«Dort, wo es Quoten gibt, funktioniert es plötzlich»
Auf der Liste für die Dübendorfer Stadtratswahl stehen neun Männer – und keine einzige Frau. Das kann Ihnen nicht gefallen, Frau Zapfl.
Rosmarie Zapfl: Ich bin entsetzt, dass es die Parteien in einer so grossen Stadt wie Dübendorf nicht schaffen – 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts –, zumindest eine Frau für die Wahl aufzustellen. Aber natürlich sind zuerst einmal die Frauen selbst für die Situation verantwortlich.
Man kann also festhalten: Mentoring-Programme wie «Züri-Löwinnen brüllen» oder die in Dübendorf durchgeführten Workshops haben nichts gebracht.
Die bringen schon etwas, aber möglicherweise nicht von heute auf morgen. Und vor allem ist es damit nicht getan. Wenn es die Parteien ernst meinen mit der Frauenförderung, dann müssen die Verantwortlichen mögliche Kandidatinnen unterstützen, Zweifel ausräumen und dürfen nicht damit aufhören, sie zu motivieren.
Zur Person
Rosmarie Zapfl (83, CVP) setzt sich seit Jahrzehnten für die Anliegen der Frauen ein. 1967 wurde sie zur Präsidentin des Katholischen Frauenvereins gewählt, drei Jahre später trat sie in die Frauenbundsbewegung ein. Ihre politische Laufbahn begann sie 1974 im Dübendorfer Gemeinderat, den sie 1977/78 präsidierte – als erste Frau im Kanton Zürich.
1978 folgte die Wahl zur ersten Stadträtin in Dübendorf; der Exekutive gehörte sie bis 1990 an. Nach einer Legislatur in der Katholischen Kirchenpflege schaffte sie 1995 die Wahl in den Nationalrat, in dem sie bis 2006 politisierte.
Weiter war Zapfl Vizepräsidentin der CVP Schweiz, sie präsidierte die CVP international und sass im Europarat. Bis 2014 war sie zudem Präsidentin von Alliance F, dem grössten Frauen-Dachverband in der Schweiz.
Rosmarie Zapfl ist verheiratet und hat drei Kinder, sieben Enkel und acht Urenkel. Sie lebt heute in Rüti.
Angehende Politikerinnen brauchen demnach viel Zuspruch – wieso?
Pauschalisieren kann man das nicht. Aber zwischen Frauen und Männern gibt es Unterschiede, die man nicht ausblenden kann. Männer trauen sich in der Regel selber mehr zu, haben weniger Selbstzweifel. Vielleicht überlegen sie auch weniger, bevor sie sich entscheiden, ein politisches Amt zu übernehmen.
«Frauen zweifeln, ob sie der Aufgabe gewachsen sind.»
Und die Frauen?
Ich habe es immer wieder miterlebt, wie Frauen ihre eigenen Fähigkeiten viel zu stark hinterfragen und sich demnach ein Amt nicht zutrauen. Wo Männer ungeachtet ihrer eigenen Kenntnisse einfach mal machen, zweifeln die Frauen, ob sie der Aufgabe gewachsen sind.
Also braucht es keine fachlichen Kenntnisse für das jeweilige Ressort?
Wissen kann man sich aneignen. Viel wichtiger sind Sozialkompetenz und die Fähigkeit, Menschen zu führen und zu fördern. Man muss gerne Verantwortung übernehmen, und das tun Frauen, im Beruf und in der Familie. Es gibt keinen Grund, wieso das nicht auch für die Politik gelten sollte.
Kann und soll man die Politik frauenfreundlicher machen?
Es verhält sich da ähnlich wie mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Beispiel: Wenn man von der immer noch stark verbreiteten Rollenteilung in Partnerschaften ausgeht, dann sind etwa regelmässige Sitzungen am Vormittag für eine Mutter mit Kindern keine guten Voraussetzungen dafür, ein Amt zu übernehmen. Das wäre dann ein Punkt, wo man ansetzen könnte.
«Natürlich kommen dann immer diese Sprüche, das seien ja nur Quotenfrauen.»
Haben es Frauen in der Dübendorfer Politik besonders schwer?
Es scheint fast so. Andrea Kennel, eine hochintelligente, gut vernetzte Vollblutpolitikerin mit gutem Gespür für wichtige Themen, hat es in den letzten Jahren gleich zweimal versucht, aber es wurden wieder nur die Männer gewählt.
Braucht der Stadtrat eine Frauenquote?
Nein, aber eine Quote im Vorstand der Parteien, das würde schon vieles bewirken. Und die Parteien könnten sich verpflichten, neben einem Mann immer auch eine Frau zu nominieren. Natürlich kommen dann immer diese Sprüche, das seien ja nur Quotenfrauen. Aber dort, wo es Quoten gibt, funktioniert es plötzlich mit der Frauenförderung. Ein bisschen Druck ist manchmal einfach nötig.
Wäre die Welt denn eine bessere mit mehr Frauen in der Politik?
Das ist schwer zu beantworten. Möglicherweise schon, obwohl etwa ein weibliches Pendant zu Putin genauso gut möglich wäre. Und in der Zeit des Nationalsozialismus gab es viele Frauen, die in den Vernichtungslagern folterten und auch für eine Führungsrolle bereit gewesen wären. Auch das können wir Frauen.
Also kommt es gar nicht auf das Geschlecht an?
