Eine Brücke spaltet Effretikon
Es muss dem Moderator Stefano Bollmann ziemlich schnell gedämmert haben, dass er einen kontroversen Abend vor sich haben könnte. Als er zur Eröffnung des Podiums zur Abstimmung über den Projektierungskredit zum Neubau der Girhalden-Passarelle (siehe Box unten) die Unentschlossenen im Publikum bat, die Hand zu heben, schnellten nur drei Arme empor. Die Meinungen unter den knapp 40 Anwesenden waren offensichtlich bereits gemacht.
Tatsächlich positionierten sich in der Diskussion, die durch das Forum 21 und die lokalen Parteien organisiert worden war, beide Seiten unmittelbar und deutlich. Sowohl das Nein-Lager, das durch SVP-Gemeinderat Simon Binder und FDP-Vorstandsmitglied Dominic Erni vertreten wurde, als auch die Befürworter in Person des zuständigen GLP-Stadtrats Erik Schmausser und der SP-Gemeinderätin Annina Annaheim argumentierten mit bemerkenswerter Vehemenz.
Besser jetzt als später
Bollmanns Frage, warum man das Projekt schon mit dem Projektierungskredit, also quasi im Keim ersticken wolle, beantwortete Simon Binder bestimmt: « Es handelt sich um eine Brücke. Man weiss, was man kriegt, und was es kostet. Es ist deshalb wichtig, dass die Bevölkerung bereits jetzt, bevor man den Projektierungskredit von 250‘000 Franken in den Sand setzt, mitreden kann. »
Sein Mitstreiter Dominic Erni doppelt mit dem Verweis auf die Finanzen nach: « Als Stimmbürger bin ich unglaublich froh, dass wir bereits jetzt darüber abstimmen können. Denn wenn wir jetzt zum Projektierungskredit Ja sagen, dann sagen wir auch Ja zu diesem Luxusprojekt, das 3,8 Millionen Franken kostet. »
Diese Aussage Ernis legte die zwei Konfliktlinien, entlang sich die Meinungen teilen, klar offen. Für die beiden Bürgerlichen ist das Projekt nicht nötig und gleichzeitig zu teuer. Oder in Ernis direkteren Worten gesagt: « Eine Verschwendung von Steuergeldern. » Die Befürworter hingegen sehen die im Richtplan vorgesehene Verbindungsbrücke als Erfüllung eines Auftrages und eine Investition in die Zukunft und Lebensqualität der Stadt.
Wer macht hier das « Buebetrickli » ?
Bezüglich der Finanzierung warf Binder darauf dem Stadtrat vor, ein « Buebetrickli » anzuwenden. In Tat und Wahrheit handle es sich nicht um die veranschlagten 2,1 Millionen Franken, die Effretikon an die Passarelle beisteuern müsse, sondern um 3,1 Millionen Franken. Dies weil die eine Million Franken, die die SBB beisteuern soll, bereits als Kompensationsleistung für den aufgehoben Bahnübergang überwiesen worden ist und nicht an die Realisierung der Brücke geknüpft sei.
Das wiederum lockte SP-Gemeinderätin Annaheim aus der Reserve. « Das Buebetrickli benutzt die andere Seite. Die Million ist bis vor allerkürzester Zeit an diese Brücke gebunden gewesen. Es wäre einfach nicht redlich, sie anderweitig zu gebrauchen. » Die hohen Kosten, also quasi der « Luxus-Aspekt » , den die Gegner anprangern, konterte Tiefbauvorsteher Schmausser mit einer Gegenüberstellung: « Der neue Kreisel an der Illnauerstrasse kostete 2 Millionen, die Sanierung der Illnauerbrücke eine Million. Infrastruktur kostet, dafür hält sie aber auch lange. »
Vor allem aber störte sich Schmausser an der Verschwendungs-Argumentation. « Wir sind doch nicht nur ein Verwaltungsapparat. Wir müssen auch in die Zukunft unserer Stadt investieren. Diese Brücke wird die Quartiere Rikon und Weiherstrasse aufwerten, indem sie einen schnellen Zugang ins Naherholungsgebiet Girhalden ermöglicht. »
Fehlende Bedarfsanalyse
Damit war die Runde bei der Notwendigkeit angelangt. Mit der Überführung Trittliweg im Süden und der QN-Bahnunterführung im Norden (siehe Karte) sei die Querung gewährleistet, fanden Binder und Erni, die beide betonten, diese privat auch selbst rege zu nutzen. « Ich selbst brauche diese Brücke nicht » , sagte FDP-Mann Dominic Erni unumwunden. Stossend sei deshalb, dass im Vorfeld keine Bedarfsanalyse gemacht worden sei.
