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«Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht»

Der Bundesrat hat die Lückenschliessung in der Oberlandautobahn ins Ausbauprogramm der Nationalstrassen aufgenommen. Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Strassen (Astra), erklärt, wie es mit dem Projekt weitergeht - und warnt vor übertriebenen Erwartungen.

Die Kostenwirksamkeit beim Oberlandautobahn-Projekt ist für Jürg Röthlisberger, Direktor des Astra, sehr gut.

Foto: Keystone

«Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht»

Der Bundesrat will die Lückenschliessung der Oberlandautobahn ins Strategische Entwicklungsprogramm (Step) Nationalstrassen aufnehmen. Ist dieses Erweiterungsprojekt seit der Übernahme der Strecke durch den Bund jemals auf der Kippe gestanden?
Jürg Röthlisberger: Das Projekt wurde wie jedes von den Kantonen mit dem Netzbeschluss eingereichte Projekt einer mehrstufigen Standardüberprüfung unterzogen. Dazu gehört unter anderem eine Betrachtung der Kosten und des Nutzens. Dass das Lückenschliessungs-Projekt mit einem guten Kosten-Nutzen-Verhältnis und einer guten Kostenwirksamkeit abschliessen würde, haben wir in Anbetracht der heute mehr als unbefriedigenden Situation vermutet. Diese Annahme hat sich nach den Überprüfungen bestätigt.

« Kein Sanitärinstallateur würde je einen tollen Hausanschluss fürs Wasser bauen, aber im Haus selbst keine Leitungen legen. »
Jürg Röthlisberger, Direktor Astra

Welche Gründe haben den Bundesrat bewogen, diese Strecke ins Programm aufzunehmen?
Die Resultate unserer Analysen und das unbestrittene Sicherheits- und Verträglichkeitsdefizit. Man muss sich das vorstellen: Kein Sanitärinstallateur würde je einen tollen Hausanschluss für Zu- und Wegleitung von Wasser und Abwasser bauen, aber im Hause selbst keine Leitungen legen. Das ist à la Longue einfach kein vertretbarer Zustand.

Mit rund zwei Milliarden Franken ist die Lückenschliessung eines der teuersten Nationalstrassen-Vorhaben schweizweit. Kann die Realisierung des Projektes noch an der Kostenfrage scheitern?
Klar müssen wir alles tun, um den Mehrwert je investierten Franken zu maximieren und die Gesamtkosten möglichst tief zu halten. Anderseits ist eben hier die Kostenwirksamkeit per se sehr gut. Wie bei jedem Grossprojekt müssen die Planungsphasen des Astra durchlaufen werden, beginnend mit dem Generellen Projekt. Das Generelle Projekt, also die Linienführung inklusive der Kosten, wird abschliessend durch den Bundesrat genehmigt. Der Bundesrat wird somit über dieses Projekt mit der Planungsphase «Generelles Projekt» nochmals entscheiden. Berücksichtigt sind darin auch allfällige Kostenabweichungen gegenüber dem bisherigen Projekt.

 

Sie haben Mitte 2020 erklärt, dass bis Ende 2021 der Entscheid gefällt werde, ob die Richtplanvariante oder die vom Kanton kurz vor der Übergabe des Projektes an den Bund ins Spiel gebrachte Variante «Tunnel tief» weiterverfolgt werde. Nun ist doch kein solcher Entscheid gefallen. Warum?
Astra- intern sind die Aufträge zum Start der Projektierungsarbeiten erteilt. Nun laufen die Beschaffungen von Ingenieurleistungen. Basierend auf den umfangreichen Vorarbeiten des Kantons Zürich werden wir in einem nächsten Schritt die Variante «Tunnel tief» auf dem Planungsstand der Richtplanvariante mit dieser verglichen und so die Bestvariante bestimmt. Darauf basierend wird das Generelle Projekt mit der definitiven Linienführung festgelegt und durch den Bundesrat entschieden.

Bis wann ist ein Entscheid zu erwarten?
Die Erarbeitung des Generellen Projekts wird mehrere Jahre dauern. Angesichts der zu bearbeitenden Themen und der anspruchsvollen Umweltfragen schätzen wir die Zeitspanne auf zirka vier Jahre.

Welche der beiden Varianten favorisieren Sie?
Ich favorisiere diejenige Variante, welche sich als Bestvariante erweist und in der Planungsphase «Generelles Projekt» erarbeitet wird. Somit favorisiere ich momentan noch keine Variante.

Im Step sind nun 1,944 Milliarden Franken für die Oberlandautobahn eingestellt. Wie ist diese Zahl zustande gekommen?
Die Kosten basieren auf überschlägigen Betrachtungen des Astra und auf Angaben aus den Projektunterlagen des Kantons Zürich zu den beiden Varianten.