Doch. Wenn Frauen in einem Gremium dabei sind, dann herrscht da eine andere, entspanntere Atmosphäre – das ist, was mir Männer immer wieder gesagt haben. Und es werden andere Schwerpunkte gesetzt. Eine Mutter mit kleinen Kindern bringt nun einmal ganz andere Themen zur Sprache. Als die Frauen im Bundesrat die Mehrheit hatten, kamen die immer zu einem Resultat, während sich der Bundesrat heute ja recht schwer tut mit Entscheidungen.
«Bissig waren nur gewisse Ehefrauen von Politikern.»
Dabei heisst es ja immer, dass sich Frauen untereinander nicht gut vertragen.
Das ist doch ein Klischee. In meiner Zeit als Präsidentin von Alliance F oder des Katholischen Frauenbunds habe ich unzählige wunderbare Erfahrungen mit anderen engagierten Frauen gemacht. Bissig waren nur gewisse Ehefrauen von Politikern, die schimpften, dass ich ihrem Mann das Amt weggenommen hätte.
Sie haben in Dübendorf als Politikerin eine Vorreiterinnenrolle übernommen, als Sie 1977 zur ersten Präsidentin des Gemeinderats gewählt wurden und dann gleich noch als erste Frau in den Stadtrat einzogen.
Ja, das wurde weit über die Grenzen von Dübendorf hinaus wahrgenommen und brachte ein ziemlich grosses mediales Interesse mit sich. Die Reaktionen waren gemischt. Es gab einige, die mir das nicht zutrauten. Und nach der Wahl zur Gemeinderatspräsidentin war dann natürlich das grosse Thema, dass ich einen nicht sonderlich eleganten Jeansjupe getragen habe.
Die Männer werden an ihren Taten gemessen, die Frauen an ihrem Äusseren?
Als ich im Nationalrat war, fielen in Männerrunden viele Sprüche, die ich nicht mehr vergesse. Da liess man sich über die Frisuren der Politikerinnen aus oder monierte, diese oder jene Nationalrätin solle sich mal einen anständigen Büstenhalter kaufen. Da habe ich mich schon manchmal gefragt, wieso ich mir das überhaupt noch antue.
«Als es um Beiträge für ein Frauenhaus ging, hiess es, die Frauen seien doch selber schuld an ihrer Situation.»
Wir waren Ihre Erfahrungen als erste Stadträtin in Dübendorf?
Das waren halt sechs Männer und ich. Manchmal empfanden mich die Kollegen als zu forsch, etwa wenn ich einen überforderten Ressortvorsteher kritisierte, oder als zu zimperlich, zum Beispiel als es um die Teilnahme am kantonalen Pilotprojekt für Tempo 50 innerorts ging. Ein Stadtratskollege sagte damals, dass er mich als rassigere Frau eingeschätzt hätte. Einmal, als es um Beiträge für ein Frauenhaus ging, hiess es, die Frauen seien doch selber schuld an ihrer Situation.
Das klingt ziemlich frustrierend.
Letztlich waren ja nicht alle Männer so. Ich habe in meiner Laufbahn viele hervorragende Politiker kennengelernt. Insgesamt war es ein Lernprozess. Damals in den 1970er Jahren war ein grosser Teil der Frauen sehr darauf bedacht, nicht anzuecken und den Männern zu gefallen, sie wollten gemocht werden und vermieden deshalb direkte Konfrontationen. Männer wurden als grösser und gescheiter angesehen. Bis zu einem gewissen Punkt auch von mir. Bis ich gemerkt habe, dass dem gar nicht so ist. Heute sind die Frauen zum Glück einiges selbstbewusster und eigenständiger.
Der aktuelle Frauenanteil – und der Vergleich
So sieht die Beteiligung von Frauen in der Dübendorfer Exekutive aktuell aus: Von den sieben Stadtratssitzen sind fünf von Männern besetzt, wobei Primarschulpräsidentin Susanne Hänni (GLP/GEU) von Amtes wegen dem Ressort Bildung vorsteht.
Das wird voraussichtlich auch in der kommenden Legislatur so bleiben, denn Hänni kandidiert als einzige für das Präsidium der Primarschule. Die einzige direkt in den Stadtrat gewählte Frau ist derzeit Jacqueline Hofer (SVP).
Zum Vergleich: In Uster sind aktuell mit Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP), Petra Bättig (SP), Karin Fehr Thoma (Grüne) und der Primarschulpräsidentin Patricia Bernet (SP) vier von sieben Sitzen von Frauen besetzt, die alle nochmals antreten. Mit Beatrice Caviezel (GLP) will am 27. März eine weitere Frau in die Exekutive einziehen.
In Wetzikon tritt mit Susanne Sieber (FDP) zwar die aktuell einzige Frau im Stadtrat nicht mehr an. Dafür wollen es mit Sandra Elliscasis (FDP), Pia Ernst (EVP), Brigitte Meier Hitz (SP) und Christine Walter-Walder (Grüne) gleich vier Neue wissen.
Auch in Illnau-Effretikon will die einzige Frau in der Exekutive, Salome Wyss (SP), keine weitere Amtszeit anhängen. An ihrer Stelle kandidieren Rosmarie Quadranti (Die Mitte), alt Nationalrätin und frühere Schulpräsidentin von Volketswil, sowie Brigitte Röösli (SP).
