«Es gibt viele Probleme, die es zu lösen gilt»
Herr Ingold, der Stadtrat hat zu langsam reagiert, nachdem der Ombudsmann bereits Anfang 2017 eine Analyse der Missstände im Dübendorfer Sozialbereich präsentiert hat: So lautet der Vorwurf von mehreren Fraktionen im Gemeinderat. Zurecht?
André Ingold (SVP): Der Stadtrat hat im letzten Herbst eine Administrativuntersuchung in die Wege geleitet. Der Vorwurf, er hätte das schon früher tun sollen, ist angesichts der Untersuchungsergebnisse nachvollziehbar und berechtigt. Die Ursachen für die späte Reaktion deckt der Bericht schonungslos auf: Die unklaren Kompetenzen und Zuständigkeiten zwischen dem Stadtrat und der Sozialbehörde. Der Stadtrat hat den Bericht des Ombudsmanns zur Kenntnis genommen. Es war aber an der Sozialbehörde, die Analyse zu würdigen und entsprechend zu reagieren. Als Stadtpräsident bin ich zwar der oberste Personalchef, aber die fachliche Überprüfung der Mitarbeitenden ist Sache der Sozialbehörde.
Sie sind seit September 2020 für das Dossier Soziales zuständig, und dennoch ist der Stadtrat erstaunt über die im Bericht aufgezeigten Missstände?
Natürlich habe ich in dieser Zeit einen guten Einblick bekommen. Trotzdem war ich überrascht, dass es durchs Band auf allen Ebenen Verfehlungen gegeben hat. Erschrocken bin ich darüber, dass im Zusammenhang mit dem Einsatz von Sozialdetektiven eine Amtsgeheimnisverletzung vorliegen könnte. Wir wollen das klären und haben bereits ein Anwaltsbüro damit beauftragt, dem Verdacht nachzugehen.
«Wenn jemand Leid oder Benachteiligungen erfahren hat, so bedaure ich das sehr.»
In der Sitzung des Gemeinderats wurde gefordert, der Stadtrat müsse sich bei den Personen entschuldigen, die aufgrund der Missstände Leid erfahren haben. Werden Sie das tun?
Wir haben aus den Fraktionen viele Aussagen gehört, die wir im Stadtrat jetzt erst einmal reflektieren und besprechen müssen. Was ich heute schon sagen kann: Wenn jemand Leid oder Benachteiligungen erfahren hat, so bedaure ich das sehr.
Rechnen Sie mit einer Flut von Rückforderungen und Rekursen seitens der Klienten, die mit Entscheiden nicht einverstanden sind und sich nun durch den Bericht bestätigt sehen?
Schwer zu sagen. Aber wenn Beschwerden kommen sollten, dann gehen wir denen nach und reagieren, wenn sie gerechtfertigt sind. Sämtliche Gesuche werden aber ohnehin regelmässig überprüft. Dadurch ist es möglich, allfällige Korrekturen vornehmen zu können, ohne dass die Klienten überhaupt vorstellig werden müssen.
«Dass jetzt die richtigen Leute auf den richtigen Positionen sind, macht mich letztlich zuversichtlich.»
Wie optimistisch sind Sie, dass das Ganze zu einem guten Ende kommt?
Was ich sagen kann: Wir sind auf einem guten Weg. Aber von heute auf morgen kann man die nötigen Veränderungen nicht vornehmen; es gibt viele Probleme, die es zu lösen gilt. Dass jetzt die richtigen Leute auf den richtigen Positionen sind, macht mich letztlich zuversichtlich.
Sie haben mit dem Sozialbereich seit bald eineinhalb Jahren ein zusätzliches Dossier unter sich. Wie bewältigen Sie diesen erheblichen Mehraufwand?
(lacht) Sagen wir so: Es ist eine Herausforderung, aber es geht. Natürlich habe ich anfänglich gehofft, es würde nicht so lange dauern. Wenn ich das Dossier Ende Juni dann wieder abgeben kann, wird das schon eine Erleichterung sein.