« Die Variante «Tunnel tief» beurteilen wir momentan als machbar und umweltrechtlich weniger kritisch. »
Jürg Röthlisberger, Direktor Astra

Sie haben Mitte 2020 die Richtplanvariante mit 1,663 Milliarden und die Variante Tunnel tief mit 2,075 Milliarden Franken beziffert. Die jetzt im STEP angeführte Summe liegt näher bei der Streckenführung durch einen tief im Fels gelegenen Tunnel direkt zum Betzholzkreisel. Kann daraus gelesen werden, dass diese Variante bessere Realisierungschancen hat?
Die Variante «Tunnel tief» beurteilen wir momentan als machbar und umweltrechtlich weniger kritisch. Aus diesem Grunde wurden höhere Kosten bei der Schätzung berücksichtigt. Dies ist jedoch kein Vorentscheid hinsichtlich der Variantenwahl.

Die Kostengenauigkeit für die Vorhaben, die wie die Oberlandautobahn im Realisierungshorizont 2040 liegen, liegt in einem Schwankungsbereich von plus/minus 30 Prozent. Woher rührt diese gewaltige Spanne?
Diese Kostengenauigkeit entspricht den üblichen Angaben zu Kostenvoranschlägen in sehr frühen Planungsphasen. Insbesondere ist momentan neben der Linienführung auch die genaue Ausgestaltung noch nicht definiert.

Welches sind die grössten Problembereiche bei den beiden Varianten?
Neben dem Finden einer politisch akzeptierten Linienführung sowie dem Einbezug der Bedürfnisse der Region sind die technische sowie umweltrechtliche Machbarkeit die grössten Problembereiche.

Der Zeitplan sah vor, dass bis 2024 das generelle Projekt vorangetrieben wird. Ist das noch immer so oder führt der hinausgeschobene Variantenentscheid bereits zu einer weiteren Verzögerung?
Das Generelle Projekt ist der nächste wesentliche Meilenstein. Und ich warne etwas vor der Illusion, das Gras wachse schneller, wenn man daran zieht . Wenn wir jetzt an alles denken, auch alle Eventualfragen sauber abklären, dann kostet das zwar jetzt etwas mehr Zeit, aber das zahlt sich auf der Gesamt-Zeitachse mehr als aus. Das beweist ja gerade die Projektgeschichte der Oberlandautobahn.

Welches sind die nächsten Planungsschritte?
Momentan bearbeitet die Filiale Winterthur nach der Auftragserteilung die Projektgenerierung. Parallel dazu sind wir an der Submission der Planungsarbeiten für das Generelle Projekt.

Können sich die Anwohner zur Lückenschliessung äussern?
In der Phase «Ausführungsprojekt» wird das Projekt nach Nationalstrassenrecht öffentlich aufgelegt.

« Es ist dem Projekt sehr abträglich, wenn zu früh im Prozess bereits Eröffnungsdaten ans Kreuz geschlagen werden. »
Jürg Röthlisberger, Direktor Astra

Sie sind vor einem guten Jahr davon ausgegangen, dass die Lücke bis 2038 geschlossen sein wird. Ist das noch immer so?
Ob dies so realistisch ist, werden die weiteren Planungsphasen und die öffentliche Auflage zeigen. Grundsätzlich ist dies jedoch immer noch möglich respektive realistisch. Im Step ist die Oberlandautobahn dem Realisierungshorizont 2040 zugeordnet und nochmals: Es ist erfahrungsgemäss dem Projekt sehr abträglich, wenn zu früh im Prozess bereits Eröffnungsdaten ans Kreuz geschlagen werden. Jetzt gilt es, sehr sauber und korrekt zu arbeiten, die Zeitachse ist dann eine Folge davon.

Bis die Lückenschliessung Tatsache ist, wird also noch eine lange Zeit vergehen. Wird es daher auf der jetzigen Nationalstrasse N15, die zwischen dem Autobahnende Uster Ost und dem Betzholzkreisel durch die Orte Aathal, Wetzikon und Hinwil führt, noch bauliche Anpassungen geben?
Momentan sind keine weiteren Massnahmen geplant ausser den üblichen Unterhaltsmassnahmen oder jenen Projekten, welche uns der Kanton zur weiteren Bearbeitung übergeben hat. Aber wir beobachten die Situation vor Ort sehr genau und sind in bestem Austausch mit den Verantwortlichen von Region und Kanton.

Sind auf dieser Strecke andere Massnahmen vorgesehen?
Heute nicht, nein.

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