Wie drei Herausforderer «Dübai» regieren wollen
Der linke Sachpolitiker mit Freude am breiten Diskurs, der Mehrwertschaffer mit einem Rucksack voller Fragen und der bürgerliche Bewahrer und KMU-Freund, dem das Amt eine Ehre wäre – das waren die Stichworte, die man den drei Stadtratskandidaten nach der Vorstellungsrunde auf dem Podium zuordnen konnte.
Spannende Ausgangslage in Dübendorf
01.03.2022

Wahl in den Stadtrat
In Dübendorf stehen sowohl in den Stadtrat als auch ins Stadtpräsidium Kampfwahlen an. Beitrag in Merkliste speichern Anwesend waren am Mittwochabend (von links nach rechts): Ivo Hasler (SP), Adrian Ineichen (FDP) und Daniel Griesser (SVP). Dazu 30 Zuschauer auf den Sitzreihen im Lindensaal – und Moderator Benjamin Rothschild, der als ehemaliger stellvertretender Chefredaktor der Zürcher Oberland Medien und Leiter des «Glattalers» während mehreren Jahren ein Stahlbad in Sachen Lokal- und Regionalpolitik genossen hat.
«Ein Grossteil der Familien- und Freiwilligenarbeit lastet nach wie vor auf den Frauen.»
Ivo Hasler (SP), Stadtratskandidat
Nicht anwesend waren die vier bisherigen Stadträte, die am 27. März wieder antreten werden. Dito die Gruppierung Aufrecht Dübendorf, die mit zwei Vertretern in die Kampfwahl geht, sich aus Kostengründen aber nicht an der Veranstaltung beteiligen wollte. Immerhin wurde einer der Kandidaten später nicht weit vom reformierten Kirchgemeindezentrum in einem Lokal gesichtet.
Männer sprachen über Frauen
Und es fehlten die Frauen, denn die Dübndorfer Stadtratswahl ist dieses Jahr reine Männersache – wenn man mal davon absieht, dass Primarschulpräsidentin Susanne Hänni (GLP/GEU) wohl auch nächstes Jahr von Amtes wegen im Stadtrat sitzt.
Die Suche nach den Gründen brachte kein eindeutiges Ergebnis. Hasler sah eine mögliche Ursache in der «nach wie vor patriarchalen Gesellschaft», weil ein Grossteil der Familien- und Freiwilligenarbeit auf den Frauen laste. Ineichen wiederum vermutete «eine gewisse Scheu, sich ins Rampenlicht zu stellen».
Griesser verwies darauf, dass mit Jacqueline Hofer aktuell die einzige direkt in den Dübendorfer Stadtrat gewählte Frau aus seiner Partei stammt, womit er eigentlich im feministischen Lager hätte punkten können. Doch dann sagte er eben auch noch, es komme gar nicht auf das Geschlecht einer Person an. Einig war man sich darin, dass es nicht an der Kompetenz potenzieller Kandidatinnen liegen könne.
Was solls denn sein – Stadt oder Dorf?
Dann ging es um die Frage, welche Richtung die Entwicklung Dübendorfs nehmen sollte, also Stadt werden – Rothschild nannte das Stichwort «Dübai» wegen der Skyline im Westen der Stadt – oder Dorf bleiben? Griesser meinte, er erlebe Dübendorf als Stadt mit einem dörflichen Herz, und jetzt müsse das Credo sein, die Leute in den Neubauquartieren «im Dorf zu empfangen». Letztlich könne man es aber nicht beeinflussen, ob die Zuzüger nur hier schlafen oder aber eine Familie gründen wollten.
«Die Herausforderung wird sein, dass wir nicht zu einem Slum oder einer gesichtslosen Betongrossstadt verkommen.»
Adrian Ineichen (FDP), Stadtratskandidat
Ineichen unterstützte grundsätzlich die Stossrichtung des derzeitigen Stadtrats, das gut erschlossene Siedlungsgebiet in der Stadt zu verdichten. Die Ortsplanrevision gehe in einigen Punkten aber zu weit, etwa in Bezug auf die detaillierten Vorschriften für Dachtypen oder die Bepflanzung. Dies verkompliziere oder behindere die Entwicklung.
