Auf der Hochwacht endet eine Epoche
Eine Ankunft auf der Hochwacht ist eine Ankunft in einer anderen Sphäre. Hier auf 853 Meter über Meer und auf dem höchsten Punkt des Pfannenstiels, sieht der grosse Kanton Zürich ganz klein aus.
Zur einen Seite breitet sich das ganze Zürcher Oberland aus, zur anderen überblickt man Grossteile des Zürich- und Obersees und das linke Seeufer. Dahinter liegt ein atemberaubendes Alpenpanorama. Fast wie auf einem Gemälde thront das bekannte Ausflugsrestaurant mit seinem Turm, der 1907 noch in der Belle Epoque erbaut wurde. Es scheint, als wäre die Zeit hier oben etwas langsamer gelaufen als dort unten. Zumindest bis jetzt.
«Das Ende? Hoffen wir es nicht, wir wissen ja noch nicht genau, wie es hier oben weitergehen wird», sagt René Heiz und lacht etwas verlegen. Der 67-Jährige ist seit 2003 Geschäftsführer des Restaurants Hochwacht. Neben ihm sitzt der Wirt Fredi Jost, 71, seit der Jahrtausendwende Pächter des Lokals. Die beiden sind auf gastronomischer Ebene ein eigentliches Paar geworden, der Betrieb ist mehr als nur ein Abschnitt ihres Lebens. Ein Abschnitt, so viel ist klar, den sie Ende dieses Jahres abschliessen werden.
Erschöpfende Pandemie
Bereits im August 2020 hat Fredi Jost den Pachtvertrag beim Kanton gekündigt, es war auch eine direkte Reaktion auf den Entscheid seines Geschäftsführers, in Pension zu gehen. «Die Corona-Pandemie hat uns beiden sehr zugesetzt. Wirtschaftlich, aber vor allem auch psychisch» sagt der Wirt. Die Ungewissheit, die Sorgen, die Rückschläge – all das habe viel Kraft gekostet. Hinzu kommt, dass die Liegenschaft sanierungsbedürftig ist. «Wir gehen davon aus, dass es später einen Neustart mit einem festen Pächter gibt», sagt René Heiz.
«Wir prüfen momentan eine Sanierung und Möglichkeiten für eine allfällige Zwischennutzung», lässt indessen Isabelle Rüegg von der Medienstelle der Baudirektion des Kantons ausrichten. Möglichkeiten, die freilich auch noch für Fredi Jost und seine 13 grösstenteils langjährigen Mitarbeiter interessant sein könnten. «Wir haben hier gutes, treues Personal, das weiterarbeiten könnte. Im Falle einer Zwischennutzung würde auch ich, wenn es denn gewünscht wäre, sie noch etwas unterstützen – allerdings nicht als Pächter», erklärt er.
Das Bewährte hat sich bewährt
So oder so – es ist ein Ende, das vor allem emotional schmerzt. Natürlich, die beiden Männer sind im Pensionsalter. Und zumindest bis zu Corona lief das Geschäft, das immer noch auf einem ganzheitlichen Konzept aus den Anfangszeiten beruht, sehr beständig. «Eine saisonale, gut-bürgerliche und ganztägige Küche zu fairen Preisen, sieben Tage die Woche für alle Kunden offen», bricht René Heiz das Rezept herunter. Und: «Wir bieten für jeden etwas – vom Ausflügler bis hin zum Bankettveranstalter.»
Tatsächlich hat sich so im Verlauf der Jahre ein ansehnlicher Stamm aus Einzelpersonen und Gruppen gebildet, die sich regelmässig hier oben einfinden. Dementsprechend betroffen, erzählt Fredi Jost, seien die Reaktionen gewesen, die er von Seiten der Gäste auf seine Entscheidung erhalten hatte.
«Wir haben versucht, mit der Zeit zu gehen. Kaffee mit Aromen, alkoholfreies Bier, Premium-Bier, Light-Getränke – das meiste hat nicht funktioniert.»
René Heiz, Geschäftsführer der Hochwacht
Als hätte er es geplant, spaziert just in diesem Moment ein Pensionär an den Tisch, um dem Wirt und seinem Geschäftsführer die Hand zu drücken. Seit 20 Jahren komme er jeweils mit seiner Wandergruppe jeden ersten Mittwoch im Monat hierher, sagt der Mann. «Danke vielmals für alles ihr zwei. Wir waren immer zufrieden», betont er.
Und plötzlich kamen die Südanflüge
Fredi Jost ist berührt. Man spürt die Wehmut, wenn er von seinem Restaurant als «Baby» spricht, dass nun volljährig sei. In mehr als zwei Jahrzehnten hat er hier viel erlebt. Und je länger man ihm und Heiz so zuhört, desto mehr bekommt man eine Ahnung davon, von welch langer Zeit hier gesprochen wird. So erinnert sich Jost, wie er nach nur einem Jahr aus der Wohnung über dem Restaurant ausziehen musste, weil ihn die eingeführten Südanflüge jeden Morgen beharrlich um 6 Uhr aus dem Schlaf rissen. Oder wie intensiv er in den ersten Jahren nach Wegen suchen musste, um die Abhängigkeit von der Saison und dem Wetter zu mildern, bis sich die Hochwacht ihren Ruf gemacht hatte.
«Nouvelle cuisine, da bin ich mir sicher, wird hier oben nicht funktionieren.»
Fredi Jost, Pächter der Hochwacht
Dieser Ruf hat das Lokal stets getragen. «Wir haben versucht, mit der Zeit zu gehen. Kaffee mit Aromen, alkoholfreies Bier, Premium-Bier, Light-Getränke – das meiste hat nicht funktioniert», konstatiert René Heiz trocken. Grossen Anklang habe dagegen der offene Weinausschank gefunden. Und Fredi Jost ergänzt schon fast ein wenig trotzig: «Nouvelle cuisine, da bin ich mir sicher, wird hier oben nicht funktionieren.»
Ein netter Ratschlag für einen künftigen Nachfolger eigentlich. Vielleicht aber auch eine Warnung.
