Freunde – wunderbare Begleiter im Leben
Wir begegnen uns manchmal auf unseren Hunderundgängen. Plaudernd gehen wir meist einen Teil der Wegstrecke miteinander. Für hiesige Verhältnisse würde ich die feingliedrige Frau als ferne Bekannte einstufen. Ich weiss nur den Namen ihres Hundes, sie jenen meines Vierbeiners.
An diesem Morgen schildert sie mir erschüttert, dass eine langjährige, tiefe Freundschaft zwischen ihr, ihrem Mann und einem Freundespaar aufgrund der unterschiedlichen Einstellung zur Corona-Pandemie zerbrochen sei. «Es ist, als wäre mir ein Stück amputiert worden», sagt sie sehr aufgewühlt.
Wieder zu Hause, fülle ich sehr nachdenklich die Waschmaschine. Wie steht es um meine Freundschaften? Sie sind immer noch ein wichtiger Teil meines Daseins. Aber gewechselt haben sie. Als Kind hatte ich das Glück, mit einer Truppe Gleichgesinnter aufzuwachsen.
«Aber noch heute erfüllt mich Trauer, wenn ich an sie denke.»
Die Erinnerung an das intensive Zusammengehörigkeitsgefühl ist mir immer noch präsent. Kontakt habe ich keinen mehr zu diesen Gspänli. Wir haben uns weiterentwickelt, sind umgezogen, haben uns aus den Augen verloren.
Rückwirkend betrachtet habe ich dies, glaube ich, nicht mal als Verlust empfunden. Es ergaben sich eben neue Verbindungen. Manche sind auch da versandet. Andere endeten brutal. So auch die tragende Freundschaft zu einer Gefährtin, die mir durch eine tödliche Krankheit geraubt wurde. Ich durfte sie in diesem schweren, letzten Lebensabschnitt als Freundin und Spitex-Betreuerin begleiten. Aber noch heute, fast 30 Jahre später, erfüllt mich Trauer, wenn ich an sie denke.
Kein Wunder, fühlt sich die erwähnte Bekannte bei ihrem Verlust verloren. Da klafft auf einmal eine drastische Lücke. Kaum vorstellbar, dass sie sich wieder mal zu füllen vermag. Ist es erleichternd, den Grund für die Trennung zu kennen? Ich glaube schon. Aber der Trauerprozess ist genauso schmerzhaft.
Ich erlebte vor Jahren die absurde Situation, als eine langjährige Freundin einfach zum abgemachten Kuchenschmaus nicht erschien. Kommentarlos. Meine besorgten Anrufe blieben unbeantwortet. Ab da herrschte Funkstille. Den Grund für ihr Verhalten kenne ich bis heute nicht.
Da klingelt das Telefon. Eine meiner drei engsten Vertrauten ist am Apparat. Sie ist ein Vierteljahrhundert älter als ich und verfügt über einen riesigen Lebenserfahrungsschatz, den sie gerne teilt. Wir kennen einander schon lange und haben die innige Bindung auch über die verschiedenen Lebensstadien nicht verloren. Geben und Nehmen sind im Einklang.
Wir investieren beide gerne Zeit und Freude in diese Beziehung. Phasenweise variierend. Mal brauche ich ihren Rat, ihre Ansicht, ihr Zuhören intensiv, mal sie. Wir können über dieselben Sachen lachen oder uns, wenn nötig, gegenseitig den Kopf zurechtrücken. Es verbindet uns ein stimmiger, vertrauensvoller Grundton und das Wissen, ein Bett steht für Notfälle bei beiden bereit.
« Freundschaften sind Streicheleinheiten für die Seele. »
Freunde fallen nicht vom Himmel. Es ist ein Glück, sie zu finden. Auf einen solchen Zipfel Glück traf ich nach unserem Einzug in unser Zuhause vor knapp zwei Jahrzehnten. Nur drei Strassen trennen uns. Sie ist meine Freundin, Gotte von unserem Zweitjüngsten und gleichzeitig wichtiger Bezugspunkt der restlichen Familienmitglieder.
Diese breit abgestützte Vertrautheit lässt uns auch knifflige oder belastende Momente im Umfeld meistern, mal unter der Woche einen Vormittag verplaudern oder mit beiden Familien lustige und laute Glühweinabende mit turbulentem «Eile-mit-Weile-Spiel» geniessen.
Gleichberechtigte Freundschaften tun einem gut, steigern die Lebensqualität und das Selbstwertgefühl. Wir gehen mit Freunden zufriedener durch das Leben. Auch weil wir wissen, egal was passiert, es ist jemand da für dich. Mit vertrauten Menschen an der Seite werden Probleme weniger bedrohlich wahrgenommen, aber auch Sichtweisen weiter gefasst.
Freundschaften sind Streicheleinheiten für die Seele. Wir fühlen uns angenommen, wahrgenommen so wie wir sind. Dieses Aufgehobensein ist wunderbar. Freundschaften wachsen und intensivieren sich auch mit den gemeinsamen Erlebnissen. Sie schenken Bereicherung, Zuversicht und Mut. Sie stärken uns. Sublimieren unsere Ressourcen. Und sind, zumindest für mich, lebensnotwendig.
Ich wünsche in Gedanken der Hundespaziergängerin genügend Kraft für die Trauerphase und dass sich Türen öffnen mit neuen Gesichtern dahinter. Vielleicht ergibt sich daraus ein frisches, unbelastetes Beziehungsgeflecht. Auf jeden Fall werde ich sie beim nächsten Mal nach ihrem Namen fragen. (Sabine Nussbaumer)
Zur Person
Sabine Nussbaumer wohnt mit ihrer Familie in Dickbuch. Neben Alltagsarbeiten pflegt sie einen grossen Garten und werkelt in der Holzwerkstatt.

