Engagierte Debatte auf der richtigen Flughöhe
Letztes Jahr fiel das Sonntags-Forum Corona-bedingt ins Wasser. Umso mehr freuten sich rund 130 Gäste aus Politik und Verwaltung und vielen Aktionären und Abonnenten der Zürcher Oberland Medien, sich wieder in der Altrüti zu treffen. Der Anlass bot eine spannende Diskussion zum Thema Kampfjets für die Schweizer Luftwaffe.
Dass die Schweizer Demokratie von engagierten Diskussionen lebt, zeigte sich am Sonntag einmal mehr. Nicht nur auf dem Podium, sondern ebenso an den Tischen. Reihum war die Freude und Erleichterung zu spüren, sich wieder einmal persönlich zu treffen und auszutauschen. Das Forum wurde natürlich mit Zertifikatspflicht nach der 3G-Regel durchgeführt, was diesen persönlichen Kontakt erst ermöglichte.
Verwaltungsratspräsidentin Karin Lenzlinger konnte in ihrer Begrüssung den Gästen von einem guten Jahr für die Zürcher Oberland Medien berichten und davon, dass der Neubau in Wetzikon auf guten Wegen ist. Die Grundsteinlegung ist bereits für Dezember oder Januar geplant. In zwei Jahren soll die Firma wieder von ihrem jetzigen provisorischen Standort in Hinwil an die Heimatadresse umziehen.
Geballtes Fachwissen
Als Diskussionsthema für das traditionelle Streitgespräch unter der Leitung von Stephan Klapproth war die Kampfjet-Beschaffung für die Schweizer Luftwaffe ausgewählt worden, was den vier Diskutierenden Stoff für eine äusserst lebhafte und kurzweilige Stunde bot. Es war denn auch eine geballte Kraft an Fachwissen und politischer Erfahrung, die eingeladen worden war: Priska Seiler Graf, Nationalrätin (SP), Mitglied der Sicherheitskommission, Markus Gygax, ehemaliger Kommandant der Schweizer Luftwaffe, Jörg Kündig, Kantonsrat (FDP), Gemeindepräsident Gossau, Vizepräsident des Schweizer Gemeindeverbands und Marionna Schlatter, Nationalrätin (Grüne), Mitglied der Sicherheitskommission.
Ein Geschenk zu Beginn
Nach einer launigen Einführung von Klapproth, der sich als « Ringrichter » im verbalen Schlagabtausch vorstellte, bekamen die Diskussionsteilnehmerinnen und –teilnehmer zu Beginn ein Geschenk. Nämlich einen Tag als Chef des VBS und der ganzen Schweizerischen Sicherheitspolitik. Sie durften sich überlegen, was sie denn ändern würden an einem solchen Tag. Und erwartungsgemäss kamen da sehr unterschiedliche Ideen zusammen. Während Seiler Graf die Mittel kompromisslos auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen ausrichten wollte (Klimawandel und Cyberkriminalität), wollte Kündig vor allem mehr und genügend finanziellen Mittel beschaffen und bereitstellen.
«Ein Kampfjet muss für alles bereit sein, auch für den Krieg»
Markus Gygax, ehemaliger Kommandant der Schweizer Luftwaffe
Marionna Schlatter möchte eine offene Debatte über die Ausrichtung der Armee und sieht wie ihre Kollegin auch eine Armee, die sich am veränderten Bedrohungsbild orientiert. Markus Gygax betonte, dass es wichtig sei, dass die Armee sich nicht an den wahrscheinlichsten Bedrohungen orientiere sondern an den gefährlichsten. Eine Armee müsse nach wie vor in der Lage sein, das Land in einem Kriegsfall zu verteidigen.
Ist es das richtige Flugzeug?
Auf die Frage, ob die amerikanische F-35, welche beschafft werden soll, wirklich das richtige Flugzeug sei, ging es aber erst so richtig los. Gygax als Pilot und ehemaliger Luftwaffenkommandant brillierte mit seinem Fachwissen, aber auch seine Kontrahenten diskutierten auf Augenhöhe. Jörg Kündig betonte, das das dreijährige Auswahlverfahren, das schliesslich zum F-35-Entscheid geführt hatte, sehr solid gewesen sei und man durchaus auf die Entscheide der Fachleute vertrauen dürfe.
Polizei oder Kampf?
Vor allem die Aufgabe, wofür die neuen Kampfjets vordringlich gebraucht werden sollen, war umstritten. Braucht die Schweiz ein Flugzeug für den Luftpolizeidienst oder für den wirklichen Kampf? Seiler Graf und Schlatter sehen vor allen die Einsatz für die Lufthoheit als Hauptaufgabe und dafür sei das Flugzeug einfach nur bedingt geeignet. Gygax und Kündig hingegen sehen die Notwendig keit, dass der neue Kampfjet eben für alles taugen muss, schliesslich soll er für die nächsten zwanzig bis 30 Jahre genügen. Und wer könne sicher sein, dass die Schweiz sich nicht einmal wirklich in einem bewaffneten Konflikt behaupten muss? Gerade in dieser Frage sei es wichtig, dass man auch den Partnern in Europa zeigen könne, dass die Schweiz eine starke und kampfbereite Luftwaffe habe.
Marionna Schlatter sprach bei diesem Thema von einer « masslosen Selbstüberschätzung » , wenn die Schweiz das Gefühl habe, sie könne in einem Kriegsfall tatsächlich etwas ausrichten. Hier sei man so oder so abhängig von einer starken Partnerschaft innerhalb Europas. Weshalb sie hier eben auch EU-Politisch die Bedeutung eines Kaufs eines europäischen Flugzeugs anders beurteile als die Luftwaffe.
Die beiden Gegnerinnen des F-35 zitierten immer wieder andere Fachleute, die den F-35 auch nicht als taugliche Maschine bewerten. Unter anderem hatte auch der ehemalige Chef der Armee, André Blattmann, verlauten lassen, dass es zumindest nicht 36 neue Flugzeuge brauche, sondern deren 20 auch genügen würden.
Im Wissen, viel Neues zum Thema Kampfjet erfahren zu haben, schritt das gut gelaunte Publikum zum Apero. Und an den Tischen ging die Diskussion ebenso lebhaft weiter, auch am Tisch der Podiumsteilnehmer.