«Die Herausforderung wird sein, dass wir nicht zu einem Slum oder einer gesichtslosen Betongrossstadt verkommen.» Letztlich sei es aber ohnehin im Interesse der Investoren, Siedlungen zu bauen, die auch längerfristig attraktiv seien, so Ineichen.
Nötige Einmischung oder Nötigung?
Den Steilpass nahm Hasler gerne auf: «Bei unseren Mietzinsen mache ich mir keine Sorgen wegen einer Verslumung», sagte er – und konterte Ineichens Vertrauen in den Markt. In Dübendorf herrsche ein dermassen grosser Mangel an Wohnraum, dass die Investoren gar keine Qualität liefern müssten.
Sorgen machte sich Hasler auch wegen der Gentrifizierung. Die geplante «massive» Aufzonung in gewissen Quartieren werde dazu führen, dass Häuser mit günstigem Mietzins durch Neubauten ersetzt würden. Er befürwortete deshalb die Pläne des Stadtrats, auf gewissen Parzellen bei einer Mehrausnützung einen Anteil günstiger Wohnungen vorzuschreiben, forderte aber noch mehr staatliche Eingriffe ein.
Griesser wiederum befürchtete, dass Vorschriften für günstigen Wohnraum Investoren abschrecken könnte und sprach diesbezüglich von «Nötigung». Dass die Alteingesessen durch die Entwicklung verdrängt würden, glaubt er nicht.
«Vielleicht braucht es doch noch eine Piste für die Flieger, die wir dann mal bestellen.»
Daniel Griesser (SVP), Stadtratskandidat
Ineichen meinte: «Wir müssen etwas machen.» Das aber «marktkonform». Wenn ein privater Entwickler einen Teil günstige Wohnungen anbieten möchte, müsse als Gegenleistung der Ausnützungsbonus grösser sein als aktuell vom Stadtrat vorgesehen.
Innovationspark polarisierte
Und schon war man beim Thema Innovationspark, der von Griesser erst einmal als «völlig überbewertet» abgekanzelt wurde. «In der heutigen vernetzten Welt braucht es keinen Park, um innovativ zu sein», sagte er und sprach sich dafür aus, das Land auf dem Militärflugplatz nicht zu überbauen und stattdessen kommenden Generationen zu überlassen. Mit Hinweis auf den Krieg in der Ukraine meinte er schliesslich, dass es vielleicht doch noch eine Piste brauche für die Flieger, «die wir dann mal bestellen».
Hasler sprach sich im Grundsatz für den Innovationspark aus, kritisierte aber, dass das der Tech-Park isoliert betrachtet werde. Die prognostizierten 14’000 Angestellten müssten auch irgendwo wohnen, und dieses Thema werde ausgeklammert. Der Innovationspark habe einen grossen Einfluss auf die Stadt, und deshalb müsse man die Möglichkeit haben, darauf zu reagieren. «Sonst haben wir dort eine monothematische Stadt mit einem riesigen Verkehrsproblem.»
Ineichen beschwichtige. Die Entwicklung des Areals sei ein Generationenprojekt mit Auswirkungen, die man gar noch nicht voraussehen könne. Die Pläne bezeichnete er als «Riesenchance» für Dübendorf. Die Leute im Innovationspark gingen essen, benötigten Handwerker oder auch mal einen Arzt. Gleichzeitig hinterfragte er aber eine mögliche Wohnnutzung. Weil die Forschung nicht immer emissionsfrei sei, könne diese zu Nutzungskonflikten mit Anwohnern führen.
Erstaunlich: SP und SVP einig
Gegen Ende der Diskussion durften sich die Kandidaten noch an der Dübendorfer Verkehrspolitik im Allgemeinen und Tempo 30 im Speziellen abarbeiten, bis es dann in der – recht kurzen – Fragerunde zu einem versöhnlichen Abschluss kam.
So richtete der im Publikum anwesende SVP-Gemeinderat Orlando Wyss eine Kritik in Sachen Wohnbaupolitik an die Adresse von Hasler. Das führte aber nicht dazu, dass dieser sich angegriffen fühlte, nein: Hasler sah sich in seiner Haltung bestätigt. Und konnte nichts anderes sagen, als: «Orlando, du sprichst mir aus dem Herzen.»
