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«Putin muss den Verstand verloren haben»

Der Dübendorfer Stadtrat und Nationalrat Martin Bäumle (GLP/GEU) hat Familie und Freunde in der Ukraine. Der Angriff russischer Truppen hat ihn schockiert. Nun erwartet er von der Weltgemeinschaft harte Sanktionen.

Martin Bäumle sagt: «

Archivfoto: Seraina Boner

«Putin muss den Verstand verloren haben»

Herr Bäumle, Ihre Frau stammt aus der Ukraine, und Sie haben Bekannte und Freunde in der Region wie auch in Russland – wie besorgt sind Sie über die aktuelle Situation?
Martin Bäumle: Ich bin schockiert, ich bin wütend, besorgt und traurig. Viele meiner Freunde und Bekannten in den beiden Ländern haben nicht damit gerechnet, dass es zu einem offenen Krieg kommt. Und jetzt ist es trotzdem zu diesem ungeheuerlichen Vorgehen gekommen.

Haben Sie aus ihrem Familien- und Bekanntenkreis mehr Informationen zur aktuellen Lage?
Nein, die Lage ist komplett unübersichtlich. Stand Donnerstagvormittag ist es so, dass die russische Armee gezielt militärische Einrichtungen in der Ukraine angegriffen und zerstört hat, womit sie nun mehrheitlich die Lufthoheit besitzen dürfte.

Wird sich der russische Präsident Wladimir Putin damit zufriedengeben?
Das kann ich unmöglich beurteilen. Ich habe immer auf Putins Vernunft gehofft, aber jetzt hat sich gezeigt, dass seine Worte nichts gelten, dass er den Verstand verloren haben muss. Das ist ein Angriffskrieg gegen ein souveränes Land mit einer demokratisch legitimierten Regierung, ein grausamer Verstoss gegen das Völkerrecht – und das aus Gründen, die für mich nicht nachvollziehbar sind.

Wie stehen die Menschen in Russland zu diesem Krieg?
Die russische Bevölkerung will diesen Krieg nicht. Sie will einen besseren Lebensstandard, aber nicht einen blutigen Konflikt mit einem Brudervolk.

Wünschen Sie sich, dass die ukrainische Regierung kapituliert, um weiteres Blutvergiessen zu verhindern?
Ich bin nicht der Meinung, dass man auch noch die andere Wange hinhalten soll, wenn man geschlagen wird. Es ist aber auch offensichtlich, dass die ukrainische Armee hoffnungslos unterlegen ist. Kommt es zu einem Kampf um die Städte, dann wird das mit vielen Opfern verbunden sein, nicht zuletzt in der Zivilbevölkerung. Das kann eigentlich niemand wollen.

«Jetzt hat der Westen keine andere Wahl, als Russland komplett von den Finanztransaktionen abzuschneiden»

Was erwarten Sie nun von der Weltgemeinschaft?
Die Nato hat ja schon von vornherein deutlich gemacht, dass sie militärisch nicht eingreifen wird, denn das würde einen Flächenbrand wahrscheinlich machen. Eigentlich müsste die Uno handeln, aber die ist wegen Russlands Veto blockiert, was es in dieser Form seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie gegeben hat. Putin kann demnach mehr oder weniger machen, was er will.

Also bleiben Sanktionen?
Ich bin eigentlich kein Freund von Sanktionen, weil es häufig die Bevölkerung ist, die am meisten darunter leidet. Aber jetzt hat der Westen keine andere Wahl, als Russland komplett von den Finanztransaktionen abzuschneiden, dem Land den Geldhahn abzudrehen. Und auch die Öl- und Gasimporte aus Russland müssen sofort gestoppt werden, auch wenn das uns selber auch weh tut. Es müssen harte Massnahmen sein, um Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Im Westen ist klar, wer der alleinige Schuldige am Konflikt ist. Was ist Ihre Sicht?
Der Westen ist ganz sicher nicht unschuldig an der Situation, das fing schon bei der Nato-Osterweiterung an, bei der Zusagen nicht eingehalten wurden. Die Ukraine ihrerseits hat es verpasst, der nach mehr Autonomie strebenden Bevölkerung im Donbass verbindliche Zugeständnisse zu machen. Und Russland hat die Separatisten mit Waffen und Munition versorgt. Am Ende trugen alle Seiten zur aktuellen Situation bei, und sowohl die Ukraine als auch Russland haben bestehende Waffenstillstandsabkommen andauernd verletzt. Letztlich aber rechtfertigt nichts – wirklich nichts – eine solchen Angriff, wie er jetzt stattfindet.

(Aufgrund der aktuellen Ereignisse wurde dieses Interview überarbeitet, eine frühere Version wurde am 22.2.2022 veröffentlich)

Zur Person
Martin Bäumle (GLP) ist Nationalrat und Stadtrat in Dübendorf. In der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz-Ukraine teilt er sich das Präsidium mit Christa Markwalder (FDP). Weiter ist Bäumle Geschäftsführer der Organisation Green Cross, die den Leidtragenden in den durch die Tschernobyl-Katastrophe verseuchten Gebieten in der Ukraine, Weissrussland und Russland hilft. Auch privat ist er mit Osteuropa verbunden; seine Frau Yuliya stammt aus der Ukraine.

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