Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Politik

«Eigentlich sind wir ja weder ein Testcenter noch eine Kinderarztpraxis»

Corona-Massnahmen, vakante Stellen und immer wieder neue Regelungen setzen der Primarschule Dübendorf aktuell stark zu. Frage an Karin Zulliger, Leiterin Bildung: Ist die schulische Ausbildung der Kinder unter diesen Voraussetzungen noch gewährleistet?

Karin Zulliger ist seit dem 1. Juli Leiterin Bildung der Primarschule – die ersten Monate waren geprägt von der Pandemie., Angesichts des grossen Aufwands attestiert sie den Pooltests in der Schule nur einen beschränkten Nutzen., Schulschliessungen sind für die Leiterin Bildung die Ultima Ratio.

Seraina Boner

«Eigentlich sind wir ja weder ein Testcenter noch eine Kinderarztpraxis»

Frau Zulliger, auf einer Skala von eins bis zehn: Wie gestresst sind Sie gerade?
Karin Zulliger: Sagen wir mal sechs. Oder vielleicht sieben. Auf jeden Fall hat die Belastung durch Corona in allen Bereichen und für alle involvierten Personen sehr stark zugenommen und ist mittlerweile auf einem Level, das nicht gut ist für eine Schule. Denn eigentlich sind wir ja weder ein Testcenter noch eine Kinderarztpraxis. Allein schon über die aktuellen Regelungen und Massnahmen informiert zu bleiben, ist ein riesiger Aufwand.

Wie läuft es mit den Pooltests?
Die Tests an sich sind nicht das Problem. Aber wenn wir, wie letzte Woche, 37 positive Poolproben haben, und in jedem Pool sind acht bis zehn Schülerinnen und Schüler, dann müssen wir in jeder Familie nachfragen, was der Einzeltest ergeben hat. Ich frage mich schon, wie lange wir das noch aufrechterhalten können, wenn das so weitergeht.

«Vor diesem Hintergrund steht dem grossen Aufwand für Pooltests aktuell nur ein beschränkter Nutzen gegenüber

Erachten Sie Pooltests als sinnvoll?
Im Moment schon noch, auch weil sich an der Primarschule Dübendorf über 90 Prozent der Kinder beteiligen, was ein guter Wert ist. Allerdings dauert es teilweise sehr lange, bis das Ergebnis der Einzeltests vorliegt. Da wartet man in manchen Fällen schon mal fünf Tage. Vor diesem Hintergrund steht dem grossen Aufwand aktuell nur ein beschränkter Nutzen gegenüber . Letztlich begrüsse ich jede Massnahme, die einen Lockdown in den Schulen verhindern hilft. Denn Schulschliessungen sind die Ultima Ratio – auch wenn wir jetzt bezüglich IT-Infrastruktur sehr gut aufgestellt sind. So hat zum Beispiel mittlerweile jedes Kind in der Mittelstufe ein eigenes Tablet.

Erwischt es mit der Omikron-Variante nicht früher oder später jedes Kind?
Das ist die grosse Frage. An den Primarschulen im Kanton Zürich gilt zwar seit Anfang Jahr die Maskenpflicht auch auf die Unterstufe, aber es ist natürlich eine Illusion, zu glauben, dass die jüngsten Schüler die Maske immer korrekt tragen. Und im Kindergarten sind Masken dann wirklich nicht mehr sinnvoll, zu diesem Schluss gelangte das Volksschulamt wie auch die Schulpflege . Auch ich finde die Situation im Kindergarten schwierig . Insgesamt bin ich aber froh, dass der Kanton die Richtung für die Schulen vorgibt. Denn das nimmt im Gespräch mit Eltern, die sich teilweise viel härtere oder weniger Massnahmen wünschen, schon viel Druck weg.

Wie hat sich der Umgang mit den Eltern verändert?
Er ist sicher aufwendiger geworden, denn da sind viele Fragen und es besteht Erklärungsbedarf, was die Massnahmen und Regeln betrifft. Wir haben auch schwierige Diskussionen mit Eltern, welche Tests und Masken ablehnen. Lehrperson bekamen von Eltern auch schon mal einen mehrseitigen Haftungsausschluss, den sie im Internet heruntergeladen hatten. Die Nerven liegen teilweise auch bei den Eltern blank.

Wie viele Kinder wurden von den Eltern aus der Schule genommen?
Derzeit sind es nicht mehr als zwei Handvoll, die vorerst bis 24. Januar nicht mehr in der Schule sind – bei insgesamt 2000 Schülern. Ein paar wenige mussten wir ausschliessen, weil die Eltern Masken und Pooltests verweigerten. Andere wurden von den Eltern von der Schule genommen und werden nun zu Hause unterrichtet. Das muss ich akzeptieren, auch weil es im Kanton Zürich kein Problem ist, sein Kind ein Jahr lang zu Hause zu unterrichten, es besteht lediglich eine Meldepflicht.