« Ich selbst brauche diese Brücke nicht. »
Dominic Erni, Vorstandsmitglied FDP Illnau-Effretikon
Dieses Argument mochte SP-Gemeinderätin Annaheim nicht gelten lassen. « Wenn man früher für jede Autobahn eine Bedarfsanalyse gemacht worden wäre, dann hätten wir heute keine Autobahn » , erwiderte sie. « Ein Bau generiert Nachfrage. » Effretikon werde künftig wachsen, es stehe ausser Frage, dass es mehr als nur die Trittliweg-Über- und die spartanische QN-Unterführung brauche. Weiter müsse man auch von Gesetz wegen Möglichkeiten für Rollstuhlfahrende bereitstellen. Diese seien bei beiden bestehenden Querungen nicht gegeben.
Steht die Brücke dereinst sogar im Weg?
SVP-Gemeinderat Simon Binder blickte zum Schluss noch einmal einen Schritt weiter, respektive in die Zukunft. Die Passarelle sei nicht nur unnötig, sie werde später sogar noch hinderlich. Wenn in 15 bis 20 Jahren die Girhalden eingezont werde, brauche es zwangsläufig neue Zugänge für den motorisierten Verkehr. « Und dann wird diese Brücke im Weg stehen. »
« Sie wird nicht im Weg stehen, wir werden andere Lösungen finden » , entgegnete ihm Stadtrat Erik Schmausser. Letztlich seien alle Kosten-Argumente der Gegner nur vorgeschoben. « Ihr wollt die Brücke nicht, wir sehen in ihr eine wichtige Investition – so einfach ist es. »
Unbehagen gegenüber Unterführungen
Interessanterweise bezogen sich die Fragen, die anschliessend aus dem Publikum kamen, weniger auf die Kosten, sondern eher auf die bestehenden Querungen. Ein Mann wollte etwa wissen, wie man bei der bald anstehenden Sanierung der Überführung Trittliweg gedenke den Langsamverkehr umzuleiten – und wollte die Frage explizit als Argument für die neue Passarelle verstanden wissen. Generell war aus den Voten ein Unbehagen bezüglich Unterführungen und ein Bedarf für rollstuhlgängige Verbindungen herauszuhören.
Als sich das Podium nach gut 75 Minuten dem Ende zuneigte, übernahm schliesslich noch einmal Moderator Stefano Bollmann das Wort. Ob es jemanden gebe, der noch immer nicht sicher sei, wie er am 28. November abstimmen werde, wollte er wissen. Dass nun niemand mehr aufstreckte, machte ihn sichtbar zufrieden. “Es war also ein erfolgreicher Abend”, sagte er schmunzelnd.
Passarelle Girlanden: Das Projekt im Detail
In Illnau-Effretikon plant der Stadtrat eine 170 Meter lange und 6 Prozent ansteigende Stahl-Beton-Passarelle zu bauen, die bei der Bushaltestelle Girhalden die Bahngeleise überquert und die östlichen und westlichen Quartiere der Stadt für den Fussgänger- und Veloverkehr verbindet. Diese soll den 2015 von den SBB aufgehobenen Bahnübergang Girhalden ersetzen. Das Projekt ist im kommunalen Richtplan eingetragen, die Kosten von total 3,75 Millionen Franken sollen sich die SBB, die dafür bereits eine Million Franken überwiesen haben, der Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehr Fonds NAF mit 690‘000 Franken und die Stadt Effretikon mit knapp 2,1 Millionen Franken teilen. Weil 15 Gemeinderäte der SVP, FDP und der Jungliberalen das fakultative Referendum gegen den vom Grossen Gemeinderat im Juni gesprochenen Projektierungskredit von 250’00 Franken ergriffen haben, stimmt nun am 28. November die Bevölkerung an der Urne über diesen Kredit ab. (mmu)
