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«Die Reserven im System sind aufgebraucht»

Christian Trachsel, Leiter der Intensivstation des Spitals Uster erklärt, warum das Personal erschöpft ist und was Covid von einer Grippe unterscheidet.

Dr. med. Christian Trachsel vor dem Eingang des Spitals Uster.

RH

«Die Reserven im System sind aufgebraucht»

Herr Trachsel, Sie leiten die Intensivstation Uster seit 2015 und haben die Pandemie in dieser Funktion also von Anfang an erlebt. Können Sie sich noch an die Gefühlslage der ersten Monate erinnern?

Christian Trachsel: Im Frühling 2020 waren wir noch in einer leicht euphorisierten Stimmung. Es war eine völlig neue Krankheit. Wir machten selbst neue Erfahrungen, dazu kamen immer neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Mit der Zeit hat man sich dann ein wenig daran gewöhnt. In der zweiten Welle zwischen Herbst 2020 und Frühling 2021, hatten wir oft bis zu fünf Covid-Patienten gleichzeitig auf der Station. Durch die grosse Zahl hat sich eine gewisse Routine eingestellt.

Routine?

Ja, das Betreuungsteam hat ständig dazugelernt und wir konnten uns in der Beatmung schwerst kranker Lungen und Patienten weiterentwickeln. Daneben gab es aber auch viele tragische Verläufe, es mussten unzählige Gespräche mit Angehörigen geführt werden. Manche Patienten konnten trotz wochenlanger Bemühungen am Ende nicht am Leben erhalten werden.

Eine Stunde an der vordersten Covid-Front im Spital Uster

22.12.2021

Auf der Intensivstation

Seit fast zwei Jahren wird im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie von den «IPS-Betten» gesprochen Beitrag in Merkliste speichern In der Öffentlichkeit wird stets vom überlasteten Personal auf den Intensivstationen gesprochen. Wie äussert sich das in Ihrer Abteilung?

Es war eine sehr intensive Zeit – physisch und psychisch. Natürlich gab es bestimmte Momente, in denen sich die Situation etwas entspannte und man auch privat etwas mehr machen konnte. Doch die waren dann jeweils schnell wieder vorbei. Heute sind die Reserven im System aufgebraucht. Allfällige Überstunden sind längst abgebaut, einzuspringen oder zusätzliche Schichten zu leisten ist fast nicht mehr möglich.

« Zusätzliches Personal, das fachlich entsprechend ausgebildet und trainiert ist, ist praktisch nicht verfügbar. »

Dr. med. Christian Trachsel

Und neues Personal einstellen?

Zusätzliches Personal, das fachlich entsprechend ausgebildet und trainiert ist, ist praktisch nicht verfügbar. Auch können wir nicht einfach Pflegefachkräfte von anderen Abteilungen abziehen. Das hätte unter anderem zur Folge, dass mehrere Normalstationsbetten nicht mehr betrieben werden können – aber jene sind ebenfalls stark ausgelastet.

Was ist heute anders als vor einem Jahr?

Wir leben grundsätzlich in einer ähnlichen Situation. Damals hatten wir eine gewisse Ungewissheit wegen der Delta-Variante, heute wissen wir nicht, was mit der Omikron-Mutation auf uns zukommen wird. Es ist aber zweifelsohne eine ganz andere Welt, als jene in der wir zu Weihnachten 2019 lebten. Damals waren wir noch in der Zeit der Grippe.

Wie meinen Sie das?

Noch heute hört man da und dort, dass Covid der Grippe ähnle. Fakt ist: Pro Winter gibt es durchschnittlich zwei Personen, die wegen einer Grippe auf die hiesige Intensivstation verlegt werden müssen. Bei Covid haben wir hier seit Pandemiebeginn 110 Patienten behandelt, zuweilen fünf gleichzeitig. Ja, ich hatte überhaupt noch nie fünf Patienten mit der gleichen Diagnose gleichzeitig auf der Station.

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