Wenn ein latenter Atomkrieg Einzug in die Dübendorfer Theaterbeiz hält
Der Dübendorfer Verein Theater Einhorn hat mit seiner Bühnenaufführung «Die Physiker» am Freitagabend den Nerv der Zeit getroffen – wenn auch unabsichtlich. Denn Friedrich Dürrematts verfasste das Stück in einer Zeit, in der die Welt mit der Angst vor einem Atomkrieg lebte und diese nukleare Bedrohung ist auch Teil des Werks aus den 60er-Jahren. Dieses grausame Säbelrasseln hat jüngst einseitig der russische Präsident Wladimir Putin im Ukrainekrieg wieder ins Gedächtnis der Menschheit gehämmert.
So war das Thema denn auch bei der Premiere im Restaurant Hecht in Dübendorf sowohl bei den 104 Besucherinnen und Besuchern als auch bei den Theaterverantwortlichen omnipräsent.
«Die Leute setzen sich wieder mehr mit dem Stück auseinander und mit der Bedrohungslage, die damals herrschte.»
Sonja Randjelovic, Schauspielerin und Mediensprecherin Theater Einhorn
Auch Sonja Randjelovic, die für die Kommunikation des Theater Einhorns verantwortlich ist und am Freitag auf der Bühne als Krankenschwester Monika Stettler auftrat, ging die weltpolitische Entwicklung während der letzten Proben im lokalen Dübendorf nahe.
Auf Anfrage sagt sie dazu: «Das Ganze hat plötzlich eine Aktualität bekommen, mit der wir nicht rechnen konnten.» Denn eigentlich habe der Verein mit den Proben für das Stück anlässlich von Dürrenmatts 100. Geburtstag im letzten Jahr begonnen. «Die Präsenz des Krieges und damit eine sehr negative Seite hat dann plötzlich Einzug in unsere Proben genommen.»
Dürrenmatts Vermächtnis
Zuletzt seien sie auch bei der Hauptprobe von Leuten aus dem Publikum auf den Bezug zwischen Dürrenmatts Werk und der aktuellen Lage angesprochen worden. «Die Leute setzen sich wieder mehr mit dem Stück auseinander und mit der Bedrohungslage, die damals herrschte. Gerade für ältere Menschen, die noch mitten in der Zeit des Kalten Krieges gelebt haben, kommt das beklemmende Gefühl von damals wieder zurück», sagt Randjelovic.
Das Theater Einhorn nutzt nun die Gelegenheit, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. Am Eingang hat der Verein eine Kasse aufgestellt, um Geld zu sammeln. «Der Verein stockt den Betrag am Ende mit einem Beitrag auf und lässt die Summe dann der Glückskette zukommen», sagt Randjelovic.
Während der Vorstellung im Saal des Restaurants Hecht, bot sich kaum Gelegenheit dem Thema Krieg zu entfliehen. So liess etwa die Passage von Schauspieler Beat Schwab «So vermag heute jeder Esel eine Glühbirne zum Leuchten bringen – oder eine Atombombe zur Explosion», eine Dame im Publikum zum leisen Kommentar «Ja, leider» hinreissen.
Und als Martha Mauchle in ihrer Rolle als Fräulein Doktor von Zahnd sprach: «Die Rechnung ist aufgegangen. Nicht zugunsten der Welt, aber zugunsten einer alten, buckligen Jungfrau», blieb auch dies auf den Zuschauerplätzen nicht unkommentiert: «Hoffentlich geht die Rechnung für den Russen nicht auf.»
«Die Macht des Wortes sind Dürrenmatts Erben heilig.»
Claudia Herzog, Vereinspräsidentin Theater Einhorn
Die 15 Schauspielerinnen und Schauspieler führten «Die Physiker» auf schweizerdeutsch auf. Was nicht ganz unproblematisch ist, wie Vereinspräsidentin Claudia Herzog am Freitagabend verriet. «Die Macht des Wortes sind Dürrenmatts Erben heilig. Unsere Fassung musste so nah wie sprachlich möglich dem Original entsprechen.»
Kleine Ausnahmen machte das Ensemble dennoch. So wurde etwa die Biografie des Missionars kurzerhand von Pfarrer in Guttannen zu Pfarrer in Volketswil geändert und die Gemeindeschwester stammt nicht mehr aus Blumenstein sondern aus Schwerzenbach.
«Ich bin kein Fan solcher Änderungen», sagte Herzog, «aber mein Team sagt, dass das beim lokalen Publikum gut ankommt – und es stimmt.»
Das Theater Einhorn führt Friedrich Dürrenmatts Stück «Die Physiker» noch bis zum 25. März auf. Die Abendvorstellungen finden im Saal des Restaurants Hecht, Bahnhofstrasse 28, in Dübendorf statt. Tickets und weitere Informationen sind über die Internetseite des Vereins www.theatereinhorn.ch zu finden.
