschtejn Einblicke in den Krieg in der Ukraine gegeben – letzterer in einer Liveschaltung aus Kiew.

Liveschaltung nach Kiew: Benjamin Goldschmidt (links) und der Osteuropa-Experte Carsten Goehrke., Carsten Goehrke war der erste Ordinarius für Osteuropäische Geschichte in der Schweiz.

Fotos: Christian Brändli

«Nicht einmal Hitler brachte einen solchen Alleingang zustande»

Kühl und karg präsentiert sich das Versammlungslokal, in dem am Dienstag die SP Maur ein Podium zum Ukrainekrieg durchführt. Der ehemalige Kuhstall des Wettsteinhauses hat das Flair einer der vielen Schutzbauten, in denen sich zurzeit viele Ukrainer befinden – und unterstreicht damit die Ernsthaftigkeit des Themas.

«Vor zwei Wochen noch hätte ich diesen Angriff nicht für möglich gehalten», sagt der 84-jährige Carsten Goehrke. 1971 war der in Pommern aufgewachsene Deutsche an die Universität Zürich berufen worden, als erster Ordinarius für Osteuropäische Geschichte in der Schweiz. «Der Einmarsch kam aber auch für Russland überraschend», erklärt der emeritierte Professor, der seit vielen Jahren in Maur daheim ist.

«Einmalig in der Geschichte»

Als «einmalig in der Geschichte» bezeichnet er vor den rund 25 Zuhörern den Umstand, dass dieser Krieg von gerade einmal fünf Leuten befohlen worden sei. Kabinett und Duma seien aussen vor gelassen worden. «Nicht einmal Hitler brachte einen solchen Alleingang zustande.»  

Kühl und nüchtern wie in einem Schutzraum: Carsten Goehrke referierte im ehemaligen Kuhstall des Wettsteinhauses.

Möglich geworden sei dies wohl durch die in den letzten Monaten enorm gesteigerte Repression in Russland, so Goehrke. «Eigentlich bleibt den Russen nur noch die Freiheit auszureisen.» Das hätten im vergangenen Jahr auch viele genutzt: Alleine 70’000 der bestausgebildetsten Russen verliessen 2021 ihr Land. Und jetzt flüchteten viele Petersburger nach Finnland, da sie eine Schliessung der Grenzen befürchteten.

Putins Unterstützer im russischen Rust Belt

Die gebildeten Russen sind in erster Linie in einer der russischen Millionenmetropolen daheim. Und deren Einwohner – auf rund ein Drittel der Bevölkerung schätzt Goehrke der Anteil – wüssten auch, was im Westen laufe.

Einen weiteren Drittel verortet er in den alten sowjetischen Industriegebieten, zu denen auch der Donbass in der Ukraine gehört. Deren Einwohner seien sowjetnostalgisch, da es ihnen damals besser gegangen sei. Der Osteuropaexperte vergleicht diese Gebiete mit dem Rust Belt in den USA. Während dessen Einwohner die politische Basis von Trump waren, seien die russischen Industriearbeiter Putin-Unterstützer.

«Die Demokratie hat in Russland keine Chance», meinte Carsten Goehrke im Aescher Wettsteinhaus.

Das letzte Drittel, das Elendsdrittel, sei in den weiten Ebenen, in den russischen Dörfern zu finden. Jene Leute seien desillusioniert, schlecht gebildet – mit einer hohen Analphabetenrate -, teils arbeitsscheu und apolitisch.       

Ungeliebte Demokratie

Moderator Benjamin Goldschmidt, der selbst über Osteuropaerfahrung verfügt, will von Goehrke wissen, wie es die Russen denn mit der Demokratie halten. «Die Demokratie hat in Russland keine Chance», lautet dessen Fazit. Es habe zwei demokratische Phasen in der Geschichte Russlands gegeben. Vor allem jene in den 1990er Jahren unter Jelzin sei eine chaotische Zeit gewesen. Daher werde Demokratie noch heute mit Chaos in Verbindung gebracht und einem autoritären Staat der Vorzug gegeben.

Der Maurmer Geschichtsexperte meint, dass für Putin wohl seit mindestens einem Jahr klar gewesen sei, dass er die Ukraine angreifen werde. «Während Corona entstand bei ihm ein Tunnelblick. » Damit sei es auch zu erklären, dass er ein völlig veraltetes Bild der Ukraine gehabt habe und auch eine komplette Fehleinschätzung des Westens vorgenommen habe. Er sei wohl davon ausgegangen, dass es auch diesmal «nur ein paar Sanktiönli» absetze, zumal die Nato nur noch ein Papiertiger und die EU ein zerstrittener Haufen sei.

Partisanentradition in der Ukraine

«Den Krieg gewinnt Putin nicht», lautet das Urteil Goehrkes. Er könne mit seinen Truppen vielleicht ukrainische Grossstädte kontrollieren. Doch die ukrainische Armee werde sich in andere Gebiete zurückziehen und weiterkämpfen. Er erinnert auch daran, dass in der Ukraine das Partisanentum über eine gewisse Tradition verfüge.  

Nachdem viele eigentlich russischsprachige Ukrainer gerade wegen Putins Angriff zum Ukrainischen gewechselt hätten, lanciere Putin eine Rachefeldzug gegen die «Klein-Russen», die sich nun von den «Gross-Russen» abwenden würden.

Die Russen seinen das einzige Volk, das Putin noch stoppen könne, führt Goehrke aus. Allerdings glaubt er, dass dieser Widerstand vor allem von der wirtschaftlichen und politischen Elite kommen werde. «Je länger die Wirtschaftssanktionen anhalten, desto grösser wird deren Frust.»

Galgenhumor in Kiew

Zum Abschluss des Abends stellt Goldschmidt eine Videoschaltung zu einem Bekannten her, der in der Nähe von Kiew zu Hause ist. Und so können die anwesenden Maurmer Jefrem Lichtenschtejn, der von der aktuell nur sechs Kilometer entfernten Frontlinie entfernt wohnt, Fragen stellen. Dessen Geschäft – er übersetzt eigentlich englischsprachige Computerspiele ins Russische – liegt zurzeit flach. Er sorgt daheim für seine Mutter, die nicht transportfähig ist.

Direkter Draht nach Kiew: In einer Videoschaltung konnten Maurmer mit Jefrem Lichtenschtejn (auf Laptop) sprechen.

Trotz der schwierigen Lage hat sich Lichtenschtejn seinen Galgenhumor bewahrt. Das Nächste, das er bisher vom Krieg mitbekommen habe, seien Raketenteile, die bei der örtlichen Bahnstation niedergegangen seien. Und zusätzlichen Krach. Sein Leben jetzt sei etwas wie während der Corona-Quarantäne. In Kiew sei die Stimmung jedenfalls «cool», selbst viele Läden seien noch geöffnet.

Gute Moral

Und er weist auf die riesige Schar von Freiwilligen hin, die in allen Bereichen Hilfe böten. Auch die Moral unter den Soldaten sei gut. «Sie denken, dass sie eine Chance haben – und diese nutzen sie.» Dann schiebt er nach: «Aber sie haben auch gar keine grosse Wahl.» Auch Präsident Selenski, den er bei dessen Wahl nicht unterstützt habe, zeige in dieser Krise eine fantastische Performance. «Das verlangt grossen Respekt.»

Lichtenschtejn bedankt sich für die Unterstützung durch den Westen – und die Maurmer entlassen ihn mit den besten Wünschen und Applaus in die Nacht.  

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