Die Schule ist bereits mit vielen vakanten Stellen in das zweite Corona-Jahr gestartet, das wird sich kaum verbessert haben…?
Nein, die Situation ist nach wie vor sehr angespannt. Wir suchen Lehrpersonen für die Primarstufe und den Kindergarten, und es gibt offene Stellen in den Bereichen Logopädie , Psychomotorik, Deutsch als Zweitsprache und Heilpädagogik. Es ist nicht einfach, aber dank verschiedenen Vikaren und einer guten Organisation machbar. Glücklicherweise hat der Kanton unterdessen auch die Vorgaben gelockert, wer alles im Notfall für eine erkrankte Lehrperson einspringen darf. Eine breite Erfahrung im Umgang mit Kindern ist jedoch weiterhin zwingende Voraussetzung . Diese Übergangslösung begrüsse ich sehr.

«Wegen Corona allein kommt es vermutlich nicht zu einem Burn-out. Aber klar, gewisse Ermüdungserscheinungen sind schon spürbar.»

Corona zwingt viele Lehrkräfte ins Bett oder zumindest in Quarantäne. Haben Sie überhaupt noch den Überblick, wer aktuell unterrichtet?
(lacht) Es fehlen im Moment gar nicht so viele. Aber natürlich bedeutet jeder Ausfall einen grossen Aufwand, da die Schulleitung einen Ersatz finden muss. Und von den übrigen Lehrkräften wird fast schon erwartet, dass sie einspringen – noch mehr, als das früher der Fall war. Das betrifft insbesondere Mitarbeitende im Bereich DAZ, also Deutsch als Zweitsprache, oder schulische Heilpädagogik. Sie betreuen dann halt nicht nur ein kleines Grüppchen, sondern übernehmen gleich die ganze Klasse.

Führt das nicht zwangsläufig zu mehr Ausfällen durch Überlastung?
Wegen Corona allein kommt es vermutlich nicht zu einem Burn-out. Aber klar, gewisse Ermüdungserscheinungen sind schon spürbar. Wir versuchen die Lehrpersonen und Schulleitungen so gut wie möglich zu unterstützen und bedanken uns immer mal wieder mit einer kleinen Geste für die geleistete Arbeit.

Ist unter diesen Voraussetzungen die schulische Ausbildung der Kinder noch gewährleistet?
Unbedingt, ja. Es sind allerdings gewisse Abstriche nötig. Den Fachkräftemangel können wir durch interne Weiterbildungen und eine enge Begleitung bis zu einem gewissen Punkt auffangen. Aber es ist natürlich nicht das gleiche, ob eine Lehrperson oder eine speziell ausgebildete Fachperson Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Dabei darf man nicht vergessen, dass solche Übergangslösungen nur einen kleinen Bruchteil der im ganzen Schuljahr erteilten Lektionen betreffen. Man sollte dies daher aus Sicht der Schülerinnen und Schüler nicht überbewerten.

«W enn man gezwungen ist, etwas zu hinterfragen, dann kann das Resultat gleichwertig oder auch besser sein.»

Und in der Logopädie?
Da müssen wir uns derzeit auf die schweren Fälle konzentrieren. Das kann bedeuten, dass wir bei leichteren Fällen anstelle von Einzelunterricht auch mal zwei Kinder zusammen nehmen. Auf den ersten Blick ist das nur die zweitbeste Variante. Aber vielleicht zeigt sich auch, dass  neue Lösungen besser sind als gedacht oder vermutet.

Das bedeutet, in der Schule wurde bislang Geld für Unnötiges ausgegeben?
Das nicht, aber wenn man gezwungen ist, etwas zu hinterfragen, dann kann das Resultat gleichwertig oder auch besser sein. Nicht jede Veränderung ist schlecht. In der aktuellen Lage müssen wir Prioritäten anders setzen. Da wird dann halt mal die Arbeit an einem Leitbild oder dem Schulentwicklungsprogramm ausgesetzt, was nicht heisst, dass das später nicht nachgeholt wird. Wichtig ist uns, dass wir die Betreuung jederzeit sicherstellen können, und das ist der Fall.

Die vielen Wechsel und die unsichere Situation können gerade schwächere Schüler zusätzlich belasten. Sind die Schulpsychologen bereits am Anschlag?
Der schulpsychologische Dienst war schon vor Corona gut ausgelastet, die Situation hat sich durch die Pandemie aber nicht wesentlich verschärft. Und falls es Probleme beim Übertritt geben sollte, haben wir einen guten Austausch mit der Sekundarschule. In der Zusammenarbeit mit externen Fachstellen stellen wir aber eine Verschärfung fest, die Wartezeiten etwa für ein schulisch indizierte Psychotherapie haben sich zum Teil massiv verlängert.

Zur Person
Karin Zulliger ist seit Juli 2021 Leiterin Bildung der Primarschule Dübendorf. Die Volketswilerin arbeitete als Primarlehrerin und unterrichtete drei Jahre lang an der Deutschen Schule in Shanghai, bevor sie in Uster als Schulleiterin anfing. Später war sie als Schulleitungs-Springerin tätig und beriet Schulen auf Mandatsbasis bei Notfalleinsätzen und Schulentwicklungsprojekten.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns