Eine Stunde an der vordersten Covid-Front im Spital Uster
Es mag nach Galgenhumor klingen. Doch Christian Trachsel könnte es nicht ernster meinen, als er gegen Ende des Rundgangs sagt: «Es gehört zu den ganz wenigen Vorteilen dieser Pandemie, dass die Leute unterdessen wenigstens wissen, was wir hier machen und wie wichtig das ist.»
Dieser Satz aus dem Munde des Leiters der Intensivstation des Spitals Uster steht sinnbildlich für die gegenwärtige Situation. Die Intensivpflegestationen (IPS), respektive deren Auslastungen in Form von Zahlen, stehen einmal mehr im Zentrum der Diskussionen rund um das Corona-Virus. Doch was dort geschieht, wo der Kampf um Leben und Tod wirklich ausgetragen wird, bleibt für die Öffentlichkeit weitgehend abstrakt.
Hinter geschlossener Tür
Tatsächlich ist die Intensivstation eine Abteilung, die im wahrsten Sinne des Wortes hinter einer geschlossenen Tür betrieben wird. Im Spital Uster liegt sie im ersten Stock, sie ist dezent angeschrieben und wirkt unscheinbar. Einfach so betreten kann man sie nicht, der Zugang ist nur in Begleitung von autorisiertem Personal möglich.
«Die Reserven im System sind aufgebraucht»
22.12.2021

Spital Uster
Christian Trachsel, Leiter der Intensivstation des Spitals Uster erklärt, warum das Personal ersc Beitrag in Merkliste speichern Öffnet sich das Tor, betritt man ein grösseres Vorzimmer mit einem kleinen Warteraum für Besucherinnen und Besucher. Dahinter aber offenbart sich die Welt, in der Christian Trachsel und seine Mitarbeiter tagtäglich und rund um die Uhr um die Gesundheit ihrer Patienten kämpfen. Man könnte auch vom «Auge des Sturms» sprechen.
Drückende Ambiance
In der Station, die sich um eine Zentrale dreht, sind die Platzverhältnisse eng. Auf der Seite des Rings liegen kleine Büros und Zimmer, überall stehen Regale, Materialien, Abfallsäcke und medizinische Geräte. Der Trakt, der in den 1980er-Jahren erstellt wurde und sieben Betten zählt, gehört im Kanton zu den kleineren seiner Art.
In diesem Moment sind sechs medizinische Fachkräfte an der Arbeit, überdies sind auch Angehörige und Reinigungskräfte anwesend. Obschon das Treiben konzentriert und aktiv wirkt, fühlt sich die Ambiance drückend an. Die schwierige Lage, in der sich die Patienten befinden, schwebt in der Luft. «Derzeit sind alle Betten belegt», sagt Trachsel. «Vier davon mit Covid-Kranken.»
«Derzeit sind alle sieben Betten belegt. Vier davon mit Covid-Kranken.»
Dr. med. Christian Trachsler
Nach ein paar Schritten hält er an und zieht einen grauen Vorhang zur Seite. Auf dem Bett liegt ein 60-jähriger Mann, er hat einen Schlauch in der Nase, einen weiteren am Hals. Daneben stehen Maschinen. Der Patient hat die Augen geschlossen, er atmet schwer. Zwischendurch hebt er die Hand.
Wenn Covid wütet
«Dieser Mann musste 30 Tage lang künstlich beatmet werden, nun kann er wieder selbst durch die Kanüle atmen», erklärt Trachsel. Dann zeigt er auf dem Bildschirm den Querschnitt der Lungencomputertomographie. Die dunklen Bereiche entsprechen halbwegs normalen Lungenabschnitten, die hellgrauen Flächen sind Entzündungen, die das Coronavirus ausgelöst hat. Die rechte Seite ist fast gänzlich hell.
Was bedeutet das konkret? Trachsel sagt: «Wie das bei Covid häufig passiert, ist es hier zu einem bakteriellen Infekt gekommen, der die linke Lunge fast vollständig zerstört hat. Im Bild sieht man Abszesse in der Lunge.»
Immerhin: Sobald der Mann wieder stabil selbstständig atmet – und das könnte schon bald der Fall sein – kann er wieder in den regulären Spitalbetrieb zurückkehren. Das ist die gute Nachricht. Die weniger Gute ist freilich, dass er lange brauchen wird, bis er überhaupt wieder normal seinen Alltag bewältigen kann. «Ein bis anderthalb Jahre wird das wohl dauern», schätzt Christian Trachsel.
Ein Ort, an dem man nicht sein will
In einem geschlossenen Zimmer nebenan liegen eine Frau und ein Mann. Zwei weitere Covid-Patienten. Weil die beiden hochansteckend sind, werden sie innerhalb der Station isoliert. Alle Personen, die den Raum betreten, müssen deshalb neben der FFP2-Maske auch einen gelben Überwurf tragen.
Hat sich schon zuvor ein beengtes Gefühl breit gemacht, so wird es für den Aussenstehenden nun beklemmend. Alles drückt, die vielen Maschinen, die Schläuche, die Lichter, die Vorhänge – an diesem Ort, da gibt es keine zwei Meinungen, will man nicht sein.
Während sich Christian Trachsel um die 70-jährige Frau kümmert, hört man hinter dem Vorhang eine Frau mit dem männlichen Patienten sprechen – offenbar eine Angehörige. Sie erzählt ihm liebevoll, dass Freunde angerufen, ihn gegrüsst und ihm zu seinen Fortschritten gratuliert hätten.
Antwort erhält sie keine. Der Mann ist offenbar nicht ansprechbar. Stattdessen durchsticht plötzlich ein lautes, zischendes Saugen einer Maschine den andächtigen Moment.
Der künstlichen Beatmung nahe
Die Frau, die Christian Trachsel behandelt, ist vor zehn Tagen aus einem anderen Spital nach Uster verlegt worden. Sie spricht zwar kaum, doch wenigstens ist sie ansprechbar. Zwischendurch hustet sie stark. Um ihr Bett stehen zig Apparaturen: ein Überwachungsmonitor, einige Spritzen- und Infusionspumpen, ein Beatmungsgerät und für Notfälle ein jederzeit einsetzbarer Beatmungsbeutel und eine Vakuumpumpe.
Aktuell, so erklärt der Mediziner, befindet sie sich noch in einer sogenannten «High-Flow»-Therapie, bei der ihr über die Nase Luft mit 65-prozentigem Sauerstoffgehalt zugeführt wird. Doch der Punkt, an dem sie künstlich beatmet werden muss, ist bedrohlich nahe.
Im nationalen Schnitt
Angesichts der intensiven Eindrücke, die sich im Laufe der letzten Stunde aufgestapelt haben, macht sich mit dem nahenden Ende des Rundgangs ein Gefühl der Befreiung breit. Christian Trachsel bittet zum Abschluss in ein Büro. Obschon auch dieses nicht sonderlich gross ist, tut es gut, sitzen zu können.
«Ob unsere Covid-Patienten geimpft sind? Lassen sie mich rasch im Computer nachschauen», antwortet er auf die überfällige Gretchenfrage. Ein paar Sekunden kehrt er mit der Erkenntnis zurück: «Drei ungeimpft, einer einfach.»
Das grosse Bild des Spitals ist ihm derweilen präsenter: «Bei den total Hospitalisierten reden wir von 82 Prozent Ungeimpften und 18 Prozent Geimpften. Damit liegen wir etwa im nationalen Schnitt.»
Es ist selbsterklärend, dass der Intensivstationsleiter die Impfung «dringend empfiehlt» und sie mit den gängigen Argumenten begründet. Auf den moralisierenden Unterton verzichtet er aber. Wohl auch bewusst. Schliesslich weiss er genau: Das eindrücklichste Argument hat er eben eingehend präsentiert.
